Home
http://www.faz.net/-gr4-6k2uo
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Donnerstag, 23. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Dorothee Elmiger: Einladung an die Waghalsigen Trümmerland ist abgebrannt

09.07.2010 ·  Der kurze Weg von Klagenfurt in die Buchhandlungen: Die Schweizerin Dorothee Elmiger legt mit „Einladung an die Waghalsigen“ ihren ersten Roman vor.

Von Pia Reinacher
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Kaum war die vierundzwanzigjährigen Schweizerin Dorothee Elmiger beim diesjährigen Bachmann-Wettbewerb mit dem Kelag-Preis auf den zweiten Platz katapultiert worden, schien die Karriere eines Medienstars ihren Anfang zu nehmen. Mit seiner Frage "Ist das die Geburt eines Literaturstars?" startete der 3sat-Moderator noch in der Klagenfurter Arena eine gewisse mediale Aufgeregtheit. Während deutsche Kritiker sodann einem "schweizerisch-bürokratischen" Text sprachen und zum Urteil kamen, die Jury habe eventuell nicht "den besten, sondern den schicksten Text" ausgezeichnet, gingen die Wogen der Begeisterung in der Schweiz hoch. Hier war die Rede von einen literarischen "Ritterschlag" und einer "wichtigen Entdeckung". Das Appenzeller "Tagblatt" verkündete kurz und bündig, die einheimische Jungautorin habe alle anderen Kandidaten überragt.

In der Tat bringt die junge und hübsche Schriftstellerin mit dem unverbrauchten, kecken und widerborstigen Auftreten vieles mit, was nicht nur der Literaturbetrieb an neuen Namen schätzt. Hinzu kommt, dass die unerwartete Debütantin ein Nachwuchsvakuum füllt, das der helvetischen Literaturszene seit längerem zu schaffen macht. Mit Raphael Urweider reüssierte vor acht Jahren in Klagenfurt zum letzten Mal ein Schweizer. Einstmals erfolgreiche Fixsterne wie Zoë Jenny sind inzwischen entweder verglüht oder können - wie Peter Stamm, Peter Weber, Lukas Bärfuss, Michel Mettler oder Ruth Schweikert - nicht mehr ganz der Fraktion attraktiver Jugendidole zugeschlagen werden.

Leipzig habe ihr den Raum geboten

Als Schweizer Schriftstellerin, wie "Wikipedia" sie bezeichnet, sieht sich die Appenzellerin indes ungern. Kein Wunder, studiert die mit drei Geschwistern in der Provinz aufgewachsene Dorothee Elmiger doch heute in Berlin Politikwissenschaften, nachdem sie das Schweizerische Literaturinstitut in Biel besucht und danach einige Zeit am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig verbracht hat. Ihr Werdegang ist typisch für die jüngere Generation der Schweizer Autoren. Die Konturen der helvetischen Identität sind zwar aus ihrer Biographie nicht völlig gelöscht, Landesgrenzen spielen aber keine Rolle mehr. Mit der Schweiz assoziiert die junge Autorin "Enge". Leipzig habe ihr den Raum geboten, sich selbst zu testen und ihr Profil zu entwerfen, auch in Berlin finde man ungestörter seinen Platz. Den Hang zu leeren Räumen hatte sie schon immer. Anstatt sich wie die anderen Mitschüler in der Maturazeitung des Appenzeller Kollegiums zu porträtieren, präsentierte sie eine weiße Seite mit dem Zitat eines Rocksängers: "I better go it alone."

Diesem Kern entspringt auch das kreative Potential ihres Debütromans "Einladung an die Waghalsigen". Das Buch besticht durch einen eigensinnigen erzählerischen Zugriff und die Faszination unbetretenen Geländes. Das Spiel mit der Auslassung, das Experiment mit der Ästhetik des Vakuums, der Versuch mit dem Weißraum auf dem Blatt Papier prägen den Erstling. Dass Dorothee Elmiger eigene Wege geht, wird auch thematisch klar. Anstatt schreibend die Fesseln von Familie und Kindheit zu sprengen, holt sie mit einem postapokalyptischen Szenario gleich in Zeit und Ewigkeit aus. Nichts ist ihr kühn genug. Sie fürchtet weder das Pathos der Endzeitbeschwörung noch die krisenhaften Schilderungen des Untergangs und schon gar nicht die verblasene Bedeutungsschwere düsterer Bilder. Diese furchtlose Beherztheit irritiert und beeindruckt gleichermaßen.

Über das Ende der Welt

Wort um Wort, Satz um Satz zieht sie den Leser in ihren Erzählkosmos, der die zerstörerische Geschichte der Menschheit zum Thema hat und traumatische Visionen wachruft. "Einladung an die Waghalsigen" kennt keinen Plot. Der Roman evoziert eine Trümmerlandschaft - und spiegelt sie gleichzeitig in der Form. Er konstruiert eine vage Parabel über das Ende der Welt und die Wiederauferstehung eines Häufleins rebellischer Übriggebliebener, die sich mit dem fatalen Schicksal nicht abfinden wollen und auf eigene Faust neues Leben suchen. Der Begriff "Roman" ist für diese zusammengestückelte Collage überzogen. Eher handelt es sich um eine Sammlung künstlicher Erzählinseln, deren Konturen nach und nach sichtbar werden. Die sprechenden Leerstellen und die geschickt ins Textgewebe komponierten Pausen appellieren an die aktive Mitarbeit des Lesers. Erst durch sein Assoziieren gewinnt das Gebilde an Sinn.

So viel an Handlung ist eindeutig: Im unterirdischen Stollensystem eines Kohlereviers ist vor Jahrzehnten ein Feuer ausgebrochen; noch immer schwelen die Brände weiter und zerstören die Erdoberfläche. Die Menschen wurden vertrieben oder sind umgekommen, die Welt verwüstet, zurückgeblieben ist eine geisterhafte Landschaft. Hier suchen die Schwestern Fritzi und Margarete nach neuer Orientierung. Sie verkörpern die übriggebliebene Jugend. Aber die beiden kennen weder die eigene Herkunft noch die Geschichte der Stadt, deren Häuser zerbröseln und wo die Straßen keine Namen mehr haben. Auch frühere Ereignisse sind nur bruchstückhaft überliefert. Zwar gibt es einen "Vater" und eine "Mutter", doch das sind nur Chiffren, ihre Identität ist schemenhaft. Die Schwestern aber brechen auf, um die eigene Historie zu erforschen. Denn nur, wer seine Herkunft kennt, sagen sie, hat auch eine Zukunft, wie hoffnungslos auch immer.

Buch als Teil eines kulturellen Referenzsystems

Dorothee Elmiger arbeitet mit bildstarken, archetypischen Zeichen, die sie ab und zu allerdings etwas zu dick aufträgt. Die Elemente Luft, Erde, Feuer, Wasser strukturieren den Roman im Untergrund und sollen ihm offenbar eine mythische Kraft verleihen - die aber bisweilen eher als beschwörend-raunende Aura verdampft. Feuer steht für wärmend, zerstörend; der Fluss ist Lebensspender und destruktive Kraft zugleich. Ziel der Schwestern ist der Fluss Buonaventura, von dem sie gehört haben, dass er einen günstige Zukunft verheißt. Fritzi, die Feldforscherin, entwirft Pläne und entschlüsselt die Natur. Margarete, die Leserin, frisst sich durch montanwissenschaftliche Wälzer. Sie sammelt Merksätze wie Indizien und konstruiert sich mit den literarischen Fundstücken ein neues, künstliches Universum. "Einladung an die Waghalsigen" strotzt nur so von deklarierten und plagiierten Zitaten aus der Weltliteratur - ein künstliches Gewebe, Kreuzungspunkt fremder Texte, deren Urheber am Ende des Romans aufgelistet werden. Dorothee Elmiger hat von Helene Hegemann gelernt und stellt ihr literarisches "Copy-and-Paste-Verfahren" gleich in die Tradition der Intertextualität, die das Buch als Teil eines kulturellen Referenzsystems ausweist.

Was bedeutet das nun für die Wirkung dieses Debüts? Dieser verschachtelte, lakonische, bildstarke Text hat bedeutende Stärken und auch einige Schwächen. Gerade das artig heruntergebetete Brevier der Intertextualität hat einen kunsthandwerklichen Effekt. Das erzeugt manchmal einen leicht gezwungenen, sterilen, artifiziellen Effekt. Andererseits leistet das Werk Dorothee Elmigers genau das, was man von Debüts erwartet. "Einladung an die Waghalsigen" verrät ein eigenwilliges, kräftiges Talent, das sich unerschrocken seinen Weg sucht. Die beeindruckende Imaginationskraft und verspielte Lust am Sprachexperiment addieren sich zu einem poetisches Potential, auf dessen Entwicklung man nur neugierig sein kann.

Dorothee Elmiger: „Einladung an die Waghalsigen“. Dumont Buchverlag 2010. 140 S., 16,95€.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel