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Eckhard Henscheid: Denkwürdigkeiten - Aus meinem Leben : Schlagabtausch? Wurmrausch!

Bild: Schöffling & Co

Eckhard Henscheid erinnert sich, uns und überhaupt alle: In seinem neuen Roman „Denkwürdigkeiten - Aus meinem Leben“. Seine Seufzer sind hier unbedingt schöner und wertvoller als seine Brüller.

          In der Romangeographie der alten, westlichen Bundesrepublik Deutschland steht das Henscheidmassiv stolz allein. Während von den Herolden der Hünenhügel Grass bis Böll seinerzeit pausenlos die seit Jahrhunderten bekannte Nachricht trompetet wurde, dass die Romanform sich, obwohl sie vom Abenteuerlichen, Überspitzten und Unglaubhaften herstammt, ausgezeichnet eigne, Großgemälde vom gesellschaftlichen Gesamtzustand zu pinseln und solche Schinken mit dem schwungvollen Schriftzug „ein mündiger Zeitgenosse“ zu signieren, suchten und fanden Arno Schmidt und Eckhard Henscheid lieber das vernachlässigte Abenteuerliche, Überspitzte und Unglaubhafte wieder. Schmidt bevorzugt in seinem eigenen Kopf, Henscheid dagegen im Geschwätz der von Alltag und Massenmedien Verhexten.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Des Letzteren Romandebüt „Die Vollidioten“ sortierte man 1973 in nachgerade unbegreiflicher Blindheit für die Stärken und Nuancen des Buches in die damals sehr beliebte sogenannte „Szeneliteratur“ ein. Noch zehn Jahre später stand das Buch reichlich verloren in Wohngemeinschaften zwischen den teils älteren, teils jüngeren Hervorbringungen von Svende Merian und Charles Bukowski herum, Texten also, deren literarische Vorzüge, falls es denn welche gab, einem Publikum im Grunde egal waren, das gerade im Begriff stand, sich von allerlei Protesten ins mehr oder weniger derangierte bis alternativ spießige Privatleben zu verkrümeln, und die genannten Bücher bloß dazu brauchte, sich zwischen Zweierkistenknatsch und Lebensreformklimbim ein bisschen bekenntnishaften Rückzugskitzel zu verschaffen.

          Zur Lektüre empfohlen

          Der von Anbeginn an erstaunlich sichere Humorist Henscheid, ein von der deutschen Romantik verfeinerter (Verächter schimpften später: verdorbener) Dostojewski, wurde dank jener ihn fundamental missdeutenden Hausmacht versöhnungswilliger, also zum Lachen bis Schmunzeln gern bereiter Alternativkundschaft allerdings auch davor beschützt, von der Germanistik oder unsereins Feuilletonisten zu früh entdeckt oder gar begriffen zu werden. Dies zumindest scheint ihm, wenn man seine letzten Äußerungen dazu in Rechnung stellt, nicht unlieb gewesen zu sein.

          Die Zeit, bis die Türhüter der Hochkultur denn doch etwas merkten, vertrieb er sich mit der Verfertigung von Satiren sowie mit Spekulieren, Phantasieren, Ruminieren, In-den-Tag-hinein-und-wieder-heraus-Schreiben - also all dem, was man auf Englisch „Woolgathering“ nennt. In Henscheids „Sudelblättern“ von 1987 ist derlei ein letztes Mal zur Kunstform zurechtgeschliffen, bevor das Weblog-Unwesen die entsprechende Schreibhaltung unwiederbringlich versaut hat.

          Beim Erscheinen des Idyllenbändchens „Maria Schnee“ schließlich merkten es 1988 dann auch die Offiziellen. Die Polyphonie, Subtilität, Elastizität und dann wieder griffige Saugrobheit der Henscheidschen Sprache wurden gelobt, analysiert, zur Lektüre empfohlen. Als Söldner lud man ihn gar in die Tagesmedien ein, wenn jemand gesucht wurde, um Elfriede Jelinek, Angela Merkel oder wen immer sonst zu beleidigen. Der Scharfschütze, der Hanns Dieter Hüsch oder Luise Rinser aus großer Distanz erwischt hatte, gab fortan den Hausmeister, der mit der Schrotflinte im Garten Maulwürfe und Hasen erledigt.

          Der erzählende Anti-Heidegger

          Die Lebenserinnerungen, die Henscheid jetzt unter dem Titel „Denkwürdigkeiten - Aus meinem Leben“ veröffentlicht hat, sind zum minderen (wenngleich oft auch da vergnüglichen) Teil jene zusammenfassende Abrechnung, als die sie hier und da gelesen und goutiert werden.

          Wichtiger als die Rezitative alter Fehden, in denen die beiden ungleichen Brüder „Recht haben“ und „Recht bekommen“ einander anbrüllen mögen, sind die dem Buch anvertrauten Arbeitsspuren des Romanschaffens vor allem der siebziger und achtziger Jahre. Wie etwa ein reales Vorbild für eine der größten Henscheid-Figuren dabei belauscht wird, wie es einen Cappuccino bestellt: „Eine Frage: tät’ ihnen ein Cappitischini beschwerlich fallen?“ Der Satz ist zu gleichen, mystisch miteinander verschränkten Teilen niedlich, abgefeimt, geziert und stumpfsinnig, ein wahres Wunder.

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