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„Die Vegetarierin“ rebelliert : Das grausame Gesetz des Fleisches

Die südkoreanische Schriftstellerin Han Kang Bild: Baek Dahum

Dies ist die literarische Entdeckung des Jahres: „Die Vegetarierin“ heißt der Roman der aus Südkorea stammenden Schriftstellerin Han Kang. Er lässt den Leser völlig aufgewühlt und zugleich tief beeindruckt zurück.

          Es gibt, wenn man einen Roman zu lesen beginnt, über den man nichts weiß und von dessen Autorin man noch nie gehört hat, sehr selten dieses Gefühl, dass mit einem Mal alles auf dem Spiel steht. Es ist wie eine dunkle und zugleich schöne Ahnung: Man muss nur ein paar Sätze lesen, und schon glaubt man zu wissen, dass man nicht mehr dieselbe sein wird, wenn dieses Buch zu Ende ist.

          Julia  Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Die Vegetarierin“, der Roman der südkoreanischen Schriftstellerin Han Kang, ist so ein Buch. Man schlägt es auf und ist weg, mittendrin in einer Welt, die auch deshalb so anziehend erscheint, weil sie unheimlich wirkt, weil man sofort spürt, dass hier vermutlich überhaupt nichts in Ordnung ist. Ein Mann erzählt, ein Ehemann: „Bevor meine Frau zur Vegetarierin wurde, hielt ich sie in jeder Hinsicht für völlig unscheinbar“, sagt er. „Um ehrlich zu sein, fand ich sie bei unserer ersten Begegnung nicht einmal attraktiv. Mittelgroß, ein Topfschnitt, irgendwo zwischen kurz und lang, gelbliche unreine Haut, Schlupflider und dominante Wangenknochen. So fühlte ich mich weder von ihr angezogen noch abgestoßen und sah daher keinen Grund, sie nicht zu heiraten. Ihr Mangel an Ausstrahlung, ihr fehlender Esprit und Charme, kam mir im Grunde genommen sehr gelegen. Auf diese Weise brauchte ich keine intellektuellen Hochleistungen zu vollbringen, um sie für mich zu gewinnen.“

          Wer ist die Frau, die hier aufbegehrt?

          Man mag ihn gleich nicht, diesen Mann, dessen Worte so beiläufig daherkommen und doch wie eine Drohung klingen. Aber wer ist die Frau, die hier aufbegehrt? Die von einem Tag auf den anderen beschließt, kein Fleisch mehr zu essen? Und was sind die Konsequenzen?

          Han Kang ist in Südkorea eine der bekanntesten Schriftstellerinnen, spätestens seit diesem Roman, der in Seoul schon 2007 erschien, zum Bestseller wurde, über Umwege nun die Welt für sich gewinnt und der im Mai in England sogar mit dem internationalen Man Booker Prize ausgezeichnet wurde. Geboren wurde sie in Gwangju, jener Stadt, in der im Jahr 1980 Studenten, Arbeiter und Bürger gegen die damals in Südkorea herrschende Militärdiktatur rebellierten, auf Demokratie hofften und vom Militär mit 20.000 Soldaten und Panzern tagelang niedergemetzelt wurden. Vier Monate vor dem Massaker, da war Han Kang neun Jahre alt, zog ihre Familie nach Seoul, durch Zufall, ohne zu ahnen, was kommen sollte. Ein Schuldgefühl, überlebt zu haben, wurden sie seitdem nicht los.

          Als Han Kang zwölf war, fuhr ihr Vater nach Gwangju zurück und brachte einen Fotoband mit, der von dem Massaker Zeugnis ablegte. Die Erwachsenen versteckten ihn im Bücherschrank, das Mädchen aber fand ihn und schlug ihn auf, ohne auf das, was er enthielt, vorbereitet zu sein. Die Bilder des Blutbads, aber auch die Fotografie einer endlosen Schlange bereitwilliger Blutspender vor einem Krankenhaus sind ihr seither im Gedächtnis geblieben und beides - Gewalt und Würde - zu Hauptthemen ihres Schreibens geworden. „Human Act“ heißt ihr bisher nur ins Englische übersetzte Roman über das Massaker in Gwangju, der ein Roman über Südkorea ist.

          Han Kang: „Die Vegetarierin“
          Han Kang: „Die Vegetarierin“ : Bild: Aufbau Verlag

          Und genau das erwartet man auch, wenn man „Die Vegetarierin“ aufschlägt: einen Südkorea-Roman. Irgendwie hat man gleich die fleischversessene koreanische Küche vor Augen und wird darin ja auch bestätigt, wenn der Ehemann die Frau nachts im Dunkeln vor dem Kühlschrank findet, während er etwas Weiches unter seiner Fußsohle spürt. Sie sitzt im Nachthemd auf dem Boden, die Haare hängen ihr wirr ins Gesicht. Um sie herum ist der Fußboden bedeckt von schwarzen und weißen Gefrierbeuteln, die sie Stück für Stück in einen großen Müllbeutel wirft: „Fonduefleisch, Schweinebauch, zwei Packungen Rinderfilets, Tintenfisch, Aal, gepökelten Trockenfisch; Teigtaschen“. Was man offenbar alles so im Gefrierfach hat in Korea.

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