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Ein Ekelreigen

03.04.2004 ·  Keine Geschmackssache: Thor Kunkels Roman "Endstufe"

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In Thor Kunkels Roman "Endstufe" erscheint das Dritte Reich schon auf den ersten Seiten als Geschmacksfrage, als Lifestyle-Phänomen, als große Sause für die happy few, denen die Frage der passenden Schuhcreme für "Reitstiefel aus chromgegerbtem Rindsleder" wichtiger ist als der ferne Schlachtenlärm an der Peripherie. Im Zentrum stehen die im Dritten Reich tatsächlich produzierten und in einzelnen Kopien erhaltenen "Sachsenwald"-Pornofilme, deren interessante Geschichte Kunkel ausführlich recherchiert hat. Indem er seinen Roman allein aus der beschränkten Sicht einer kleinen Clique von Profiteuren erzählt, potenziert er bewußt die Explosivität des ohnehin leicht entzündlichen Celluloid-Materials: Wer einen heiklen Stoff so - und nicht etwa, wie zuerst geplant, in Sachbuchform - behandelt, weiß, daß er mit dem Feuer spielt. Gebrannte Kinder scheuen das: Der Rowohlt-Verleger Alexander Fest zog den Roman in letzter Minute zurück und erhob schwere Vorwürfe gegen den Autor (F.A.Z. vom 10. Februar); Wolfgang Hörner von Eichborn hatte weniger Skrupel und wollte sich die garantierte Aufmerksamkeit nicht entgehen lassen.

Die Romanhandlung setzt 1941 ein, als Hitler - vor dem Rußlandfeldzug - auf dem Höhepunkt seiner Macht steht. Damals in den "Roaring Forties" konnte man scheinbar allein mit einer schwarzen Uniform die Frauen um den Finger wickeln: "Das holde Blond bevorzugt den schwarzen Ritter", wie der Personalchef des SS-Hygiene-Instituts feststellt, bevor er dem frisch eingestellten Chemiker Karl Fußmann den Berechtigungsschein für die "todschicke", von Hugo Boss geschneiderte Uniform ausstellt. Doch Fußmann macht von dieser "Lizenz zum blonden Geschlecht" wenig Gebrauch, da er mit der brünetten Johanna verlobt ist, einer Operettensängerin und Modenärrin, die mit "Kraft durch Freude"-Dampfern tourt und von der teutonischen "Wende zum Wams" fasziniert ist. Ach, SS-Mann müßte man gewesen sein?

Am Schützenstammtisch

Fußmann wird einem Forschungsbereich zugeteilt, der eine Malaria-Prophylaxe für Rommels Afrika-Korps entwickeln soll. Sein Vorgesetzter, Graf Ferrie Gessner, ein braunlackierter Karrierist und hedonistischer Dandy, nutzt seine Stellung dazu, eine Produktionsfirma für "Naturfilme" zu betreiben. Die Filme will er im neutralen Schweden gegen hochwertiges Eisenerz eintauschen. Um den historischen Kern spinnt Kunkel eine kolportagehafte Liebesgeschichte: Als Fußmann im Auftrag Gessners illegal Farbfilmmaterial zum oberbayrischen Drehort bringt, wird er vom Kameramann ohne sein Wissen als Ersatzdarsteller eingesetzt und verfällt seiner nach dem Dreh verschwundenen Partnerin Lotte, die er später in einem Bordell aufspürt.

Heikel an Kunkels Roman ist nicht allein der Stoff als solcher und auch nicht die beschränkte Perspektive. Daß man auch aus der Innensicht über das Dritte Reich einen gelungenen Roman schreiben kann, hat etwa Marcel Beyer mit "Flughunde" bewiesen. Problematisch am ersten, in Deutschland spielenden Teil ist eher, daß Kunkel Stoff und Form zu verwechseln scheint. Das Pornographische ist nur sichtbarster Ausdruck der Lebensphilosophie einer dekadenten Kaste, die im Vögeln statt im Krieg das Heil erblickt, deren einziges Nachschubproblem den Kokainvorrat betrifft, während sie in der "Lumpihütte" am Obersalzberg eine orgiastische "Zickenverlade" steigen läßt - "Sieg Geil" hat Lotte auf ihr Hinterteil tätowiert. Indem er sich den verschwitzten Kasino-Ton seiner Protagonisten zu eigen macht und die Trash-Ästhetik als Freibrief für "Naturszenen" aller Art versteht, wird in seinem Roman das Dritte Reich selbst zur Liebhabervorführung: Feiern, bis der SS-Arzt kommt?

Ein Aktanbahnungsdialog klingt dann so: ",Sie würden die Wartung einer Frau sicher ganz genau nehmen, Doktor' - ,Bitte?' - ,Keine falsche Bescheidenheit. Bei Ihnen wäre ich gern auf dem Prüfstand . . . Sie lieben es, an Knöpfen und Schaltern zu fummeln. Sie sind ein ganz Genauer.' - ,Knöpfe und Schalter?' - ,Na, was denken Sie, was Brustwarzen sind?'" Die Treatments, die der perverse Frauenarzt und frühere Lebensborn-Forscher Pfister für die Pornos schreibt, klingen vollends wie eine patriarchalische Revanche an Elfriede Jelineks "Lust": "Nachdem er das gutgepolsterte Wildbret an einen Baum gefesselt hat, verpaßt er seiner Dirne einen Bauchschuß". Solche "Stellen", die einen sturztrunkenen Schützenstammtisch erheitern mögen, finden sich im dreckigen Dutzend.

In der zweiten, in Nordafrika spielenden Hälfte wird der Roman handwerklich besser. Kunkel legt die Handlung stärker an die Leine der eigenen Recherchen, was ihr zeitweilig Thriller-Qualitäten verleiht. Das Kriegsglück hat sich inzwischen gewendet, und die selbsternannte sexuelle Arier-Elite sucht ihr Heil in stillschweigenden Absetzbewegungen. Fußmann erhält einen Anruf des im "Testfeld Libyen" vermeintlich gefallenen Ferrie und macht sich mit einem Filmpaket in die Wüste auf, verfolgt von sadistischen Gestapo-Männern. Hier gehen auch endlich die Bezüge auf die grotesk-paranoide Ästhetik Thomas Pynchons über die bloße Behauptung - ein bißchen "Imipolex G" hier, etwas "Brennschluß" dort - hinaus: Fußmann hängt einem okkult-evolutionären Weltbild an, das die Menschen auf dem Weg zur "magnetischen Seele" wähnt. In der afrikanischen Etappe begegnet er einem jungen Soldaten, der durch einen Granatspitter im Kopf zum Medium elektromagnetischer Strömungen geworden ist und so den Riß zwischen Organischem und Anorganischem überwindet: Pynchons mysteriöse Prothesendame "V." gehört hier zur engeren Verwandtschaft.

Wenngleich die Figuren über ihre primären Geschlechtsmerkmale hinaus wenig Konturen gewinnen, halten sich - jedenfalls für Freunde veredelten Schunds - Licht und Schatten bis dahin noch die Waage. Im letzten Teil jedoch, dessen Themen der Bombenkrieg, die Massenvergewaltigungen deutscher Frauen und die Re-Education sind, wird die Grenze überschritten, bei der sich die Geister noch an Geschmacksfragen scheiden könnten. Denn jetzt kommt die diffuse erzählerische Konstruktion ins Spiel, die das Rowohlt-Lektorat wohl mehr als alles andere vom Zweifel zur Verzweiflung trieb. Und da wird der Roman in der Tat zum "Fall Kunkel".

Dazu ist ein Rückblick auf seinen Debüt-Roman "Das Schwarzlicht-Terrarium" (2000) erhellend, der in der Frankfurter Disko-Szene der Siebziger spielt. Darin begegnen wir neben Fußmanns Enkel, der sich auf "chemisches Fernsehen", nämlich Halluzinogene, verlegt hat, dem schwarzen GI Eddie. Angesichts des Völkermordes an den Indianern kann der über deutsche Schuld nur lachen: "Ironie des Schicksals, daß sich ausgerechnet die USA in Nürnberg wie die Gralshüter von Recht und Ordnung aufspielten: ein einmaliges Schauspiel - erfahrene Schlächter sitzen über kleine Stümper Gericht". Die Rollenprosa diente Kunkel bereits dort als Deckung für revisionistische Gedanken: "Als Gipfel des Absurden empfand Eddie die deutschen Selbstkasteiungen, das ewige Wiederkäuen der NS-Verbrechen - als ob die Nazis den Völkermord erfunden hätten."

In seinem zweiten Roman "Ein Brief an Hanny Porter" wird der Prozeß gegen O. J. Simpson zum Symbol einer rassischen Degeneration der Menschheit: "Statt einer geistigen Entwicklung beginnt nun die rein materialistische Entwicklung des Selbst in Form von dicken BMWs und halb nackten Bräuten wie auf MTV. In Amerika beobachten wir seit längerer Zeit die Entstehung eines farbigen Raubmenschen, habgierig, primitiv . . ." Auch das ist Rollenprosa, die hier dem hochintelligenten Kidnapper Marv in den Mund gelegt wird. Den Simpson-Prozeß hält Marv für die "überzeugendste Machtdemonstration der internationalen Plutokratie seit Ende des Zweiten Weltkriegs". Den wiederum haben, wie jetzt eine der Figuren in "Endstufe" wissen will, die Rothschilds finanziert.

Kunkel glaubt sich dadurch absichern zu können, daß seine Hauptfiguren gar keine überzeugten Nazis, sondern einfach gewissenlose Profiteure und Wendehälse sind. Doch gerade dadurch macht er deren Weltbilder salonfähig, zumal im Schlußteil keine Differenz zwischen Figuren- und Erzählerebene erkennbar ist: Das Wüten der Roten Armee ist dann eine "gnadenlose Fließbandarbeit von samenden Automaten"; in Freudenstadt wiederum taten sich die algerischen und marokkanischen Divisionen "an Frauen und Schafen gleichermaßen gütlich". Während Hiroshima und der Bombenkrieg gegen Deutschland in grellen Farben ausgemalt werden, kommen die Vernichtungslager mit keinem Wort vor. Lotte schließt gemäß der Logik des Buchs: "Nicht die Gerechten haben den Krieg gewonnen, sondern die Brutalen".

Sexus als Kriegsgewinnler

Auch in der Nachkriegszeit scheint das einzige Thema die "in der Natur nur als Klobürste vorkommende Kopfform des Negers" und dessen Verwendbarkeit für Pornos zu sein: ",Es bedarf noch eines Jahrhunderts, bis der schwarze mit dem weißen Amerikaner auf einer Stufe steht', soll General McNarney, Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte, im Frühjahr 1946 gesagt haben. Zuweilen denkt Lotte, da könnte was dran sein". Das Buch endet mit einem Finis germaniae, das die Weltherrschaft des Kapitals besiegelt. Die "Endstufe" der Menschheit ist nicht Fußmanns romantischer Magnetismus, sondern ihr Verfall zum rassisch durchmischten, auf Bedürfnisbefriedigung fixierten Porno-Publikum und die totale Sexualisierung der Welt.

Visionär blickt Fußmann, schließlich in Las Vegas gelandet, im Epilog in die Gegenwart voraus, wo eine neue Bio-Technologie da weitermachen werde, "wo wir 1945 aufgehört haben - nicht aus moralischen Bedenken, sondern weil uns einfach der Strom abgestellt wurde". Amerikas Züchtungsprojekt laufe allerdings nicht auf Selektion, sondern auf Vermischung aller Rassen hinaus: "Am Ende der genetischen Gleichschaltung steht ein milchkaffeebrauner Plebejer mit platter Nase und blondem Kraushaar: weiße Kohle eben, der Bodensatz einer Biokratie, von der wir noch keine Ahnung haben". Von diesem Ende her lesen sich vorhergehende, scheinbar harmlosere Passagen anders. Denn zur Ideologie - nicht zur Praxis - des Nationalsozialismus gehörte der antikapitalistische und -amerikanische Affekt, die Warnung vor dem Sieg des "Geldes" über den "Geist". Aus dem Herzen der Finsternis macht Kunkel keine Mördergrube, sondern ein großes Lichtspielhaus: Darin erscheint Nazi-Deutschland nur als "Wirtskörper" für den amerikanischen Fun-Totalitarismus. Über Kulturkritik und Fortschrittsskepsis könnte man ja reden. Aber daß sie hier mit der Entlastung des NS-Regimes einhergeht, macht dieses Buch so abstoßend.

"Endstufe" ist ein zutiefst zynischer Versuch, die "Dauerrepräsentation unserer Schande" (Walser) - die Bilder aus den deutschen Vernichtungslagern - mit einem wüsten Ekelreigen zu exorzieren und zugleich durch das breite Ausmalen alliierter Verbrechen zu übertünchen. So fügt sich der Roman zu einem Großreinemachen der Weltgeschichte, mit dem die Untaten des Dritten Reichs zu einem dilettantischen Vorspiel unseres biologistischen Zeitalters unter amerikanischer Flagge heruntergespielt werden. Erzählerisch ist er nicht so schlecht, wie er mitunter gemacht wurde, aber ideologisch ist er skandalöser, als einige meinen.

Thor Kunkel: "Endstufe". Roman. Eichborn Berlin, Frankfurt am Main 2004. 590 S., geb., 24,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.04.2004, Nr. 80 / Seite 46
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