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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Doch Sofja schrieb zurück

 ·  Tolstois Kreutzersonate war eine Abrechnung mit der Ehe. Seine Frau antwortete mit einem Roman

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Der Heilige aus dem Osten hatte ein neues Buch geschrieben, und Europas Leser waren erschüttert. Es war im Jahr 1889, Leo N. Tolstoi hatte vor Jahren auf alle Rechte an all seinen neu erscheinenden Büchern verzichtet, wie er auch der Welt erklärt hatte, auf allen irdischen Besitz überhaupt verzichten zu wollen. Seine Romane "Anna Karenina" und "Krieg und Frieden" waren Weltbestseller, und das neue Buch hieß "Die Kreutzersonate" und ging, lange vor Drucklegung, in Tausenden von Abschriften in Europa von Hand zu Hand: "Sie wurde in alle Sprachen übersetzt und mit einer unglaublichen Leidenschaft gelesen", erinnert sich später eine Vertraute Tolstois. "Man hätte zuweilen glauben können, das Publikum habe seine eigenen Sorgen gänzlich vergessen und lebe nur noch in und mit der Literatur des Grafen Tolstoi."

"Die Kreutzersonate" ist die Geschichte einer gescheiterten Ehe, erzählt vom Fürsten Posdnyschew auf einer nächtlichen Zugfahrt. Am Ende ermordet der Mann seine Frau aus Eifersucht und nutzt seine Erzählung zu einer großen Abrechnung mit der sogenannten Liebe, einer Abrechnung mit den Frauen und ihrer Verführungskraft und mit der verlogenen Institution der Ehe - mit seiner Ehe. Es war die Geschichte seiner eigenen Ehe, die der Erzähler Leo Tolstois der "Kreutzersonate" als Folie unterlegte. Und es waren seine Ansichten über die Frauen, die er in dieser Erzählung in die Welt hinausrief: "Aller Luxus des Lebens ist ein Bedürfnis der Frauen und wird von ihnen gefördert." "Wie absolute Kaiserinnen halten die Frauen neun Zehntel des Menschengeschlechts in Sklavenfron und schwerer Arbeit fest." Das ganze Buch ist der Hilferuf eines ewig verführten Mannes, ein Hilferuf gegen die teuflische Verführungskraft der Frau: "Sowie der Mann sich der Frau nur nähert, verfällt er ihrem betäubenden Einfluß und verliert seinen klaren Verstand. Auch früher schon hatte ich ein peinliches, beängstigendes Gefühl, wenn ich eine aufgeputzte Dame im Ballkostüm sah, jetzt aber ist mir das geradezu entsetzlich, ich sehe förmlich eine Gefahr darin, die die Menschen bedroht, ja etwas Gesetzwidriges, und ich möchte den nächsten Polizisten anrufen, daß er mir Hilfe leiste gegen die Gefahr, möchte ihn auffordern, den gefährlichen Gegenstand fortzuschaffen und unschädlich zu machen."

Frau ohne Namen

So fährt er fort über den "Gegenstand" seiner Pein, die Frau. Und wechselt vom Allgemeinen ins Konkrete: "Nun denn, so wurde auch ich gefangen. Ich war das, was man so ,verliebt' nennt." Und er beschreibt etwa die Flitterwochen so: "Dieser Honigmond ist etwas Peinliches, Beschämendes, Widerliches, Klägliches und vor allem Langweiliges, ganz trostlos Langweiliges." Und er findet das erstaunliche Bild für jene Tage, das Honigmond-Gefühl habe jenem entsprochen, das er empfand, als er sich das Rauchen angewöhnte: "Ein Brechreiz überkam mich, der Speichel lief mir im Mund zusammen, und ich schluckte ihn hinunter mit einer Miene, als sei mir das alles sehr angenehm."

Die erste Leserin dieses Textes war - Tolstois Frau Sofja. Sie war achtzehn Jahre alt, als Leo Tolstoi um ihre Hand anhielt, jetzt war sie fünfundvierzig, hatte die Manuskripte von "Krieg und Frieden" und "Anna Karenina" für ihren Mann abgeschrieben und lektoriert, dreizehn Kinder zur Welt gebracht und führte, seitdem sich ihr Mann zum Verzicht auf allen irdischen Besitz entschieden hatte, auch die Geschäfte des großen tolstoischen Familienguts Jasnaja Poljana. Ihre eigenen schriftstellerischen Ambitionen hatte sie mit Beginn der Ehe aufgegeben, eine abgeschlossene Erzählung, die ihr Mann sehr gelobt hatte, hatte sie nach der Hochzeit verbrannt.

Und jetzt las sie also: die Geschichte ihrer Ehe aus der Sicht ihres Mannes. Eine Schreckensgeschichte. In ihren späten Lebenserinnerungen erklärte sie zurückhaltend, dass ihr "Die Kreutzersonate" "nie gefallen" habe. Doch in ihr Tagebuch schrieb sie ihre ganze Verzweiflung hinein: "Überall sagt Posdnyschew: Wir gaben uns der tierischen Leidenschaft hin, wir empfanden Überdruß - überall wir. Dabei hat die Frau eine ganz andere Wesensart, man darf die Empfindungen, zumindest die geschlechtlichen, nicht verallgemeinern."

Und am schmerzlichsten empfindet die erste Leserin, "dass die Erzählung gegen mich gerichtet ist". Und nachdem das Buch von aller Welt gelesen worden ist, fügt sie hinzu: "Sie hat mich vor den Augen der ganzen Welt gedemütigt und den letzten Rest von Liebe zwischen uns zunichte gemacht."

Doch Sofja schrieb zurück. Fünfundsiebzig Jahre nach ihrem Tod 1919 fand man in Russland in ihrem Nachlass einen Roman unter dem Titel "Eine Frage der Schuld - Anläßlich der ,Kreutzersonate' von Lew Tolstoi". Und in diesem Monat erscheint dieses erstaunliche Buch erstmals auf Deutsch. Es ist tatsächlich die gleiche Geschichte, die Lebensstationen der Protagonisten sind ähnlich, das fatale Ende ist genau das gleiche, nur die Namen sind andere (die Frau blieb in der "Kreutzersonate" gleich ganz namenlos). Es ist eben nur aus der spiegelverkehrten Perspektive geschrieben. Es ist eine Antwort, eine Abrechnung, eine Richtigstellung. Die Geschichte aus der Perspektive der Frau. Und als wäre das alles nicht ohnehin schon interessant genug, ist es auch noch ein richtig gutes, in der Übersetzung von Alfred Frank und Ursula Keller richtig gut zu lesendes Buch. Es fehlt ihm natürlich die biblische Wucht und Schwermut des Originals. Dafür ist es leise, poetisch, immer wieder fragend, zweifelnd, aber immer präzise und ähnlich schonungslos wie die Vorlage auch. Es beginnt überschwenglich, naturverliebt, eine Kindheit im Glück: "Es war ein wundervoller, klarer, jubilierender Tag." In das ungetrübte Glück bricht der zukünftige Ehemann hinein. Aber anders als im Text ihres Mannes trübt nicht von Anfang an das Wissen um den unglückseligen Ausgang der Ehe den Blick auf das frühe Glück. Tolstoi hatte ja schon die früheste Anziehungskraft der Frau als üblen Trick gedeutet, den Helden in die Ehe zu zwingen. Nein, hier ist Sofja die größere Künstlerin, das Unheil des Endes verdunkelt noch nicht vollends die Anfänge der Liebe. "Ja, ich werde Sie lieben, wenn ich Ihre Frau bin", antwortet sie klar und fest auf den stürmischen Antrag des Heiratswilligen.

Eine Ahnung allerdings, eine Ahnung des kommenden Unglücks, die trägt der Anfang der Geschichte auch hier schon mit sich herum. Der Blick des Fürsten, der hier Prosorski heißt, ist "animalisch", seine Philosophie "in Wirklichkeit überaus dürftig und lächerlich". Und es scheint, als würde die Autorin immer wieder herzlich lachen, wenn sie dem Helden freudig attestiert: "Er hielt sich für einen großen Denker. Das war seine Schwäche."

Doch in der einen Sache versteht sie keinen Spaß. In der einen Sache geht es um einen Unterschied ums Ganze: in der Liebe. Für sie ist die Liebe die geistige Übereinstimmung, der Gleichklang zweier Seelen, für ihn: Körper, Gier, der reine Trieb. Sie schildert ihren Mann - und je länger Buch und Ehe dauern, umso eindringlicher - als Tier. Als kopfloses Unterleibsmonster. Er selbst als ihre Romanfigur erkennt das Unglück früh, wenn sie ihn sagen lässt, dass "dieses wunderschöne Wesen mit solch hehren Idealen an seiner egoistischen, fleischlichen Liebe, an seiner morbiden Existenz zerbrechen würde".

Dichter ohne Kopf

Sie wird zerbrechen. Auch bei ihr beginnt das Unglück während der Flitterwochen. Auch hier ist sie in ihren Bildern zurückhaltender als ihr Mann, ohne an Deutlichkeit zu sparen: ",Sollte Ängstlichkeit und wehmütige Fügsamkeit alles sein, was ich bei ihr auslöse?'", fragt sich enttäuscht der Fürst nach der ersten Liebesnacht, und die Autorin antwortet: "Es sollte alles sein. Dem Kind wurde Gewalt angetan; dieses Mädchen war nicht auf die Ehe eingestellt." Das sogenannte Glück der Hochzeitsnacht war eine Vergewaltigung. Deutlicher kann man es nicht schreiben.

Natürlich wurde das Buch zu Lebzeiten des weltverehrten Autors nicht gedruckt. Natürlich hatte die Autorin selbst nie im Leben an diese Möglichkeit auch nur gedacht. Es war ein Frei-Schreiben, eine Notwehr im Geheimen. Und natürlich hoffte sie auch auf eine Veröffentlichung nach ihrem Tod. Das Martyrium ihrer Ehe ging nach der "Kreutzersonate" noch viele Jahre weiter. Sie führte die Geschäfte, versorgte die Kinder, kümmerte sich um seine Werke, führte den Haushalt. Tolstoi entsagte der Welt und den irdischen Gütern, lebte aber nach wie vor auf seinem Gut, genoss alle Annehmlichkeiten, seine "Arme-Bauern-Kleidung" ließ er bei einem englischen Schneider maßanfertigen.

In den Jahren nach der "Kreutzersonate" wurde das Drama dieser Ehe mehr und mehr ein öffentliches. Es erinnert manchmal beinahe an heutige Dokusoaps des öffentlichen Eheleidens, was die beiden aufführten. Immer wieder drohten sie sich gegenseitig mit Selbstmord, Leo Tolstoi mit Flucht, Mord und Enterbung. Endlich, in der Nacht des 28. Oktober 1910, bricht Tolstoi mit weißem Bart und Bauerntracht tatsächlich und endgültig auf, um seine Frau, das Gut, die Familie zu verlassen. Er kommt nicht weit. Er erkrankt an einer Lungenentzündung. Zahlreiche Kamerateams aus aller Welt eilen zu seinem Sterbebett in einer Bahnstation. Seine Frau, mit der er achtundvierzig Jahre verheiratet war, darf nicht zu ihm. Erst als er das Bewusstsein verloren hat, lässt man sie an sein Sterbebett.

VOLKER WEIDERMANN

Sofja Tolstaja: "Eine Frage der Schuld". Aus dem Russischen von Alfred Frank und Ursula Keller, Manesse, 314 Seiten, 19,90 Euro

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 31.08.2008, Nr. 35 / Seite 30
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