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Dörte Hansens „Mittagsstunde“ : Nach der Flurbereinigung ist vor dem Drama

So eindringlich geraten Bücher selten: Dörte Hansen in ihrer Heimat, dem Alten Land. Bild: dpa

Über die Elbe, hinauf an die Küste Nordfrieslands: Dörte Hansen bleibt auch mit dem Roman „Mittagsstunde“ ihrer Heimat treu, steigert jedoch die Intensität ihrer Beschreibung von Dorf und Menschen.

          Nun ist Dörte Hansens zweiter Roman erschienen: „Mittagsstunde“, und wenn es noch so etwas wie Gedächtnis beim Lesepublikum in Deutschland gibt, wird es zwei Reaktionen darauf geben: einen Sprung auf die samstägliche Bestsellerliste, wohl von null auf Platz eins, und eine gewisse Zurückhaltung im Urteil bei den Rezensenten. Beides hat denselben Grund: Erfolg. Das Vorgängerbuch „Altes Land“ war der meistverkaufte deutschsprachige Roman des Jahres 2015, und die Skepsis gegenüber Bestsellern ist bei professionellen Literaturliebhabern ausgeprägt.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Dabei hatten gerade die unabhängigen Buchhandlungen, also jene, die im Regelfall ein nicht bestsellerhöriges Publikum bedienen, Dörte Hansens Debütroman 2015 zu ihrem „Lieblingsbuch des Jahres“ gekürt – eine Auszeichnung allerdings, die in den Folgejahren, als deutlich weniger oft verkaufte Werke zum Lieblingsbuch erklärt wurden, keine große öffentliche Beachtung mehr fand. „Altes Land“ aber traf in jeder Hinsicht einen Nerv: Die Geschichte mehrerer ins elbabwärts von Hamburg gelegene berühmte Obstanbaugebiet geflüchteter Menschen – 1945 eine ostpreußische Gutsherrin mit ihrer kleinen Tochter vor den Russen, siebzig Jahre später dann die Nichte dieser Tochter samt Sohn nach einer Ehescheidung – war seinerzeit unschwer auf die weltpolitische Situation zu übertragen, spielte sich jedoch konsequent in einer anheimelnden Umgebung ab, die als idealtypisches oder auch romantisierendes Porträt deutschen Landlebens gedeutet wurde.

          Ironie auf Kosten der Städter

          Das war ein Irrtum; in „Altes Land“ steckte auch eine gehörige Portion Ironie, allerdings meist auf Kosten der Städter, egal, ob die in Hamburg wohnen blieben oder ins Alte Land übersiedelten auf der Suche nach einer bäuerlichen Idylle, die sie selbst gerade durch ihren Zuzug zerstörten. Das neue Buch von Dörte Hansen erzählt nun noch einmal von diesen enttäuschten Erwartungen, aber schwärzer. Für Humor gibt es kaum mehr Platz in „Mittagsstunde“; nur einmal, als es aus dem ländlichen Handlungsort kurz in die nächste Großstadt geht (diesmal Kiel), blitzt die subtile Bosheit Hansens bei der Typisierung von Nebenfiguren auf. Dagegen gilt den Protagonisten alle Sympathie der Autorin: Ergreifender, als Hansen es im Falle des greisen Gastwirtpaars Ella und Sönke Feddersen, deren Tochter Marret und des Enkels Ingwer tut, kann man Lebensentwürfe kaum schildern.

          Dörte Hansen: „Mittagsstunde“. Roman. Penguin Verlag, München 2018. 320 S., geb., 22,– .

          Diese familiäre Konstellation klingt einfach, ist es aber nicht. Ingwer kam 1966 als uneheliches Kind der damals noch minderjährigen Marret zur Welt, neun Monate nachdem eine Gruppe Landvermesser ins nordfriesische Bauerndorf Brinkebüll gekommen war, um die dortige Flurbereinigung vorzubereiten. Dieses Ereignis bezeichnet einen Einschnitt in den Biographien der Feddersens – die schon zuvor labile Marret zerbricht endgültig psychisch, das Gastwirtpaar nimmt den Enkel an Kindes statt an –, aber mehr noch einen in der Dorfstruktur. Nach der Flurbereinigung hat sich nicht nur die Landschaft gewandelt, sondern das ganze Leben. Hieraus resultiert, was die Autorin selbst als Hauptanliegen des neuen Romans nennt: „das Ende der Sesshaftigkeit“ zu beschreiben. Es gelingt ihr eindrucksvoll.

          Und leseleicht. Nicht, weil Dörte Hansens Sprache banal wäre, sondern weil sie, auch im eigenen ständig zwischen 1965/66 und 2013/14 wechselnden Erzählen, über eine Präzision des Ausdrucks der norddeutschen Landbevölkerung verfügt, die nicht bloß daraus resultiert, dass die Figuren bisweilen Plattdeutsch reden oder charakteristische Namen tragen. Sondern dass die ganze mitfühlenden und dadurch mitreißenden Vertrautheit mit dem Schauplatz und seinen Bewohnern – den alteingesessenen und den zugezogenen. Und denen wie Ingwer Feddersen, der sein Heimatdorf verließ, sobald er es konnte, und nach dreißig Jahren und erfolgreicher akademischer Karriere zurückkehrt, weil die Groß- und früheren Pflegeeltern nunmehr selbst pflegebedürftig werden.

          Viel mehr, als die Oberfläche vermuten lässt

          Große Themen also, die nicht an Nordfriesland gebunden sind. Die Sorge um alternde Eltern, das Nachtrauern um verlorene ländliche Leben, ja selbst die ganz konkreten ökosystematischen Folgen der Flurbereinigung, die früher oder später in ganz Deutschland durchgeführt wurde und den ländlichen Raum stärker verändert hat als Landflucht oder Zersiedelung, sind in „Mittagsstunde“ mit einer Genauigkeit erfasst, die das Buch zur Beschreibung eines generellen gesellschaftlichen und auch ästhetischen Wandels macht.

          Und das in dieser unprätentiösen Sprache, die aber virtuos mit Alltagsszenen agiert, die viel mehr aussagen, als die Oberfläche vermuten lässt: „Sie tauchte meistens in der Mittagsstunde unter“, heißt es etwa über Marret, „sie machte es wie alle, die in Brinkebüll für eine Zeit verschwinden wollten. Die nicht gesehen werden wollten, wenn sie um Häuser oder Scheunen schlichen, wo sie nichts verloren hatten, oder mit langen Schritten ein fremdes Feld vermaßen, als ob es ihnen schon gehörte. Ihre Räder leise aus dem Schuppen schoben, zwei leere Eimer an den Lenker hängten und zum Süderende fuhren, um schnell die reifen Fliederbeeren abzupflücken, bevor es jemand anders tat. Man musste warten, bis das ganze Dorf wie ein betäubtes Tier zusammensackte.“ Nicht nur, weil hier der Titel des Buchs eine seiner Erklärungen findet, ist diese Passage von meisterlicher Anschaulichkeit.

          Zudem ist der Roman höchst geschickt konstruiert: Zahlreiche Andeutungen lassen die Erwartungen steigen, da die Zeitebenen ja ständig wechseln, werden etliche Details erst im Nachhinein entschlüsselbar, und wenn nach zwei Dritteln der Handlungsstrecke ein zu Beginn nur kurz erwähnter Unfall doch noch auserzählt wird, erreicht „Mittagsstunde“ seinen dramaturgischen Höhepunkt. Dann liest man eine Szene, die man wie in Zeitlupe und ohne Ton wahrnimmt, obwohl Dörte Hansen die Beteiligten durcheinanderrennen und schreien lässt. Aber ohne jede Effekthascherei. So eindringlich geraten Bücher selten.

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