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: Die Ich-AG als Sackgasse

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Mit Adrian Naefs "Nachtgängers Logik" hat Suhrkamp sich zur Publikation eines grimmig-dämonischen Textes entschlossen. Die wütende Selbstzerfleischung des Autors ist das nachträglich entstandene Protokoll einer Depression; als "Krankheitsprosa" ist es so problematisch wie erhellend.

          Mit Adrian Naefs "Nachtgängers Logik" hat Suhrkamp sich zur Publikation eines grimmig-dämonischen Textes entschlossen. Die wütende Selbstzerfleischung des Autors ist das nachträglich entstandene Protokoll einer Depression; als "Krankheitsprosa" ist es so problematisch wie erhellend. Der Schweizer rechnet mit seiner Vergangenheit als beliebter Therapeut und ehemaliger Revoluzzer an der St. Galler Wirtschaftsakademie ab. Ein hedonistisches Hippieleben und eine anschließende Karriere als Wunderguru haben ihn von einem Tag auf den anderen in eine haltlose Krise gestürzt, aus der er erschöpft und dankbar - wie ein Kind, das die elementaren Funktionen des Lebens noch einmal lernen muß - wiederauftaucht.

          Um seinem Leiden auf den Grund zu kommen, versucht es der Verwirrte mit allen erdenklichen Erklärungen vom prometheischen Gottesgericht über Kindheitstraumata bis zur Schweizer Nationalverdrängung und einem Zeckenstich, der die Körpersäfte durcheinanderbrachte. Doch durch alle Analysen zieht sich das Motiv der Egomanie, der Hybris mit rächendem Fall. In seiner Selbstverliebtheit erkennt Naef ein Generationensymptom, die Unreife der Achtundsechziger, die nicht erwachsen werden wollten.

          Am besten ist sein Buch dort, wo er den modernen Hunger als Sinnleere diagnostiziert. Sinn, das weiß der von wohlmeinenden Fremden abhängige Kranke, entsteht nicht im narzißtischen Kurzschluß, sondern nur in der "Courage des Herzens", in der Durchbrechung der Mauer der Arroganz, die der Depressive plötzlich als vereinsamenden Wall zu spüren bekommt. In verquerer Weise ist "Nachtgängers Logik" ein Liebesevangelium - und es wird nicht überraschen, daß der Messias darin wiederum Adrian Naef heißt.

          Beeindruckend an der herrisch-verbissenen Selbstbezichtigung, die sich über weite Strecken zum flammenden Predigerton aufschwingt, ist nicht zuletzt, daß der Autor den Feind, das hochfahrende Ich, in keinem Augenblick los wird. In den Aufruf zur Menschenliebe mischt sich eine vitalistische Attitüde, in der sich Naef zum Kämpfer und Samurai stilisiert, vom Wilden in sich spricht, der sein Recht will, sich nicht therapieren läßt und ihm möglicherweise "letztlich das Leben gerettet" hat. So idealisiert der Gesundete den "brutalen Dschungel" der Depression zum "Inbegriff der Schönheit" und bekennt, das sie "das Beste" war, was ihm "je passierte". Die Aussicht, den Kampf mit dem Ich doch zu gewinnen, übersetzt sich in ein Lehrbuch der Depression, das auf 256 Seiten nur vom Ich spricht. Frauen kommen vor als "eine alte Bekannte, mit der ihn eine schnelle Bettgeschichte verbindet, die bei ihm aber nie landen konnte, jetzt stundenlang neben seinem Bett sitzt und nur von sich redet".

          Solche Passagen sehen mehr nach beglichenen Rechnungen aus als nach Teach-ins in der Kunst, das Fremde zu verstehen. Kein Wunder, ist der gesundete Naef doch eitel genug, diese Bettgeschichten mit grotesker Bescheidenheit als Versuche herunterzuspielen, "höchstenfalls Casanova zu schlagen im Auflisten seiner weiblichen Beute". Auch Freunde, Ärzte und Mitpatienten werden gründlich vorgeführt: "Die Kur des depressiven Intellektuellen besteht gerade darin, daß er es in den Kliniken mit Dummheit zu tun bekommt." Dieselbe Maßlosigkeit bringt Naef allerdings gegen sich selbst in Anschlag, megaloman ist er vor allem im masochistischen Diskurs.

          Daß in seinem Ausbruch aus konventionellen Weltwahrnehmungsmustern nicht nur Wahn, sondern auch eine geradezu übersinnliche Hellsicht steckt, ist vielleicht das, was die Rückkehr in die Normalität am schwersten macht. Die Heilfabel vom guten Nächsten geht mit dem Opfer des Intellekts einher, jenem Kassandrablick, der nicht nur wußte, wann das Telefon klingeln und was der Fernsehsprecher in der nächsten Sekunde sagen würde, sondern der mit derselben Unbarmherzigkeit das System sozialer Lügen durchschaute, das die menschliche Gesellschaft zusammenhält.

          In den Textabgründen verbirgt sich ein sehr zeitgemäßer, nietzscheanischer Charakter, der die Erfahrung machen mußte, daß die Ich-AG eine Sackgasse ist - nicht, weil sie in sich inkonsequent oder fehlerhaft wäre, sondern weil sie sich nicht in den menschlichen Kreislauf integrieren läßt. So ist das Mittel, das der Autor der eigenen "Sturheit" verschreibt, das Credo der Bewegung, der ständige, buddhistische Fluß. Schon Nietzsche wußte, daß alles darauf ankommt, nicht zu alt für die eigenen Siege zu werden. Es gilt, bis auf weiteres, schneller als der Schatten zu sein, es gilt, was das Christentum Liebe nennt: dem Spiegelbild zu entkommen.

          INGEBORG HARMS

          Adrian Naef: "Nachtgängers Logik". Journal einer Odyssee. Mit einem Nachwort von Walter Muschg. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003. 256 S., geb., 24,90 [Euro].

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