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Veröffentlicht: 13.06.2017, 11:59 Uhr

Margaret Atwoods Erzählungen Der Besuch der jungen Dame

Neun Erzählungen von Margaret Atwood versammelt der Band „Die steinerne Matratze“: Drei sind untereinander verknüpft, zwei bleiben hinter dem Reiz der übrigen zurück – ein insgesamt sehr erfreuliches Buch.

von Thorsten Gräbe
© Berlin Verlag Margaret Atwood: „Die steinerne Matratze“. Erzählungen. Aus dem Englischen von Monika Baark. Berlin Verlag, Berlin 2016. 304 S., geb., 20,- €.

Margaret Atwood wurde zur Schriftstellerin, als ihr auf dem Heimweg von der Schule die Idee für ein Gedicht kam. Nachdem sie es geschrieben hatte, wusste sie, dass Schreiben das Einzige war, was sie tun wollte. Ihre Eltern hofften, das wäre bloß eine Phase. Doch eine Freundin der Mutter beurteilte Schreiben als Beruf für Frauen optimistischer: „Das ist nett, Liebes, denn zumindest kannst du es daheim machen.“ Mit 77 Jahren zählt Atwood heute zu den bekanntesten Autoren Kanadas. An ihre schriftstellerischen Anfänge erinnerte sie sich in dem Band „Negotiating with the Dead“ (2002), der aus einer Vorlesungsreihe an der Universität von Cambridge hervorging. Atwood sprach von ihrer Studienzeit in Toronto, wo sie mit Theaterleuten, Folksängern und Dichtern bekannt war, von Lyrikzirkeln im Café und der ersten selbstgedruckten Broschüre mit ihren Gedichten. Ihr neuer Geschichtenband „Die steinerne Matratze“ beginnt nun mit drei Texten, die untereinander verbunden sind durch die gemeinsame Vergangenheit der Figuren in der Boheme von Toronto.

Constance, die Hauptfigur der ersten Erzählung, hielt sich damals selbst für eine Poetin, fing aber an, Fantasygeschichten zu schreiben, um die Miete zahlen zu können für sich und ihren Dichterfreund Gavin. Der sah diese finanzielle Unterstützung als selbstverständlich an, betrog Constance allerdings mit der Buchhalterin des Cafés, in dem sich die Künstler trafen. Sie alle amüsierten sich über die Fantasywerke, mit denen Constance später zur erfolgreichen Autorin wurde. Heute ist sie eine alte Dame, von Gavin und seiner dritten Frau kommt jedes Jahr eine Weihnachtskarte.

Wie sich auf einer Arktis-Kreuzfahrt ein Mord begehen lässt

Die zweite Geschichte erzählt mit bösem Spott, wie der greise Gavin von einer jungen Forscherin besucht wird. Der vertrocknete Dichter macht sich mit anzüglichen Sprüchen lächerlich, seine dritte Frau bereitet sich bereits auf ihre künftige „Witwen-Nummer“ im Literaturbetrieb vor, und die Doktorandin mit ihrem aufgeplusterten Forschungsthema („eine Tiefenanalyse der Funktion des Symbolismus gegenüber dem Neorealismus in Bezug auf Weltenbau“) ist gar nicht an Gavin und seinem Werk interessiert, sondern bloß daran, als welche Figur er in Constances Fantasywelt verewigt wurde. Die dritte Erzählung schließlich folgt dem Leben von Constances einstiger Nebenbuhlerin aus dem Bohemecafé und lässt die Rivalinnen bei Gavins Beerdigung wieder aufeinandertreffen. Als kleines Generationsporträt erzählen diese drei Geschichten von Alter, Liebe und Erinnerung.

Der Band enthält insgesamt neun Texte. In „Lusus Naturae“ erklärt ein bestochener Pfarrer ein krankes Mädchen, das gelb unterlaufene Augen, rosa Zähne, rote Fingernägel und dunkle Haare auf Brust und Armen hat, für tot. Die Titelgeschichte verrät, wie sich auf einer Arktis-Kreuzfahrt unbemerkt ein Mord begehen lässt. „Fackelt die Alten ab“ wiederum schildert eine Protestbewegung, die den Generationenkonflikt in tödlichen Wahn verwandelt.

Insgesamt doch sehr erfreulich

Zwei Erzählungen bleiben hinter dem Reiz der übrigen zurück. In „Der gefriergetrocknete Bräutigam“ begegnet ein Kleinganove einer Frau, die eine Hochzeitsausstattung (samt der titelgebenden Leiche) in einem Lager deponiert hat. Vom plumpen Einstieg bis zum konfusen Finale ließe es sich noch als Parodie schlechtgeschriebener Pulpstorys lesen. Von einem Möbelfälscher heißt es etwa, er sei „der Botox-Arzt des Holzes, nur dass er dafür sorgt, dass es älter aussieht statt jünger“. Dann prasselt Schnee „sanft gegen das Fenster wie ein Trupp winziger Kamikazemäuse“. Vielleicht ist Atwood die Botox-Ärztin der Genreparodie, nur dass sie alles lahmer macht statt lustiger. Genauso enttäuscht es, dass in der Erzählung „Bezaubernde Zenia“ Figuren ihres Romans „Die Räuberbraut“ (1993) zurückkehren, um über Mülltrennung, moderne Zahnarztmethoden und das angemessene Wort für Hundekot zu sinnieren. Neugier auf den Roman weckt das nicht.

In den Cambridge-Vorlesungen sprach Atwood auch darüber, wie sie in ihrer Jugend bei der Arbeit als Babysitterin eine Gruselgeschichte las, in der die abgetrennte Hand eines Toten ein Eigenleben führt. Daran knüpft „Die tote Hand liebt dich“ an: Ein Student schreibt einen Roman über eine Horrorhand. Das Buch wird zum Hit, zwei Filme folgen. Wie bei Constance und Gavin zeichnet Atwood den Verlauf eines ganzen Autorenlebens nach. Das Buch selbst wird als Text im Text nacherzählt. Atwood verwebt die Geschichte seiner Entstehung mit erfundenen Deutungen von Forschern und Vergleichen mit den erfundenen Filmen. Das gelingt ihr so gut, dass dieser Band insgesamt doch sehr erfreulich ist, trotz seiner beiden Fehlschläge. Die wurden wohl heimlich von einer abgetrennten Hand hineingeschmuggelt.

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