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: Diese Wirklichkeit ist dünn wie Papier

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Wer weiß, was aus Bruno Schulz geworden wäre, wenn er den 19. November 1942 überlebt hätte. Just für diesen Tag hatte der Dichter und Maler seine Flucht aus dem Getto des galizischen Drohobycz geplant. Er trug die gefälschten Papiere schon in der Tasche, als er auf offener Straße von dem SS-Scharführer Karl Günther erschossen wurde.

          Wer weiß, was aus Bruno Schulz geworden wäre, wenn er den 19. November 1942 überlebt hätte. Just für diesen Tag hatte der Dichter und Maler seine Flucht aus dem Getto des galizischen Drohobycz geplant. Er trug die gefälschten Papiere schon in der Tasche, als er auf offener Straße von dem SS-Scharführer Karl Günther erschossen wurde. Schulz war nicht das einzige Opfer dieser willkürlichen Tötungsaktion, bei der über hundert Juden innerhalb weniger Stunden im Kugelhagel der Herrenmenschen starben; der 19. November ging als Schwarzer Donnerstag ins Gedächtnis der Überlebenden ein.

          Nehmen wir einmal an, Schulz, der neun Jahre zuvor als Schriftsteller debütiert und in der polnischen Kritik mit seinen "Zimtläden" zugleich überschwengliche und verständnislose Reaktionen hervorgerufen hatte, wäre die Flucht gelungen. Nehmen wir an, er hätte in Warschau überlebt, weiter geschrieben und veröffentlicht. Dann hätte wohl auch seine Rezeptionsgeschichte einen anderen Verlauf genommen. Nun ist es nicht so, dass die wenigen hundert Seiten des Schulzschen Werkes, die die Zeiten überdauert haben, nicht längst zur Weltliteratur gezählt würden. Die tragischen Todesumstände des Autors färben aber bis heute den Blick auf seine literarische Stellung: Schulz gilt als ein Hauptprotagonist des jüdischen intellektuellen Lebens im damaligen Polen; eine Figur, die an die barbarische Ausrottung dieses Lebens durch die Nazis gemahnt.

          Als 2003 in Drohobycz, das heute in der Ukraine liegt, einige Wandbilder entdeckt wurden, die Schulz im Auftrag des SS-Manns Felix Landau dort angebracht hatte, wurden Teile davon mit ukrainischer Zustimmung nach Israel verbracht, wo sie nun in Yad Vashem zu sehen sind. Diese klandestin durchgeführte Aktion provozierte damals heftige Proteste der Polen, die Schulz dem genuinen Erbe ihres eigenen Landes zurechnen. Abseits dieses Gerangels um die Zugehörigkeit der Opferfigur Schulz greift eine weitere Sortierung. Wie Joseph Roth, Leopold von Sacher-Masoch und Karl-Emil Franzos ist Bruno Schulz weithin als galizischer Dichter in Erinnerung geblieben, zudem als einer, der die Welt des jüdischen Schtetls in Literatur gefasst hat.

          Dabei erscheint das osteuropäische Schtetl, das bis ins zwanzigste Jahrhundert überdauert hatte, als genuin antimoderner Raum, der im Grunde genommen auch eine eigene Zeit ist: ein ewiges und verschrobenes Mittelalter, mit dem Pejes und Schtreimel der Chassiden, kabbalistische Mystik, schmale Gässchen und windschiefe Häuser assoziiert werden. In diesem territorialen Paradigma der Literaturbetrachtung ist ein gleichsam orientalistisches Moment enthalten, eine exotistische Wahrnehmungsfolie, die ein aus der Zeit gefallenes, vermeintlich archaisches und ursprüngliches Judentum überhaupt erst konstruiert.

          Dabei hat Bruno Schulz in dieser Ecke nichts verloren. Seine Literatur gehört durch und durch der Moderne und Avantgarde an, so dass es kaum eine Rolle spielt, dass Schulz in Drohobycz gedacht und gedichtet hat und nicht in Berlin, Wien oder Paris. Schulz ist ein Riese der literarischen Moderne, und so waren diese beiden Neuerscheinungen längst überfällig: Jerzy Ficowskis einschlägige Biographie des Autors und eine von Doreen Daume besorgte Neuübersetzung der "Zimtläden".

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