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Ein Vampir aus dem Welschland

Schweinefleisch und Schändungen: Jacques Chessex treibt es bunt / Von Jürg Altwegg

Verdammte" - die Schriftsteller sind die Verdammten, Ungeliebten, Ausgestoßenen, die ewig Unerfüllten dieser Erde. Als solche hat vor Jahrzehnten der Westschweizer Jacques Chessex seine Vorfahren und Kollegen in der Romandie porträtiert und ihnen eine "métaphysique naturelle" attestiert. Mit "Heilige Schriften" überschrieb er die Sammlung. Die Essays lesen sich als Versuch in eigener Sache. Jacques Chessex sieht aus wie Gustave Flaubert, dessen Kult des Schreibens er ins 21. Jahrhundert rettet, und hat die Seele eines gepeinigten Protestanten in der Provinz. So wie sein Name, der nach Schach und Sex klingt und kein Pseudonym ist, sind die Titel seiner Bücher und die Namen ihrer Protagonisten.

Für seinen Ödipusroman "Der Kinderfresser" erhielt der 1934 geborene Chessex 1973 als erster Ausländer den französischen Prix Goncourt. Hier finden sich längst die großen Themen und Motive von Chessex: heimliche Sexualität und männliches Versagen, eine permanente Todesbesessenheit und der latente Faschismus der Gesellschaft. In "Mona" geht es um die Geschichte eines angesehenen Lausanner Anwalts, Maître Mange ("essen"), der einem jungen Mädchen verfällt, zu dem er eine voyeuristische Beziehung unterhält. Was Chessex hier betreibt, ist Aktliteratur.

Nach "Dreigestirn" - im französischen Titel geht es durchaus um die Heilige Dreifaltigkeit - und "Le Judas transparent" veröffentlichte Chessex vor zehn Jahren "Der Tod eines Gerechten". Ein Theologe im Ruhestand zieht Bilanz, er heißt Aimé Boucher - "geliebter Schlachter". Bei Chessex wird in jedem Roman der Sündenfall nachvollzogen. Das weibliche Wesen ist die Versuchung und das Symbol der Erlösung, aber erlösen kann nur der Tod. Entsprechend hoch ist die Suizidrate in seinen Geschichten, die sonst nie zu Ende gingen. Dieses anachronistische Gesamtwerk eines großen Stilisten ist in den letzten Jahren erneut mit hohen Preisen ausgezeichnet worden - auch von der Académie française. Im vergangenen Jahr erhielt er den Prix Jean Giono. Chessex gehört, obwohl er kaum mehr in den Zeitungen schreibt, zu den einflussreichen Figuren des Betriebs.

In Deutschland ist er kaum bekannt. Das hat zum Teil mit den Mechanismen der Schweizer Kulturpolitik zu tun. Im Rahmen des nationalen Literaturaustauschs sind die Romane des Waadtländers regelmäßig in die anderen Landessprachen übersetzt worden. Doch diese Form der subventionierten Vermittlung wird viel zu oft zur Sackgasse. Weil zudem der Verlag, der Chessex in der deutschen Schweiz betreute, praktisch von der Bildfläche verschwunden ist, gibt es in der Rezeption des Werks eine größere Lücke. Auch Jacques Chessex' neues Buch ist für die eidgenössische "CH-Reihe" von Elisabeth Edl übersetzt worden. Damit ist die Wiederaufnahme der Vermittlung gewährleistet - aber auch die Hoffnung erlaubt, dass dem zusammen mit Philippe Jaccottet wichtigsten Schriftsteller der Westschweiz endlich der Sprung in den gesamten deutschsprachigen Raum gelingen möge. In Frankreich hat "Der Vampir von Ropraz" eine Auflage von 80 000 Exemplaren erreicht.

Es ist eine schauerliche Erzählung. Sie liest sich in ihrer Kürze wie ein Konzentrat seiner Romane und seiner Obsessionen. Doch diese Geschichte eines Leichenschänders hätte sich selbst ein Jacques Chessex nicht ausdenken können - er fand den Stoff im wirklichen Leben. Im Dorf, in dem er seit drei Jahrzehnten beim Friedhof wohnt. Hier war das Grab, in dem Rosa Gillieron nicht in Frieden ruhen durfte. Mit der Schändung ihrer Leiche nimmt die wahre Geschichte des Vampirs ihren Anfang. Sie spielt zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts "im Land der Wölfe und der Abgeschiedenheit".

"Der Wahnsinn geht um. Und die Angst": In kurzen, starken Sätzen evoziert Chessex das Klima, die Örtlichkeiten, die Menschen. Sie essen so viel Schwein, "dass man ihm zuletzt ähnlich sieht, rosa Gesicht, geröteter Kopf". Im Februar 1903 wird das Grab von Rosa Gillieron aufgebrochen und ihr frischer Leichnam missbraucht, zerstückelt, aufgegessen. Es kommt zu zwei weiteren Fällen, die der Autor mit kruden Worten beschreibt - stilistisch steht Chessex in der Tradition von Naturalismus und Realismus. Die Kunde von den unglaublichen Ereignissen geht um die Welt. In Ropraz und seiner Umgebung lösen sie eine Welle der Verdächtigungen aus. Aber auch kollektive Erregung und gieriges Erschauern. Der tumbe Knecht Favez wird verhaftet. Dass er der Vampir ist, steht nicht zweifelsfrei fest. Favez wird beim Schänden der Tiere im Stall beobachtet und bei einer Vergewaltigung auf frischer Tat ertappt. Dank einem Arzt, der sich für ihn interessiert, kommt er nicht ins Gefängnis, sondern in die neu gegründete Irrenanstalt von Lausanne.

Nur nebenbei erzählt Chessex seine Jugend und Herkunft - in dieser Geschichte wird keine Psychologisierung betrieben. Die gesellschaftlichen Mechanismen bleiben nicht ausgeklammert, das Volk verlangt den Tod des Monsters. Subtil wechselt Chessex bezüglich der Erzählperspektive zwischen dem Autor und einem beklemmenden Wir hin und her. Chessex geht es in seiner eigenen "métaphysique naturelle" um die absolute Untat. Für ihre Überhöhung greift er zu einem herrlichen Kunstgriff. Nach zwölf Jahren guter Führung kommt Favez auf einen Bauernhof. Er haut ab und geht in die Fremdenlegion. Hier trifft er auf den großen Dichter und Landsmann Blaise Cendrars, der im Dienst für Frankreichs Armee bekanntlich seinen Arm verlor. Cendrars macht aus dem helvetischen Kampfgefährten seine literarische Figur "Moravagine": "Schändung junger Frauen, Favez, Schändung von Gräbern? Kein Urteil. Die Legion und der Krieg tilgen alles." Favez fällt im Ersten Weltkrieg. Chessex verewigt ihn nicht nur in der Literatur eines anderen, er widmet ihm auch ein Denkmal. Favez' Sarg - das ist die zweite literarische Freiheit, die sich der Dichter herausnimmt - gewinnt 1920 bei der Auslosung des Unbekannten Soldaten. Die Ewige Flamme des Erinnerns in Paris leuchtet für den Leichenschänder aus der Welschland: Unter dem Triumphbogen schlummert Favez, der Vampir, "nur mit einem Auge, denn er wartet darauf, wieder umzugehen in kommenden Nächten".

Jacques Chessex: "Der Vampir von Ropraz". Roman. Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Edl. Verlag Nagel & Kimche, Zürich 2008. 96 S., geb., 12,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.10.2008, Nr. 241 / Seite L13

 
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Veröffentlicht: 15.10.2008, 12:00 Uhr