Die Kultusministerien, Zentralkomitees und Ratsvorsitzenden der scheinbar so zersplitterten islamischen Weltgemeinschaft haben mit pflichtgemäßer Empörung auf die Regensburger Rede Benedikts XVI. reagiert. Wie aber sieht wohl die Rezeption der Papstworte unter jenen wahren Gläubigen aus, die auf dem Territorium des Feindes an der geheimen Front des Heiligen Krieges stehen? Werden sie die päpstliche Forderung nach westlicher Selbstkritik nicht für ein Zeichen der Schwäche halten?
In der Industrieruinenlandschaft des Hinterlandes von New York, in einem Gewerbegebiet der Stadt New Prospect in New Jersey, deren verheißungsvoller Name ihren Alt- und Neubürgern wie Hohn klingt, hat John Updike in seinem jüngsten Roman eine Zelle von Dschihadisten plaziert. Die Fassade bildet ein von libanesischen Einwanderern geführtes Gebrauchtmöbelhaus, das hauptsächlich schwarze Familien beliefert. Benedikt XVI. hat in Regensburg die Beschränktheit der wissenschaftlich-technischen Rationalität getadelt und einer Besinnung auf die Weite der Vernunft das Wort geredet, durch die er den tiefreligiösen Kulturen der Welt im Dialog entgegenkommen möchte. Scheich Raschid, der Imam aus dem Jemen, dessen Koranunterricht aus Ahmed Mulloy, dem einzigen Sohn einer irisch-amerikanischen Mutter und eines ägyptischen Vaters, den Terroristen des Romantitels macht, lehrt, daß der Islam, anders als das Christentum, keine Angst vor der wissenschaftlichen Wahrheit hat. Wie die Araber einst die von den christlichen Barbaren vergessenen mechanischen Kenntnisse der Griechen bewahrt hätten, so seien heute die Helden des islamischen Widerstands ausgebildete Ärzte und Ingenieure, die Computer und Flugzeuge zu bedienen wüßten. Ahmed, der gerade die Highschool hinter sich gebracht hat, muß sich, wenn er seinem geistlichen Führer folgt, keinem Universitätsstudium unterziehen. Er soll einen Lastwagen steuern.
Der Gegenspieler des Imams ist ein atheistischer Jude, Jack Levy, der an der Staatsschule die Seelenführerrolle zu spielen hat. Er nähert sich der Pensionsgrenze und ist von Unterrichtspflichten befreit, um die Schüler der höheren Klassen auf die Frage vorzubereiten, was sie im Leben anfangen wollen mit dem, was ihnen die Schule nicht beigebracht hat. Er will Ahmed zum Collegebesuch überreden, hält ihm allerdings keine Predigt über die Herrlichkeiten der sieben freien Künste, sondern begnügt sich damit, ihm ein paar Broschüren vorbeizubringen. Ahmed paukt für die Lkw-Führerscheinprüfung und stellt den unerwünschten Mentor mit einer der Prüfungsfragen auf die Probe. "Sie fahren einen Tanklaster, und die Vorderräder beginnen zu schlittern. Was ist die wahrscheinlichste Folge?" Vier Antworten stehen zur Auswahl. Mr. Levy, der Ahmed ja bewegen möchte, auf dem Ausbildungsweg seiner Wahl kehrtzumachen, tippt auf Antwort A: "Sie steuern so weit dagegen wie notwendig, um die Kontrolle zu behalten." Richtig ist D: "Sie rollen in gerader Linie weiter vorwärts, egal wie stark Sie gegensteuern."
Man hätte vielleicht sogar als Fußgänger darauf kommen können, da ausdrücklich nach der Folge des Schlitterzustands gefragt wird, nicht nach der vom Fahrer zur Rettung seines Lebens zu ergreifenden Maßnahme. Selbst wenn das Gegensteuern richtig gewesen wäre, hätte es sich dabei aus der Perspektive der Verkehrsflußsicherung um die naturgesetzlich konsequente Fortsetzung der Fahrt gehandelt, nicht um einen Akt der Freiheit, wie sie sich der Fahrer kraft bestandener Prüfung einbilden mag. Vom Lastwagenfahrer wird also Schicksalsergebenheit verlangt. Er muß das Steuer in der Hand behalten und der Straße folgen, egal, was unter ihm passiert. Die Wissenschaft bleibe die Antwort auf die eigentlich menschlichen Fragen schuldig, beklagte der Papst in Regensburg, auf die Fragen nach unserem Woher und Wohin. Kann es sein, daß diese Fragen im Lichte der an Mohammed ergangenen Offenbarung falsch gestellt sind?
Ahmed erfaßt seinen Glauben, der gar nichts anderes ist als das von diesem Glauben gebotene Leben, im Bild des geraden Weges. Es ist das Bild, das alle anderen Bilder erübrigt und das Bilderverbot des Korans rechtfertigt. Illustrationen der Pflicht, die zu erkennen sie zu erfüllen heißt, könnten nur ablenken, vom unvermeidlichen nächsten Schritt abhalten, und einmal gesteht Ahmed seinem Imam sogar, daß die ganze Welt eine Ablenkung ist. Selbst das Ziel des Weges, das Paradies, ist nicht eigentlich etwas, das jenseits des Weges beginnt, sondern gehört zum Weg dazu, ergibt sich von selbst aus dem schnurgeraden Charakter des Weges. Scheich Raschid gibt gelegentlich seine Neigung zu einer bildlichen Interpretation der letzten Dinge zu erkennen, will damit aber seinen Schüler nicht vom geraden Weg abbringen. Vielleicht handelt es sich bei dieser demonstrativen Skepsis sogar um eine heilige Kriegslist, und er will Ahmed in dem Gefühl bestärken, wo sogar die Schriftgelehrten schwankten, sei der einsame einfache Gläubige auserwählt, sich durch nichts beirren zu lassen.
Mr. Levy ermuntert den ernsten jungen Mann, sich Ziele zu setzen. Er malt ihm die Reize des Reisens aus, hat aber selbst sein ganzes Leben in New Jersey verbracht. An der Schule hat Ahmed sich als Läufer hervorgetan, doch wo die Sportlerkarriere das beidseitige Durchschlängeln verlangt, da bleibt der Möbelausfahrer auf dem geraden Weg. Ahmed hat den Beruf gefunden, den er nicht suchen mußte, weil er im Alter von zwölf Jahren Gott gefunden hat, der ihn seitdem auf Schritt und Tritt begleitet.
Der gerade Weg ergibt auch eine Formel für die Form des Romans. Updike hat einen klassischen Thriller geschrieben: Schon als im ersten Kapitel Ahmeds Berufswunsch erwähnt wird, wissen wir, wohin die Reise geht. Als der Imam von Ahmed Abschied nimmt, stellt er ihm eine letzte Frage, als müßte auch der Märtyrer eine mündliche Prüfung absolvieren. "Wenn im Krieg der Soldat neben dir fällt, selbst wenn er dein bester Freund ist, selbst wenn er dich alles gelehrt hat, was du über das Soldatsein weißt, läufst du dann davon und versteckst dich oder marschierst du voran, in die Kugeln des Feindes?" Die Antwort ist dieselbe wie im Fall des schlitternden Tanklasters: "Man marschiert voran."
"You march on." Das hätte auch die richtige Antwort in einem amerikanischen Staatsbürgerkundekurs für Einwanderer sein können, würde dort noch der "Schlachtgesang der Republik" gesungen, in dem es von Gott heißt: "His truth is marching on." Vor zehn Jahren wählte Updike ein Zitat aus dem "Battle Hymn of the Republic" als Titel für einen Roman, der am selben Ort spielt wie sein neues Werk: "In the Beauty of the Lilies" ("Gott und die Wilmots"). Dort heißt die Industriestadt in New Jersey Paterson. Der Roman beginnt damit, daß ein presbyterianischer Pastor seinen Glauben verliert. Über vier Generationen verfolgt Updike die Folgen dieses Ereignisses. Das neue Buch setzt den Zustand nach dem Ende dieses Prozesses voraus. Pastor Wilmot mußte noch mit einem Sterbenden ringen, der von den Trostformeln der liberalen Theologie nichts wissen wollte und ihn fragte, wie er es denn mit der Hölle halte. Für den Heimatschutzminister in "Terrorist" sind, obwohl er wacker in die Kirche geht, "ein Gottes-Wille-geschehe-Fatalismus und eine todsichere Wette auf die nächste Welt Dinge, die fernen, finsteren Zeiten angehören".
Es ist die politische Pointe des Romans, daß Updike in der amerikanischen Lebenswirklichkeit die Spuren jenes eschatalogischen Selbstbewußtseins nicht mehr findet, als dessen Ausfluß die Kritiker von Präsident Bush den Krieg gegen den Terror verwerfen. Der Minister wird von den Untergebenen, die den Feind im Internet suchen, darauf hingewiesen, was die islamischen Gotteskrieger für ihren entscheidenden Vorteil gegenüber den Dienern des Satans halten: Sie sind noch bereit zu sterben. Julia Ward Howes Bürgerkriegslied feiert das Dasein des amerikanischen Volkes als ein besinnungsloses Vorwärtsmarschieren im Namen des Herrn. Der Heldentod der Soldaten erscheint als Nachahmung, ja geradezu mechanischer Nachvollzug des Opfertodes Christi. In vielen protestantischen Kirchen wird heute in dem Vers "As He died to make men holy, let us die to make men free" das "die" durch ein "live" ersetzt. Ahmed kommt auf seinen Touren an verfallenden Rathäusern aus dem goldenen Zeitalter des Gemeinsinns vorbei. Die Flaggen sind zerfleddert und verblichen. "Eine Zeit lang waren die Hoffnungen der Welt hier konzentriert gewesen, doch jene Zeit war vorbei." Abraham Lincoln hatte die Vereinigten Staaten "die letzte, beste Hoffnung auf Erden" genannt. Im Lincoln-Tunnel unter dem Hudson soll die Bombe explodieren.
Bleibt Ahmed auf dem geraden Weg? Nach allen Regeln der Kunst steigert Updike die Spannung. Der Imam hat sich in Luft aufgelöst, mag verhaftet sein oder, auch so könnte man seine letzte Botschaft verstehen, desertiert. Auf dem Beifahrerplatz des Lastwagens sitzt Mr. Levy. Durch das Rückfenster des Wagens vor dem Lastwagen winken zwei schwarze Kinder Ahmed zu. Das Haar des Mädchens ist "zu zwei komischen Kugeln hochgebunden, die den Ohren der einst so berühmten Cartoon-Maus gleichen". Mit beiläufigem Witz steigert Updike die Historisierung der amerikanischen Gegenwart durch den Agenten der Apokalypse ins Absurde: Ahmed blickt vom Fahrersitz des Lastwagens auf sein Land hinab, als wäre sogar die Berühmtheit von Micky Maus schon Vergangenheit. Dabei sind die Ohren der unsäglichen Maus Zeichen jener amerikanisierten Massenkultur, deren Weltvorherrschaft sich nicht durch Explosionen brechen läßt.
In vielfältigsten Farben malt Updike in seinem Lebenswerk die sittlichen Folgen einer theologischen Bewegung aus, die Benedikt XVI. in Regensburg als dritte Welle der Enthellenisierung beschrieben hat. Neuengland ist das gelobte Land eines von der Ontologie abgelösten Evangeliums, das die Erlösung im Diesseits zu suchen aufgibt. Seit jeher macht es den Reiz von Updikes Romanen aus, das sie die moralischen Kosten jener Haltung verzeichnen, deren Ausdruck ihr eigenes Verfahren der individualisierenden Veranschaulichung der Erscheinungswelt ist. Dieser amerikanischen Immanenzreligion tritt in Person des Terroristen nun ein nihilistisches Transzendenzverlangen gegenüber. Man sagt, der Teufel habe die besten Melodien. Von Charlie, dem Juniorchef der Möbelfirma, der sich später als Doppelagent entpuppt, hört Ahmed, daß Gott die besseren Plots macht. Als alle Mitkämpfer gefallen sind und Ahmed allein in den Lastwagen steigen muß, glaubt er immer noch, sie paßten alle zusammen wie die Teile einer perfekten Maschine. Eine solche Maschine ist dieses Buch. Die Amerikaner beherrschen die Technik also doch noch.
John Updike: "Terrorist". Roman. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Angela Praesent. Rowohlt Verlag, Reinbek 2006. 398 S., geb., 19,90 [Euro].