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: Eine Lüge namens Bernhard

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Das Arschloch Thomas Bernhard, und das sage ich, obwohl ich ungern schlecht über Tote rede, das Arschloch Bernhard hat ziemlich sicher nur ein einziges gutes Buch geschrieben. Dieses Buch erscheint erst jetzt, obwohl er es schon 1980 geschrieben hat, und es zeigt, was für ein Arschloch er war, und ...

          Das Arschloch Thomas Bernhard, und das sage ich, obwohl ich ungern schlecht über Tote rede, das Arschloch Bernhard hat ziemlich sicher nur ein einziges gutes Buch geschrieben. Dieses Buch erscheint erst jetzt, obwohl er es schon 1980 geschrieben hat, und es zeigt, was für ein Arschloch er war, und vielleicht wollte er darum nicht, dass es erscheint, solange er noch lebte - und wenn ich wollte, könnte ich in diesem einschläfernden, alles und nichts sagenden Thomas-Bernhard-Ton endlos weitermachen, denn nichts ist einfacher, als so zu schreiben, ich meine, gedankenlos einen Satz an den anderen zu hängen, lauter Sätze, die sich gleichen und doch immer wieder ein bisschen verändern, denn genauso geschieht es auch im Kopf eines Schriftstellers beim Schreiben, und wenn man, sagen wir, Isaak Babel oder Junot Díaz heißt, sucht man sich schließlich den besten dieser sich so sehr ähnelnden Sätze heraus, aber das ist natürlich mehr Arbeit, als alle diese Sätze, so wie Thomas Bernhard es machte, einfach hinzuschreiben, damit sich der Leser den besten davon aussucht. Und wenn man dabei auch noch wie das große, faule, provinzielle, österreichisch-deutsche Arschloch Bernhard hier einen Maler, Politiker, Schriftsteller als Riesenarschloch beschimpft und dort eine Stadt als provinziell und kulturlos und österreichisch oder deutsch, dann hat man sowieso die Leser auf seiner Seite, die glauben, dass sie selbst keine kulturlosen, provinziellen österreichischen oder deutschen Arschlöcher sind, also alle, also auch die Österreicher, also auch die Deutschen, und das Wichtigste ist, seinen Hass nicht mit Argumenten zu untermauern und mit Begründungen zu begründen, so wie es der polternde, grummelnde, opportunistische Kaffeehaus-Schreihals Thomas Bernhard klugerweise auch nie getan hat, denn sonst hätte sich wirklich mal jemand von ihm getroffen gefühlt und nicht bloß literarisch erwähnt und geschmeichelt, und zwar zu Recht, und dann hätte der Oberheuchler Bernhard niemals zwischen Flensburg und Linz als Oberschriftsteller gegolten, und außerdem ist so was sowieso nie die Aufgabe deutscher Dichter und Denker gewesen, ich meine, ihre eigenen Leute grundsätzlich durcheinanderzubringen und ihre Lebenslügen in Frage zu stellen und so weiter. Aber das ist mir egal, und darum will ich, ein nicht ganz so deutscher Dichter und Denker, versuchen zu erklären, warum ich Thomas Bernhard nicht ausstehen kann, tot oder lebendig, und zwar anhand des ziemlich sicher einzigen guten Buches von ihm. Und damit mir das gelingt, muss ich zuerst begründen, warum es so gut ist.

          Ja - warum eigentlich? Die ungewöhnlich leicht und unredundant und unverspannt und ungestelzt und auch sonst nicht besonders bernhardesk erzählten autobiographischen Geschichten in "Meine Preise" (Suhrkamp 2009, 15,80 Euro) handeln davon, jedenfalls auf den ersten Blick, wie unangenehm es für Thomas Bernhard immer war, für seine Arbeit als Schriftsteller einen Preis zugesprochen zu bekommen - und ihn dann auch noch anzunehmen. Das klingt schon mal nach einem verdammt uninteressanten interessanten Thema, und das ist es auch. Und es klingt widersprüchlich, verlogen, opportunistisch und dadurch hochliterarisch - und das ist es ebenfalls. Doch bevor man anfängt, Bernhard dafür zu hassen, dass er nein denkt, aber ja sagt, merkt man, dass es in diesem so angenehm thesenlosen und dafür umso erzählerischeren Erinnerungsband nicht nur darum geht, was für ein Heuchler er war, sondern auch, was für ein großes Abenteuer es ist, Schriftsteller zu sein, obwohl man meistens allein an seinem Schreibtisch sitzt, auch als Heuchler, gerade als Heuchler.

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