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: Ein flüchtig verleimter Mensch

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Herta Müller hat in ihrem Nachwort zu Blechers erstem Roman dessen große Kunst so beschrieben: "Blechers Erotik der Wahrnehmung braucht immerzu den Vergleich des einen Dings mit einem nie für möglich gehaltenen anderen." Adamsäpfel hüpfen wie Gummipuppen, Arme sind flötendünn, Schweigen lacht so sanft, "als machte ständig einer in mir Seifenblasen". Oder es heißt: "Hoch und erhaben wie tote Prinzessinnen, trugen sie die blutfeuchten, roten und lilafarbenen Rinderhälften auf den Armen."

Der Körper ist entzwei, aber Blecher fügt die Welt neu zusammen. Für den Patienten Emanuel im Roman gibt es nur eine Hoffnung, die heißt Berck. Ein Kurort an der Küste, ein Ort der Kranken, der Sanatorien. Schon bei der Ankunft sieht man die Menschen in "fahrenden Särgen" umhereilen. Der neue Patient wundert sich, daß alle ganz normal und fein gekleidet sind, nur einen Unterschied gibt es zur Welt der Gesunden. Die Menschen hier liegen alle. Liegend fahren sie durch den Ort, liegend grüßen sie sich, halb liegend wird gespeist. Die "horizontale Lebenslage", die Hans Castorp im gut zehn Jahre zuvor erschienenen "Zauberberg" entzückt und entrückt hatte, ist hier zum permanenten Lebenszustand geworden. Die Menschen sind eingegipst. Bewegungslos und starr, Gefangene ihrer Krankheit, Gefangene des Sanatoriums, Gefangene in weißem Gips. Lebende Tote.

Erst als Emanuel zum ersten Mal den Speisesaal betritt, begreift er, in welche Hölle er hier geraten ist, in eine Welt der ewig Untoten, eine Welt des Stillstands und des Wahns: "Im Speisesaal waren die Traumelemente und die Wirklichkeitselemente in eine solche Gleichzeitigkeit geraten, daß Emanuel einige Sekunden lang das Gefühl hatte, sein Bewußtsein sei total zerfallen. Es war außerordentlich durchsichtig und trotzdem unglaublich zerbrechlich und unsicher geworden. Was ging hier vor?"

Emanuel wird immer tiefer in diese Welt hineingezogen. Er wird eingegipst wie all die anderen Kranken, kutschiert im fahrenden Sarg durch die Geisterstadt und beobachtet die ewig gleiche Welt mit immer wieder neuem, kaltem und erstauntem Blick. Vieles erinnert an die Atmosphäre auf dem Zauberberg, der Stillstand, die Sehnsucht nach der Krankheit, die Liebe als krankheitsbildende Macht. Berck ist Davos: "Berck ist etwas anderes als eine Stadt der Kranken. Es ist ein subtiles Gift, das sofort ins Blut geht. Wer hier gelebt hat, findet nirgends auf der Welt mehr seinen Platz." Doch die distanzierte Sprache Blechers ähnelt viel mehr der Franz Kafkas und Robert Walsers als der Thomas Manns.

Am grausamsten lesen sich in diesem Buch die Berichte von der Liebe. Von den zerfallenden Menschen in Gips, die nie mehr zueinander finden können und so in einer besonders verzweifelten Liebe aneinander hängen. Sich zueinander legen und doch unendlich weit voneinander entfernt sind. "Sie reiben ihren Gips aneinander, mehr können sie nicht tun", flüstert nach seiner Ankunft ein erfahrener Patient Emanuel ins Ohr. Und er verliebt sich in eine Genesene, in Solange, die vor einer geraumen Zeit dem Gips entkommen ist, und er fühlt so nun doppelt sein Gebrechen. Die Liebesszenen zwischen beiden sind in ihrer hoffnungslosen Romantik und peinlichen Körperlichkeit entsetzlich: "Dann wälzte Emanuel sich um und zerquetschte sie unter der Last seines Leibes und des Gipses." Die Liebe ist unmöglich, und Emanuel wird dieses Leben bald verlassen, weiterziehen in neue Einsamkeit. "Wenn jemand einmal dem Leben entzogen worden ist und die Zeit wie die nötige Ruhe hatte, sich eine einzige, wesentliche Frage darüber zu stellen, bloß eine, dann bleibt er für immer vergiftet."

M. Blecher ist ein Jahr nach Erscheinen dieses Buches gestorben. Fast siebzig Jahre später erscheint das Buch erstmals auf deutsch. Die Zeit war wirklich stehengeblieben.

VOLKER WEIDERMANN

M. Blecher: "Vernarbte Herzen". Deutsch von Ernest Wichner. Suhrkamp 2006. 222 Seiten, 14,80 Euro.

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