01.06.2004 · Hemmweh: Ludwig Harigs Poetik der Vergnüglichkeit
Er sei ein Luftkutscher, pflegte schon Ludwig Harigs Oma zu sagen, und so ist eine programmatische literarische Frohnatur aus ihm geworden. "Ich vollführe Luftsprünge, ich treibe Possen, ich reiße Witze, ich mime den Narren, ich spiele den dummen August, ich mache den Leuten den Hanswurst. Und all das halte ich für das Wichtigste in meinem und für das Notwendigste im Leben der anderen Menschen." Solche emphatischen Bekenntnisse zum Spiel und zur Nutzlosigkeit finden sich in Harigs Aufsätzen und Vorträgen immer wieder, als müßte es sich der Autor selber versichern. In der forcierten Rhetorik läßt sich die Anstrengung erahnen, mit welcher der 1927 geborene Erzähler diese Einstellung gegen den früh erfahrenen blutigen Ernst des Lebens und des deutschen Wahns erringen mußte. Ähnlich können auch die Stilmittel der humorigen Abweichung und des fröhlichen Nonkonformismus die Spuren der Mühe nicht verbergen.
Zur Unterrichtung der "nachwachsenden Generationen" erscheinen seine essayistischen Schriften nun als Eröffnung einer achtbändigen kommentierten Werkausgabe, die den Autor im Vorhof des Klassischen aufstellt. Die Sammlung soll einen Überblick über Harigs Entwicklung von der experimentellen Literatur der fünfziger über die "O-Ton-Bewegung" im Neuen Hörspiel der sechziger Jahre über den Romanautor der späten siebziger bis hin zur Popularität der autobiographischen Erzähltrilogie ("Ordnung ist das ganze Leben", 1986, "Weh dem, der aus der Reihe tanzt", 1990, und "Wer mit den Wölfen heult, wird Wolf", 1996) ermöglichen. Zusammen mit Werner Jungs Kommentaren ergibt das eine Geschichte der literarischen Bewegungen der Bundesrepublik, aus der das Erzählen gegen seine Verächter unter den Gebildeten als Sieger hervorgeht.
Die erste Prägung erhielt Harigs Programm der Kunst als Spiel in den fünfziger Jahren durch die Begegnung mit der Konkreten Poesie Helmut Heißenbüttels und den mathematisch fundierten Experimenten des Stuttgarter Wissenschaftstheoretikers Max Bense. Da lernte Harig die Anstrengungen der Theorie als "Modifikationen eines epikuräischen Verhaltens zur Welt" zu begreifen. Literatur wird ihm so fortgesetzter Einspruch gegen die Ökonomisierung des Lebens. Die Idee des mathematischen Kalküls als Einsicht in das "seltsame Verhältnisspiel" zwischen Dingen und Wörtern war für ihn eine Befreiung vom raunenden Literaturverständnis einer Germanistik, die das Dichterische in den "Tiefen eines religiös-visionären Welterlebnisses" suchte.
In Theorie und Analyse wollte Harig das Vergnügliche und Vitale finden und auch das Volkstümliche nach der Art Wilhelm Buschs nicht missen. Wie Balduin Bählamm will er sich privatim aus der weichen Kleie der Sprache eine neue Welt kneten, da ihm doch die altbackene der deutschen Wirtschaftsbürgerlichkeit gar sehr mißfällt. Die Avantgarde der experimentellen Poesie war daher auf die Dauer so wenig etwas für ihn wie die ästhetische Widerborstigkeit und Weltentfernung Arno Schmidts. Harigs Dissidenz ist geselliger Natur, auch er leidet ein "eigentümliches und von allen anderen Heimwehen der Welt grundverschiedenes saarländisches Heimweh", das übrigens "Hemmweh" gesprochen wird. Seine Individuation möchte er nicht unter Intellektuellen leben, schon gar nicht unter "verkrüppelten" Literaturwissenschaftlern, sondern mit den gesund gebliebenen Menschen in Sulzbach.
So hat bei Harig alle Theorie immer etwas gemütlich Geschwätziges, als stünde die gern zitierte "Flasche Moselwein" allzeit auf dem Tisch. Wo immer er ansetzt, kommt er vom philosophischen Hölzchen aufs literarische Stöckchen, und wenn ihm die Zuhörer einschlafen wollen, ruft er "aufgepaßt!" dazwischen. Der stolze Gestus seiner überbordenden "Präparandenbildung" ist der eines Selbstdenkers in der Tradition Jean Pauls. So wird in vielen der Aufsätze und Reden die Abschweifung zur Hauptsache, das fortgesetzte Reden über die Poesie und das mögliche Leben ist wichtiger als der Inhalt und zumal das, was in Ernst und Sorge ohnehin schon ist.
Fröhlich weitergeredet muß werden, denn der Mensch "ist nicht nur ein erzählendes, sondern ein erzähltes Wesen: das Geschöpf, das erst in dem Augenblick sein wahres Menschsein erfährt, in dem von ihm gesprochen wird, es erinnert, beschrieben, erzählt wird". Daß die nachwachsenden Generationen derart ausführlich über ihr Menschsein belehrt werden möchten, steht freilich schon bei Wilhelm Busch in Frage: "Max und Moritz ihrerseits / fanden darin keinen Reiz".
FRIEDMAR APEL
Ludwig Harig: "Wer schreibt, der bleibt". Essays und Reden. Gesammelte Werke Band 8. Hanser Verlag, München 2004. 528 S., geb., 34,90 [Euro].