http://www.faz.net/-gr3-omri

: Ein frommer Nihilist

  • Aktualisiert am

Was den Verlag veranlaßt haben mag, dieses Werkchen, das zuerst 1954 erschien und trotz mehrerer Wiederbelebungsversuche nie wirklich erfolgreich war, erneut zu präsentieren, bleibt sein Geheimnis. Zu einem erklärenden Nachwort sah er sich jedenfalls nicht bewogen. Das Buch wird auf den Markt gebracht, ...

          Was den Verlag veranlaßt haben mag, dieses Werkchen, das zuerst 1954 erschien und trotz mehrerer Wiederbelebungsversuche nie wirklich erfolgreich war, erneut zu präsentieren, bleibt sein Geheimnis. Zu einem erklärenden Nachwort sah er sich jedenfalls nicht bewogen. Das Buch wird auf den Markt gebracht, als sei es brandaktuell, dabei ist es so historisch wie nur eines, ein typisches Zeugnis der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts und als Dokument dieser Zeit noch am besten zu ertragen.

          Jens Rehn (1918 bis 1983) war Literaturredakteur bei Rias Berlin und im Zweiten Weltkrieg U-Boot-Kommandant. Er überlebte eine Havarie und machte einen existentialistischen Roman daraus. Es gibt dafür ein probates Rezept. Man tilge aus dem Erlebten alle Spuren des wirklichen Geschehens, alle Voraussetzungen, Gründe und Einzelheiten. Man tilge ferner alles Gesellschaftliche in seiner Verflochtenheit und beschränke sich auf zwei monadenhafte Individuen, die in einem Schlauchboot auf dem Atlantik treiben. Man gebe ihnen keine Namen und kaum eine Lebensgeschichte und verschweige, wie sie ins Schlauchboot kamen, denn existentieller ist es doch, wenn sie nur "der Einarmige" und "der Andere" heißen und das Spiel "der Mensch in der Grenzsituation" aufführen. Man reduziere die Requisiten auf Schokoriegel, Kaugummis, Zigaretten und eine Flasche Whisky und lasse die beiden langsam sterben. Daß die zwei Männer (warum müssen es im Existentialismus immer Männer sein?) nicht über Hitler und den Krieg nachdenken, sondern über den Sinn, das Sein und das Nichts, verwundert nach all diesen Vereinfachungen nicht.

          "Nichts in Sicht" heißt es mehrmals leitmotivisch und paradox. Aus dem Gefängnis der Paradoxie findet Jens Rehn nicht heraus. Ein Nichts, das sich derart expressiv manifestiert, ist selbstverständlich ein Etwas, so lebendig wie das Nada in Hemingways Vaterunser-Parodie: "Our nada who art in nada, nada be thy name, thy kingdom nada." Das Sterben der beiden Männer vollzieht sich nicht im Nichts, sondern vor der grandiosen Kulisse einer metaphysischen Landschaft: Das Meer, die Sonne, der bestirnte Himmel verfehlen nicht, stets einen erhabenen Eindruck zu machen. In den Fieberträumen des "Anderen" feiert die große Ordnung des Seins ihr nihilistisches Fest. Zum Personal gehört noch immer ganz ausdrücklich Gott. Er heißt "der Große" und wird bedroht: "Wenn ich dich zu fassen kriege." Ach, ein "Finsterer", der Satan offenbar, findet Erwähnung, ein Letztes Gericht gibt es, vor das der Sterbende treten zu müssen glaubt, und das Ewigweibliche zieht den Verstorbenen hinan, in Gestalt seiner Freundin Maria, die schon vor ihm das Zeitliche segnete.

          Rehn ist ein frommer Nihilist. Er braucht Gott, um jemanden anklagen zu können. "Er hatte das Gefühl, als säßen die Götter oder der Große hoch oben über ihm, sähen auf ihn herab und hätten einen grandiosen Spaß an seinem Herumtasten und Sterben." Aber auch die Gottesverzweiflung wird nicht durchgehalten. Die beiden Männer müssen zwar sterben, aber der Erzähler, der alles über sie weiß, muß ja irgendwie überlebt haben; die Erzählhaltung teilt dem Leser infolgedessen einen tröstlichen Subtext mit, der die Toten aufgenommen sieht in eine große tragische Ordnung des Seins. Der Tod ist schön. Sogar Gott erscheint, als Licht. "Nicht einmal mehr der Große wollte etwas. Er ließ nur zu, daß er gesehen werden konnte." So spiegelt die Erzählung die ganze Hilflosigkeit der fünfziger Jahre wider, die an der Ursachenanalyse scheitert und sich statt dessen gläubig in die düstere Toga des Nihilismus hüllt.

          HERMANN KURZKE

          Jens Rehn: "Nichts in Sicht!" Schöffling & Co. Verlagsbuchhandlung, Frankfurt am Main 2003. 162 S., geb., 18,90 [Euro].

          Weitere Themen

          Der Gipfel auf der Insel

          Xi und Pence in Papua Neuginea : Der Gipfel auf der Insel

          Die Pazifik-Staaten tagen auf Papua Neuguinea. Kreuzfahrtschiffe werden zu Hotels und Mike Pence pendelt mit dem Flugzeug aus Australien. Der bitterarme Inselstaat wirkt überfordert. Und Xi Jinping lässt sich feiern.

          Topmeldungen

          Friedrich Merz, Annegret Kramp-Karrenbauer und Jens Spahn (v.l.n.r.), hier auf einer Veranstaltung in Idar-Oberstein, wollen Angela Merkel an der Parteispitze beerben.

          Zweite CDU-Regionalkonferenz : „Eine unbezahlbare Marketingshow“

          „Wir brauchen euch drei gemeinsam“, meint Julia Klöckner bei der zweiten Regionalkonferenz im Kampf um den CDU-Vorsitz. Doch die Kandidaten versuchen, sich von den Konkurrenten abzusetzen – zum Beispiel beim Migrationspakt. Mit Erfolg?

          Saudi-Arabien : Ein Kronprinz in der Defensive

          Meist geht die Welt nach der Tötung eines Regimekritikers schnell zur Tagesordnung über. Im Fall Khashoggi ist das anders – und das liegt vor allem an Muhammad Bin Salman. Ein Kommentar.
          Darf vorerst bleiben: Carlos Ghosn

          Renault : Ghnosn darf nach Finanzaffäre bleiben – vorerst

          Die Nummer Zwei rückt auf: Thierry Bolloré soll künftig die operativen Geschäfte von Renault führen. Der im Zuge einer Finanzaffäre verhaftete Carlos Ghosn bleibt aber vorerst ebenfalls Unternehmenschef.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.