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: Die klauen doch wie die Raben

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"Sie lebten in einem Volkslied, ohne es zu wissen", sagte Martin Walser über die um 1850 lebenden Deutschen. Ihre zwischen 1960 und 1975 geborenen Nachkommen lebten in einem Generationenroman, ohne es zu wissen. Romane, die eine Kindheit in den siebziger und achtziger Jahren behandelten, kamen Mitte ...

          "Sie lebten in einem Volkslied, ohne es zu wissen", sagte Martin Walser über die um 1850 lebenden Deutschen. Ihre zwischen 1960 und 1975 geborenen Nachkommen lebten in einem Generationenroman, ohne es zu wissen. Romane, die eine Kindheit in den siebziger und achtziger Jahren behandelten, kamen Mitte der neunziger Jahre auf; die Variationsmöglichkeiten waren beliebig: Kindheit in der Großstadt, Kindheit in der Provinz, als Katholik, als Protestant, als Ausländer, als Mann, als Frau, sogar die unter etwas anderen Vorzeichen stehende Kindheit in der DDR.

          Die Berliner Psychologin Manuela Golz hat mit dem autobiographischen Roman "Ferien bei den Hottentotten" nun eine der letzten Lücken geschlossen: eine Kindheit in West-Berlin. Monika Kleewe, die Heldin, ist Jahrgang 1965 und in West-Berlin geboren, kennt die Berliner Mauer und andere Absurditäten der deutschen Teilung seit ihrer Geburt und empfindet sie folglich als Normalzustand. Das Frontstadtgefühl ihrer Eltern, verkörpert in einer Bewunderung für "Herrn Kennedy", ist ihr so fremd, wie ihren Eltern die nahe DDR geworden ist, die sie nur von den Transitautobahnen kennen: "Wir hielten niemals an in der Zone, sondern fuhren wie auf Schienen gezogen mit 100 Stundenkilometern Richtung Westdeutschland."

          Das Buch beschreibt eine Kindheit in Reinickendorf, dem nördlichsten Bezirk West-Berlins, Französischer Sektor, mehr als zweihunderttausend Einwohner. Goethe verewigte den Ortsteil Tegel im "Faust II"; der nördlichste Ort, den er je aufsuchte. Weitere literarische Erwähnungen waren der Gegend bislang nicht vergönnt, sieht man von einigen Liedern des womöglich prominentesten Einwohners Reinhard Mey ab. Es gibt viel Wald und Wasser, den Flughafen Tegel, das Märkische Viertel, ein paar Bauernhöfe, eine große Justizvollzugsanstalt, einen russischen Friedhof und eine Essigfabrik. Hier leben Nord-Berliner, die mit den Bewohnern der südlichen Bezirke - die Grenze soll die Lietzenburger Straße sein, eine Parallelstraße des Kurfürstendamms - wenig zu tun haben; auch Monika Kleewe begibt sich nur ein einziges Mal in den Berliner Süden, zu einer Demonstration am Fehrbelliner Platz.

          Reinickendorf war solider West-Berliner Durchschnitt. Bis in die siebziger Jahre erzielte eine konservative SPD hier Mehrheiten von mehr als fünfzig Prozent, in den achtziger Jahren kam die Diepgen-CDU auf ähnliche Ergebnisse. Reinickendorf lag abseits der Stadtrundfahrten westdeutscher Touristen, spektakuläre Sehenswürdigkeiten und ein vermeintlich großstädtisches Nachtleben gab es nicht, statistisch aber auch viel weniger Ausländer und Arbeitslose als im West-Berliner Durchschnitt, auch keine nennenswerte Alternativ-, Hausbesetzer- oder sonstige Szene. Berliner Provinz also, und tatsächlich gibt es hier eine Provinzstraße.

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