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Veröffentlicht: 15.10.2008, 12:00 Uhr

Ein Vampir aus dem Welschland

Schweinefleisch und Schändungen: Jacques Chessex treibt es bunt / Von Jürg Altwegg

Verdammte" - die Schriftsteller sind die Verdammten, Ungeliebten, Ausgestoßenen, die ewig Unerfüllten dieser Erde. Als solche hat vor Jahrzehnten der Westschweizer Jacques Chessex seine Vorfahren und Kollegen in der Romandie porträtiert und ihnen eine "métaphysique naturelle" attestiert. Mit "Heilige Schriften" überschrieb er die Sammlung. Die Essays lesen sich als Versuch in eigener Sache. Jacques Chessex sieht aus wie Gustave Flaubert, dessen Kult des Schreibens er ins 21. Jahrhundert rettet, und hat die Seele eines gepeinigten Protestanten in der Provinz. So wie sein Name, der nach Schach und Sex klingt und kein Pseudonym ist, sind die Titel seiner Bücher und die Namen ihrer Protagonisten.

Für seinen Ödipusroman "Der Kinderfresser" erhielt der 1934 geborene Chessex 1973 als erster Ausländer den französischen Prix Goncourt. Hier finden sich längst die großen Themen und Motive von Chessex: heimliche Sexualität und männliches Versagen, eine permanente Todesbesessenheit und der latente Faschismus der Gesellschaft. In "Mona" geht es um die Geschichte eines angesehenen Lausanner Anwalts, Maître Mange ("essen"), der einem jungen Mädchen verfällt, zu dem er eine voyeuristische Beziehung unterhält. Was Chessex hier betreibt, ist Aktliteratur.

Nach "Dreigestirn" - im französischen Titel geht es durchaus um die Heilige Dreifaltigkeit - und "Le Judas transparent" veröffentlichte Chessex vor zehn Jahren "Der Tod eines Gerechten". Ein Theologe im Ruhestand zieht Bilanz, er heißt Aimé Boucher - "geliebter Schlachter". Bei Chessex wird in jedem Roman der Sündenfall nachvollzogen. Das weibliche Wesen ist die Versuchung und das Symbol der Erlösung, aber erlösen kann nur der Tod. Entsprechend hoch ist die Suizidrate in seinen Geschichten, die sonst nie zu Ende gingen. Dieses anachronistische Gesamtwerk eines großen Stilisten ist in den letzten Jahren erneut mit hohen Preisen ausgezeichnet worden - auch von der Académie française. Im vergangenen Jahr erhielt er den Prix Jean Giono. Chessex gehört, obwohl er kaum mehr in den Zeitungen schreibt, zu den einflussreichen Figuren des Betriebs.

In Deutschland ist er kaum bekannt. Das hat zum Teil mit den Mechanismen der Schweizer Kulturpolitik zu tun. Im Rahmen des nationalen Literaturaustauschs sind die Romane des Waadtländers regelmäßig in die anderen Landessprachen übersetzt worden. Doch diese Form der subventionierten Vermittlung wird viel zu oft zur Sackgasse. Weil zudem der Verlag, der Chessex in der deutschen Schweiz betreute, praktisch von der Bildfläche verschwunden ist, gibt es in der Rezeption des Werks eine größere Lücke. Auch Jacques Chessex' neues Buch ist für die eidgenössische "CH-Reihe" von Elisabeth Edl übersetzt worden. Damit ist die Wiederaufnahme der Vermittlung gewährleistet - aber auch die Hoffnung erlaubt, dass dem zusammen mit Philippe Jaccottet wichtigsten Schriftsteller der Westschweiz endlich der Sprung in den gesamten deutschsprachigen Raum gelingen möge. In Frankreich hat "Der Vampir von Ropraz" eine Auflage von 80 000 Exemplaren erreicht.

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