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: Die Poesie der Peking-Ente

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Kurz vor dem Ende seiner Geschichte geht Nan Wu in der Kleinstadt Lilburn bei Atlanta zum Zahnarzt. Es steht schlecht um ihn; die Mundpflege in Nans chinesischer Heimat war mehr als dürftig, sein Zahnfleisch ist wund, und der Arzt zieht ihm vorsorglich alle vier Weisheitszähne. Nan lässt sie sich in Gaze einwickeln und nimmt sie mit.

          Kurz vor dem Ende seiner Geschichte geht Nan Wu in der Kleinstadt Lilburn bei Atlanta zum Zahnarzt. Es steht schlecht um ihn; die Mundpflege in Nans chinesischer Heimat war mehr als dürftig, sein Zahnfleisch ist wund, und der Arzt zieht ihm vorsorglich alle vier Weisheitszähne. Nan lässt sie sich in Gaze einwickeln und nimmt sie mit. Als er auf dem Parkplatz vor der Arztpraxis mit der Zunge die tiefen Krater in seinem Mund abtastet, fällt ihm eine Stelle aus Vladimir Nabokovs Roman "Pnin" ein. Darin vergleicht Nabokov die Zunge Pnins, der sich ebenfalls ein paar Zähne hat ziehen lassen, mit einem "fetten, glatten Seehund", der munter im Eiswasser des Nordmeers herumtaucht. Mancher Leser würde sich von dieser literarischen Erinnerung erquickt fühlen. Nan Wu aber geht es nun noch schlechter als zuvor.

          Denn Nan hat ein Problem. Er möchte ein Dichter sein. Stattdessen betreibt er ein chinesisches Restaurant in einer gottverlassenen Mini-Mall in Lilburn, Georgia. Seine Zähne sind ebenso wenig berühmt wie Nan selbst, und das wurmt ihn. "Er stellte sich vor, wie Bibliotheken die Zähne von Nabokov, Joyce, Yeats und Frost mit ihren Manuskripten und Briefen als Reliquien präsentierten." Nan Wu dagegen kocht bloß jeden Abend im "Gold Wok" Peking-Ente und "Sieben Köstlichkeiten" für seine amerikanischen Gäste. "Wie wertlos seine kaputten Zähne waren, weil er es im Leben zu nichts gebracht hatte!" Vor Zorn über seine Minderwertigkeit steigen Nan bittere Tränen in die Augen. Sofort ruft er sich aber zur Ordnung: "Lass das Selbstmitleid! Diese Zähne sind nicht besser als die eines Hundes." Stoisch wirft er das Gazepäckchen in den Müllcontainer vor seinem Restaurant.

          Der selbstquälerische Restaurantbesitzer Nan Wu ist der Held von Ha Jins fünftem Roman "Ein freies Leben" - wenn man ihn einen Helden nennen kann. Für den Leser dieses Buchs ist Nan über weite Strecken vor allem ein wandelndes Rätsel, und wenn man die Zahnarzt-Episode liest, fragt man sich endgültig, worüber dieser Mann, der ein gutgehendes Familienunternehmen, ein fast schuldenfreies Haus, eine hingebungsvolle Ehefrau und einen gesunden Sohn hat, sich eigentlich so aufregt. Die Antwort gibt der Titel des Romans. Nan ist nach Amerika gekommen, um sein Dasein selbst gestalten zu können, statt sich, wie zu Hause in China, mit den herrschenden Verhältnissen arrangieren zu müssen. Doch nach fünfhundert Buchseiten steht er immer noch am Herd, statt Gedichte zu schreiben. Damit teilt er das Schicksal vieler tausend Chinesen, die in den achtziger und neunziger Jahren nach Amerika kamen. Die wenigsten von ihnen fanden im Land der Freien das freie Leben, das sie erhofften. Zu diesen wenigen gehört der Autor Ha Jin.

          "Für Lisha und Wen, die diesen Roman gelebt haben." So lautet die Widmung des Buchs. Lisha und Wen heißen Ha Jins Frau und sein Sohn. Bis vor kurzem lebte er mit ihnen in der Nähe von Atlanta. Und wie Nan Wu ist auch Ha Jin nach dem Massaker auf dem Tiananmen-Platz in den Vereinigten Staaten geblieben, wo er zu jener Zeit studierte. Dennoch ist sein Roman keine Autobiographie, schon deshalb nicht, weil Ha Jin seit fünfzehn Jahren an amerikanischen Universitäten Literatur unterrichtet, statt Restaurants in Mini-Malls zu führen. Aber es ist, wie man an der Widmung sieht, auch keine reine Fiktion. Man könnte "Ein freies Leben" eine Doppelgängergeschichte nennen. Die Geschichte des Mannes, der Ha Jin nicht geworden ist. Einer von Nan Wus amerikanischen Bekannten, vielleicht sein einziger Freund, ist der Lyriker Dick Harrison. Er macht eine typische Dichterkarriere: Erst veröffentlicht er ein paar Lyrikbände, dann bekommt er eine Professorenstelle. Dick Harrison ist das maskierte Alter Ego seines Autors. Und er ist das, was Nan Wu werden will: ein amerikanischer Poet.

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