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: Die Tram spielt verrückt

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Die wahren Erben sind nicht immer legitime Kinder, die im elterlichen Haus aufwachsen: Manchmal leben sie unerkannt im Nachbarhaus, manchmal kommen sie überraschend vom Ende der Welt, wo ein pflichtvergessener Familienvater sie gezeugt hat. Franz Kafka zum Beispiel, der schon so oft als Stammvater ...

          Die wahren Erben sind nicht immer legitime Kinder, die im elterlichen Haus aufwachsen: Manchmal leben sie unerkannt im Nachbarhaus, manchmal kommen sie überraschend vom Ende der Welt, wo ein pflichtvergessener Familienvater sie gezeugt hat. Franz Kafka zum Beispiel, der schon so oft als Stammvater herhalten musste, dass man das Adjektiv "kafkaesk" nicht mehr hören mag, hat, wie sich jetzt herausstellt, eine französische Tochter mit Migrationshintergrund: Nur ein echtes Kind wie Marie NDiaye kann sich mit einer so unverfrorenen, mit einer so abgründig-intimen Kennerschaft in der väterlichen Werkzeugkiste bedienen.

          Marie NDiaye, ein Wunderkind der französischen Literatur, das schon mit achtzehn bei "Minuit" verlegt wurde, ist, wenn überhaupt, dem deutschen Publikum durch "Rosie Carpe" bekannt geworden. Gleichwohl hat der preisgekrönte Roman nicht das verdiente Echo gefunden. Marie NDiayes neuestes Buch "Mein Herz in der Enge" könnte das ändern. Mit einem Stupser lässt es den Leser vornüber in eine rabenschwarze Szenerie kippen. Nadia und Ange Lacordeyre, zwei passionierte Grundschullehrer um die fünfzig, werden mit einem Mal angefeindet: Die Schüler gehorchen nicht mehr, Kollegen schneiden sie, Passanten spucken ihnen hasserfüllt ins Gesicht - eine rätselhafte Veränderung hat stattgefunden, die ihr geregeltes Leben aus der Fassung bringt. Eines Tages kommt Ange mit einer Verletzung nach Hause, einem klaffenden Krater, "den irgendein zugleich breites und spitzes Instrument, das ich mir nicht vorzustellen wage, verursacht hat"; er wird bettlägerig.

          Richard Victor Noget, ein verkommener Nachbar mit filzigem Bart, den mit einem Mal jeder zu kennen und zu verehren scheint, nutzt die Gunst der Stunde. Er stellt eine "abscheuliche Intimität" her, indem er die Hilflosen bekocht, ja mästet, mit Bayonne-Schinken, butterglänzenden Schnitten und köstlichen, fetten Speisen. Fortan ist auch die Wohnung kein Rückzugsort mehr, Nadia muss fürchten, dass sogar die Möbel, "meine lieben, hübschen, wertvollen Möbel vielleicht entzückt sind, mich zu täuschen, und unheimliche Unbekannte, aggressive Wächter in sich verbergen". Auch ihr Körper schwillt auf seltsame Weise an.

          Atemlos und beklommen folgt der Leser der Gehetzten auf ihren Irrwegen durch neblige Straßen, in denen grell beleuchtete Straßenbahnen geisterhaft hin und her schießen. Die Stadt selbst, das hochmütig-bürgerliche Bordeaux, hat es auf Nadia abgesehen: Straßen ziehen sich endlos hin, Kreuzungen finden sich nicht an der gewohnten Stelle, die Tram trachtet ihr nach dem Leben. Wie Josef K. an der Gironde irrt Nadia durch eine unverständlich gewordene Welt, sucht Erklärungen bei Behördenvertretern wie dem befreundeten Inspektor Lanton. Wie in "Der Prozess" scheint längst jeder von ihrer Schuld und Ächtung zu wissen, ohne dass der Grund je benannt würde: "Nein, nein, es sind nicht Sie, es ist . . . wie kann man das ausdrücken . . . das, was an Ihnen unberührbar scheint, Ihre . . . Ihre Steifheit und Ihre Reinheit, Ihr Auftreten und Ihre Gewohnheiten, ach, wie kann man das ausdrücken." Den Drahtseilakt zwischen Neugier und Verdrängung, Ahnung und Wissen vollführt Marie NDiaye bravourös bis ins sprachliche Detail; die Übersetzung wird dem meist gerecht, erlaubt sich aber auch ein paar Patzer. Die größte Familienähnlichkeit stellt der Einsatz eines kafkaschen Kunstgriffes her: "Die Verwandlung" lässt Gregor Samsa zum Käfer mutieren, wodurch man vor allem erkennt, wie grausam seine Umwelt ist. Marie NDiaye dreht den Kniff um: Die Menschen um Nadia ändern sich radikal, sogar Ange wird bösartig; das feindselige Umfeld wirft die scheinbar Unschuldige auf sich selbst zurück. Dadurch setzt ein Prozess ein, der Schicht um Schicht Nadias Leben entblößt und Ungeheuerliches zutage bringt: Die Mutation der Umwelt führt zur Entlarvung der Heldin.

          Nach und nach erfährt der Leser, dass Nadia und Ange eine arrogante, misanthrope Abgeschiedenheit pflegten; dass Nadia bereits verheiratet war und ihren ersten Mann nicht aus den lautersten Motiven verlassen, ja, dass sie ihn übervorteilt und ins Unglück gestürzt hat; dass sie ihren Sohn Ralph und mehr noch ihre Eltern seit Jahrzehnten sträflich vernachlässigt. Wellen der Scham und der Reue spülen die selbstgewisse Zufriedenheit ihres statussatten Lebens wie Schlick hinweg. Schließlich reist Nadia ab, um Sohn und Enkelin aufzusuchen, sie gibt ihr bisheriges Leben ganz auf.

          Die Autorin operiert mit handfesten Mitteln: Die Namen der Figuren sprechen Bände; phantastische Dinge geschehen, so eine Autofahrt mit einer Leiche am Steuer; gelegentlich werden die Figuren zu Sinnbildern, wie jene Schuldirektorin, die zu einer "Allegorie der Abscheu" erstarrt. Marie NDiaye aber privilegiert diese metaphysische Ebene nicht. Raffinierter zeichnen beiläufige Verweise die universelle Dimension des Romans: das Schicksal einer Tochter von Einwanderern aus einem armen Vorort, die ein erfolgreiches Leben im Herzen der Stadt führen wollte und die der Integration, dem gesellschaftlichen Aufstieg ihre Vergangenheit geopfert hat. In dieser Art, soziale Wirklichkeit poetisch zu pointieren, ruhen der Zauber und die dringende Aktualität von "Mein Herz in der Enge". Ihre Meisterschaft in der Verwandlungskunst macht Marie NDiaye zu einer der wichtigsten und spannendsten Stimmen der französischen Gegenwartsliteratur.

          NIKLAS BENDER

          Marie NDiaye: "Mein Herz in der Enge". Roman. Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008. 286 S., geb., 22,80 [Euro].

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.02.2009, Nr. 45 / Seite 26

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