http://www.faz.net/-gr3-8avya

Durs Grünbeins neues Buch : Dresden, Dresden, sei’s gewesen

Dresdenblick ohne Pegida: Man könnte eine Mentalität des Aparten unterstellen. Bild: dpa

Durs Grünbein schaut in „Die Jahre im Zoo“ auf seine Kindheit zurück. Die Gegenwart seiner Heimatstadt nimmt er dabei scheinbar nicht in den Blick. Aber im Buch steckt mehr, als gesagt wird.

          Die Motivation für dieses Dresden-Buch ist eine andere, als man denken sollte. Durs Grünbein schreibt über seine Heimatstadt und tut es nicht mit ausdrücklichem Blick auf Pegida. Kann man das? Kann man es sich als Durs Grünbein, mit dem ihm eigenen, durchs Bennsche Vorbild geschulten sezierenden Blick, erlauben?

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Womöglich empfindet Grünbein es als Abenteuer, just das Erwartbare auszusparen – als Herausforderung im Sinne seiner Indianerspiele als Kind, denen ein eigenes Unterkapitel in „Die Jahre im Zoo“ gewidmet ist, das einen kulturgeschichtlichen Exkurs zur Faszination gerade der Sachsen für die amerikanischen Ureinwohner übergangslos ins Bekenntnis münden lässt: „Einmal die Kindheit aufzuschreiben, das hatte ich mir lange vorgenommen. Der Wunsch ist fast so alt, wie ich es nun selber bin. Ging es denn nicht um die Ausdehnung der Kindheit mittels Schrift und Erinnerung?“

          Nicht, dass Grünbein das nicht auch schon vor „Die Jahre im Zoo“ getan hätte. In dem Lyrikband „Falten und Fallen“, erschienen 1994, kurz bevor der damals erst zweiunddreißigjährige Schriftsteller den Büchnerpreis zugesprochen bekam, gibt es vier aufeinanderfolgende Gedichte mit Kindheitsreminiszenzen. Darin heißt es einmal: „Peinlich, – schon auf den frühesten Photos / Dasselbe Lächeln voll Zutraun / Zum Objektiv, das die Strahlen bündelt / In ein Nostalgia, geöffnet / Für Millisekunden, der Körper verführt / Vom Versprechen der Wiederkehr / Der vertrauten Dinge.“

          Unter weichen, stinkenden Matten

          Heute ist Grünbein solche Nostalgie nicht mehr peinlich. Der Blick auf sich selbst hat sich aber auch entscheidend gewandelt; nun heißt es: „Kennst du das? Wenn du plötzlich nicht mehr mit Bestimmtheit sagen kannst, wer du bist? Wenn dir klar wird, daß du vergessen hast, wer du einmal warst? So viele Bewußtseinsstadien, Situationen des Lebens, so viele Ansichten von ein und derselben Person – und stets war sie ein anderer und sagte und schrieb doch immer treuherzig: Ich.“

          Selbstverständlich hat es seine Bedeutung, dass gerade hier nicht in der ersten Person erzählt wird, sondern der Autor sich selbst mit „du“ anspricht. An zwei anderen, nicht weniger neuralgischen Stellen im neuen Buch wechselt er sogar in die dritte Person: wenn es um die frühesten Gedichte des Jugendlichen geht („Mehr als fünfzig Sonette hatte er innerhalb eines Sommers aufs Papier geworfen, in seiner unschönen Handschrift, er hat sie niemals gemocht“) und beim ersten Gewahrwerden der eigenen Sterblichkeit, als Grünbein beim Rangeln in der Turnhalle im Eifer des Gefechts in einen Mattenstapel gedrückt wurde („Die Kraft war ihm ausgegangen, als er da unter den weichen, stinkenden Matten lag und immer noch johlend einer oben aufsprang, und zum ersten Mal hatte er etwas wie Todesangst gespürt“). Existentielle Momente fordern Distanzierung heraus.

          Die spezifische Dresdner Mentalität des Aparten

          Das ist – sogar noch etwas distanzierter – auch beim Schulwechsel des Vierzehnjährigen von der Vor- in die Innenstadt der Fall. „Nun war man endlich zu einem Dresdner geworden – einem, der all die Jahrhunderte zuvor in einem verschlafenen Vorort vertrödelt hatte.“

          „So viele Bewußtseinsstadien, Situationen des Lebens, so viele Ansichten von ein und derselben Person“: Durs Grünbein schreibt über Dresden. Und über sich selbst.
          „So viele Bewußtseinsstadien, Situationen des Lebens, so viele Ansichten von ein und derselben Person“: Durs Grünbein schreibt über Dresden. Und über sich selbst. : Bild: Anna Jockisch

          Dieser Vorort ist allerdings der zentrale Gegenstand von „Die Jahre im Zoo“. Es geht in diesem Buch nämlich vor allem um Hellerau, die 1906 begründete Gartenstadt auf den nördlichen Hügeln oberhalb Dresdens, eine Modellsiedlung, in der Wohnen, Arbeit und Kunst neben- und miteinander stattfinden sollten. Als Grünbeins Eltern mit ihrem kleinen Sohn dorthin zogen, war das berühmte Festspielhaus zur russischen Kaserne umgewidmet, doch es hatte da weiterhin eine eigene, von Krieg und dem Wiederaufbau der DDR unzerstörte Welt Bestand, die sich abgrenzte von der vernarbten Stadt unten im Tal.

          Weitere Themen

          Vom Slum zur Weltmeisterschaft Video-Seite öffnen

          WM der Straßenkinder : Vom Slum zur Weltmeisterschaft

          Rund 200 Kinder aus zwei Dutzend Ländern nehmen zur Fußball-Weltmeisterschaft in Russland an der WM der Straßenkinder teil. Unter ihnen ist der 14-jährige Somad aus einem armen Vorort der indonesischen Hauptstadt Jakarta.

          Abschied von Barbara Bush Video-Seite öffnen

          1.500 Trauergäste : Abschied von Barbara Bush

          Anwesend waren unter anderem auch vier ehemalige amerikanische Präsidenten: Ihr Mann George Bush, der Sohn George W. Bush, sowie Bill Clinton und Barack Obama. Donald Trump war nicht gekommen.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.

          Folgende Karrierechancen könnten Sie interessieren: