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Die Machenschaften des Dr. Schmincke

Das Jahr 1929 gehört nicht unbedingt zu den markanten Geschichtsdaten, die sich im kollektiven Bewusstsein eingegraben haben. Und doch muss es im Rückblick wohl als das Jahr gelten, in dem sich das Schicksal der ersten deutschen Republik entschied. Noch im Vorjahr schien der junge Staat vergleichsweise gefestigt: ...

Das Jahr 1929 gehört nicht unbedingt zu den markanten Geschichtsdaten, die sich im kollektiven Bewusstsein eingegraben haben. Und doch muss es im Rückblick wohl als das Jahr gelten, in dem sich das Schicksal der ersten deutschen Republik entschied. Noch im Vorjahr schien der junge Staat vergleichsweise gefestigt: Die Turbulenzen der Inflation lagen einige Jahre zurück, und nach den Reichstagswahlen, die den Sozialdemokraten starke Gewinne brachten, wurde eine große Koalition aus SPD, Zentrum, DDP und DVP gebildet. Im Herbst 1929 verlor die Republik durch den frühen Tod des Außenministers Gustav Stresemann ihren vermutlich begabtesten Politiker. Wenige Wochen später brach die Weltwirtschaftskrise aus.

Aber schon im Mai hatte sich etwas ereignet, was typisch für die Selbstschwächung der Weimarer Republik erscheint. Berlins sozialdemokratischer Polizeipräsident Karl Zörgiebel hatte, gestützt auf ein seit Ende 1928 geltendes Demonstrationsverbot, die traditionellen Umzüge der Arbeiterschaft am 1. Mai in der Hauptstadt untersagt und angeordnet, das Verbot mit aller Härte durchzusetzen. Diese Maßnahme war offenkundig gegen die Kommunisten gerichtet und erweckte somit den Verdacht, durch parteipolitische Rivalität motiviert zu sein. Als kommunistische Arbeiter sich dennoch versammelten, kam es vor allem in Neukölln und im Wedding zu schweren Kämpfen, die auch noch an den nächsten Tagen andauerten. Die Polizei schoss scharf. Mehr als dreißig Menschen kamen ums Leben; neben Kommunisten auch Unbeteiligte, jedoch keine Polizisten. Die Unruhen wurden zum Anlass genommen, den Rotfrontkämpferbund zu verbieten. Wie sehr dieser "Blutmai" dazu beitrug, unabhängige linke Intellektuelle, die bis dahin der Republik kritisch, aber loyal gegenübergestanden hatten, von ihr zu entfremden, wird aus Carl von Ossietzkys Artikeln in der "Weltbühne" deutlich. Ossietzky und andere Parteilose bildeten gemeinsam mit Vertretern der KPD einen inoffiziellen Untersuchungsausschuss mit öffentlichen Befragungen.

Einer der kommunistischen Teilnehmer dieses Ausschusses, der Neuköllner Arzt Dr. Schmincke, taucht in Volker Kutschers historischem Kriminalroman "Der nasse Fisch" als Randfigur unter dem Namen Dr. Völcker auf. Zörgiebel erscheint mit dem realen Namen und spielt eine wichtige Rolle im Romangeschehen, während sein eindrucksvollerer (von dem Kölner Germanisten Dietz Bering in die Erinnerung zurückgerufener) Stellvertreter Bernhard Weiß zwar erwähnt wird, aber nicht persönlich auftritt, obwohl er mit der Kriminalpolizei besonders befasst war. Vielleicht kommt Weiß, der - als Objekt antisemitischer Hasstiraden der nationalsozialistischen Zeitung "Angriff" und ihres Herausgebers Joseph Goebbels - aus eigener Erfahrung wusste, dass der Republik nicht nur von links Gefahr drohte, ja in einem späteren Buch eine eigene Rolle zu, denn "Der nasse Fisch" soll der Beginn einer Serie um den Kommissar Gereon Rath sein.

Die politische Situation bildet in dem Roman des 1962 geborenen Autors nicht einfach nur den Hintergrund, vor dem die im Mai und Juni 1929 angesiedelte Krimihandlung abläuft. Im ersten der drei Teile stehen sogar die Maiunruhen im Mittelpunkt. Doch auch später bleibt der Kriminalfall aufs engste mit den politischen und gesellschaftlichen Umständen verknüpft. Vorzüglich gelingt es Kutscher, das Genre zu nutzen, ohne es zu missbrauchen: Auch wenn es ihm vor allem darum geht, ein Porträt Berlins und der Weimarer Republik zu zeichnen, gibt er doch, mit diffizilen Ermittlungen und verblüffenden Wendungen, dem Krimi, was des Krimis ist.

Die Hauptperson des Romans, der junge Kriminalkommissar Gereon Rath, stammt, wie der Name schon sagt, aus Köln. Dort hat er einen Mann erschossen, der seinerseits Schüsse auf "ahnungslose Passanten" abgegeben hat. Zwar wurde Rath freigesprochen, aber der Getötete war der Sohn des Zeitungsverlegers LeClerk (man soll wohl "DuMont" assoziieren), der daraufhin eine Pressekampagne gegen den Polizisten entfachte. Im Zusammenwirken mit dem einst ebenfalls aus Köln an die Spree gewechselten Zörgiebel hat Raths Vater, selbst ein hoher Kriminalbeamter, die stillschweigende Versetzung seines Sohnes nach Berlin organisiert. Die neuen Kollegen kennen diese Vorgeschichte anfänglich nicht, denn die Provinzpresse nimmt man in der Hauptstadt nicht zur Kenntnis. Da nur bei der Sittenpolizei eine Stelle frei ist, landet Rath zuerst dort. Es zieht ihn aber mit Macht zur Mordinspektion; nicht nur, weil er sich in eine dort tätige Sekretärin verliebt. Einen zufällig erlangten Wissensvorsprung nutzt er für private Ermittlungen in einer Mordsache, wobei sein Ehrgeiz und seine Eigenmächtigkeiten ihn zunehmend zwielichtig erscheinen lassen. Wieder kommt es zu einem fatalen Schusswaffengebrauch, dessen Folgen Rath zu vertuschen sucht.

Als er dann tatsächlich eine Stelle in der Mordinspektion erhält, muss er zunächst in eigener Sache ermitteln. Diesen Fall würde er liebend gerne zu den titelgebenden nassen Fischen - so werden die ungelösten Fälle genannt - legen, während er die Sache, der er ursprünglich auf der Spur war, durch geglückte Aufklärung vor diesem Schicksal zu bewahren bestrebt ist. Im Laufe der Ermittlungen stellt sich heraus, dass es um äußerst komplexe Vorgänge geht, in die russische Emigranten, politische Aktivisten, Berliner Unterweltgrößen und nicht zuletzt kriminelle Polizisten involviert sind. Doch der Oberschurke aus den eigenen Reihen kann dem Katholiken Rath schließlich nicht ganz grundlos entgegenhalten: "Tu doch nicht so, als hättest du weniger zu beichten als ich!"

In seiner Erzählsprache bevorzugt Kutscher kurze Sätze, die oft parataktisch aneinandergereiht werden. Eine typische Passage sieht so aus: "Die Ampel am Moritzplatz zeigte rotes Licht. Rath überprüfte seine Mauser. Die würde er gebrauchen, wenn der Kerl unangenehm werden sollte. Und das traute er dem Russen ohne weiteres zu." Vermutlich will der Autor der pointierten Lakonik eines Dashiell Hammett nacheifern. Dieses Vorbild erreicht er nur selten; und über die Wegstrecke von fast fünfhundert Seiten wäre dem Roman eine etwas größere stilistische Variationsbreite nicht schlecht bekommen. Die Personenrede entspricht zumeist dem Sprachgebrauch unserer Zeit und verzichtet weitgehend auf markante sprachliche Historisierungen. Manchmal muss Rath heute übliche Formulierungen, die er verwendet, seinen Zeitgenossen erklären, etwa wenn er einem Journalisten sagt, er könne ihm in Kürze "grünes Licht" für die Veröffentlichung vertraulicher Informationen geben: "Wie am Potsdamer Platz: Du hältst dich bereit, und wenn das Signal auf Grün springt, dann gibst du Gas!"

An zeithistorischen Krimis besteht derzeit großes Interesse, wie vor allem die Bestseller-Erfolge von Anna Maria Schenkel zeigen. Zu diesen schmalen Büchern bildet "Der nasse Fisch" nicht nur hinsichtlich des Umfangs eine Art Gegenpol. In "Tannöd" wird Zeitgeschichte nur in homöopathischen Dosen verabreicht. Kutschers Projekt, den Untergang der Weimarer Republik im Medium des Kriminalromans darzustellen, ist ungleich ambitionierter und dabei ganz und gar schlüssig. Es bleibt zu hoffen, dass es die verdiente Beachtung findet.

HARDY REICH

Volker Kutscher: "Der nasse Fisch". Roman.

Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007. 496 S., geb., 19,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.02.2008, Nr. 27 / Seite 34

 
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