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Ein lebenswichtiges Spurenelement namens Maria

Plötzlich stößt man in diesem wuchernden Textgewebe auf eine winzige Passage, in der alles stillsteht. Ein toter Augenblick. In dieses Erzählvakuum hinein schießen zwei, drei Bilder, die den Kern der Geschichte definieren. Die Stelle bedeutet eine Engführung im Roman "Blindlings" des italienischen Schriftstellers ...

Plötzlich stößt man in diesem wuchernden Textgewebe auf eine winzige Passage, in der alles stillsteht. Ein toter Augenblick. In dieses Erzählvakuum hinein schießen zwei, drei Bilder, die den Kern der Geschichte definieren. Die Stelle bedeutet eine Engführung im Roman "Blindlings" des italienischen Schriftstellers Claudio Magris; ein Moment, in dem sich die Handlungsfäden verknüpfen und die überbordende Erzähllust auf einmal gebändigt wird.

Salvatore Cippico, der Mann mit der ungesicherten Identität und dem gespaltenen Bewusstsein, Sohn eines italienischen Australien-Emigranten und einer tasmanischen Mutter, monologisiert vor seinem Arzt, dem Chef einer psychiatrischen Klinik an den Stadträndern von Triest. Er legt Rechenschaft ab über sein Leben. Er gibt seine ausschweifende Geschichte mit den ausgefransten Rändern, den übersteigerten Phantasien, den aufgeblähten Abenteuern zu Protokoll. Er spricht von den ungeordneten Dingen im Innern jedes Menschen, vom leeren, dunklen Raum, der in seinem Kopf sei, und von den weißen Fäden, die ihn wie Sternschnuppen am nächtlichen Himmel durchziehen. Er will ein für alle Male herausfinden, wer er ist und was er will: "Diese milchige Finsternis, dieses im Unbewussten schwimmende Gerinnsel, das bin ich - wenn dies das Porträt eines Menschen ist, kann man daraus seine Geschichten erzählen? Hat dieser Mischmasch eine Geschichte, ein Leben? Aber dann wäre Maria, weiße Margarite auf der dunklen Lichtung, wären ihre schrägen, zärtlichen, spöttischen Augen . . . diese dunklen, leuchtenden Sterne in der Nacht . . . ."

In den gestammelten Sprachfetzen, im immer wieder abreißenden Sprachstrom dieses Romans entdeckt man nach einiger Zeit die Konturen eines Helden, in dessen Innenleben sich Elend und Schönheit, Wirrnis und Erleuchtung verspiegeln - Abbilder des europäischen Jahrhunderts. Das Entsetzen über den Schrecken und den Terror, dem der Mensch hilflos ausgeliefert ist, prallt zusammen mit der Utopie von einer besseren Welt. In Claudio Magris' Roman "Blindlings" trägt diese Utopie den Namen Maria. Wo immer er auftaucht, wird er zum Symbol einer heilen Gegenwelt und zur Vision von Liebe, welche Wunden heilen könnte. Leben sei Glaube, der Berge versetzen könne, sagt der Erzähler. Wer nicht mehr an die Liebe glaube, sei zur ihr auch nicht fähig. Die Evokation des Namens Maria wirkt als Spurenelement in einem Erzählschwall, der gesättigt ist von verlorenen Illusionen, von der Einsicht über das Scheitern der europäischen Ideologien und von der Trauer über die entzauberten Ideale.

Claudio Magris, der an der Universität von Triest deutsche Literatur lehrt, zu den wichtigsten Intellektuellen Italiens zählt und einer breiten Leserschaft auch als virtuoser Kolumnist des "Corriere della Sera" bekannt ist, hat für seinen Roman eine komplexe Erzählstruktur gewählt. Nichts ist gesichert, kein Schauplatz, keine Identität, keine Einsicht. Mehr musikalische Komposition und tönende Wolke als kohärenter Text, schafft er eine Art Klangkörper. Strukturiert wird dieser durch das Gegenspiel von Chaos und Ordnung. Bald lässt der Erzähler seinen Traumbildern, seinen Spintisierereien, seinen Erfindungen freien Lauf, bald bändigt er die überschwappenden Einfälle in konzentrierten Passagen.

Zwei herausragende Akteure konturieren dabei den Erzählraum, wobei bis zum Schluss nicht sicher ist, ob die beiden Figuren nicht unterschiedliche Aspekte eines einzigen Bewusstseins sind. Es sind zwei Sprechstimmen, die sich aus dem Gewirr der Töne und Melodien erheben und ihr Schicksal erzählen. Salvatore Cippico hat den politischen Kampf in Australien mitgemacht und den spanischen Bürgerkrieg erlitten, er hat Dachau überlebt und die Todesinsel Goli Otok, auf der Tito auch italienische Genossen inhaftierte. Sein Gegenspieler, halb fiktiv, halb authentisch, ist der historisch verbürgte Abenteurer Jørgen Jørgensen, der am königlichen Hof in Dänemark aufgewachsen ist, zum Dichter wurde, als Waljäger die Ozeane durchquerte, für ein paar Wochen zum selbsternannten König von Island avancierte und nach ungezügelten Erlebnissen wieder als Gefangener der britischen Krone dort landete.

Auf der Reise durch Meere und unermessliche Kontinente werden die streunenden Hasardeure mit den Abgründen der menschlichen Existenz konfrontiert. Auf hoher See gilt Kadavergehorsam und das Recht des Stärkeren. Wer sich dem Spiel von Macht und Unterwerfung verweigert, wird als Sklave misshandelt. Erbarmen und Mitleid kennen diese Männer nicht, maskuline Ideale von Gewalt und Herrschaft prägen ihr Weltbild.

Das Meer wird im Roman von Claudio Magris zur Generalmetapher, die das Erzählgeflecht zusammenhält. Wie süchtig suchen die Helden immer wieder das Wasser und überlassen sich den Wellen, erbarmungslos vorangepeitscht und wieder ausgespuckt. Es treibt die beiden Protagonisten vom Südpazifik über die Adria bis zum Nordatlantik zu immer neuen Ufern. Das Wasser ist dabei zugleich zerstörerisches Element wie Urquell des Lebens. Es lockt als Inbegriff des Unbewussten und Geheimnisvollen, wird aber auch zum Symbol von Schiffbruch und Heimatlosigkeit.

Claudio Magris unterlegt diesen Bilderreihen mythologische Bedeutungen. Das Schiff, auf dem Cippico reist, heißt Argo, die Helden sind in Anspielung auf die Argonauten auf der Suche nach dem Goldenen, glückverheißenden Vlies. Und wie einst Iason und seine Begleiter auf der männerlosen Insel Lemnos beim Anblick der verführerischen Frauen so betäubt wurden, dass sie beinahe die Weiterfahrt vergaßen, überfallen Cippico auf seinen Expeditionen immer wieder lähmende, berauschende Erinnerungen an Maria.

Dieser Roman ist also beides: ein klug komponiertes Werk eines Schriftstellers, das den Leser immer wieder in versteckte Erzählräume lockt und durch verschlungene Labyrinthe treibt, wo ihm entweder unerwartet Einsichten zuwachsen - oder wo er schnurstracks abstürzt. Mit seiner Fülle von Anspielungen aus Mythologie, Literatur- und Menschheitsgeschichte ist "Blindlings" aber auch das etwas verstiegene, eigensinnige Opus eines Literaturwissenschaftlers, den die Leidenschaft zum Detail vorantreibt und der den Leser mit einer Überfülle an geballtem Wissen überfährt, so dass es ihm unter der Wucht des Textes doch das eine oder andere Mal ein wenig den Atem verschlägt.

- Claudio Magris: "Blindlings". Roman. Aus dem Italienischen übersetzt von Ragni Maria Gschwend. Hanser Verlag, München 2007. 414 S., geb., 24,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.01.2008, Nr. 10 / Seite Z5

 
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