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Die Herzen aller Leser brechen

Sándor Márais "Gräfin von Parma" in einer Neuausgabe

In Sándor Márais Meisterwerk "Die Glut" fragt Henrik, einer der beiden Alten, am Ende eines langen Monologs sein schweigendes Gegenüber: "Glaubst auch du, daß der Sinn des Lebens einzig in der Leidenschaft besteht, die eines Tages in unsere Herzen, Seelen und Körper fährt und dann auf ewig brennt?" Eine rhetorische Frage. Doch nicht der Gegenstand der Leidenschaft ist wichtig, sondern die Intensität, mit der sie den Menschen treibt. Daher ist es von Bedeutung, daß Márai seine Helden im Alter aufeinandertreffen läßt: Das Erzählen in der Rückschau erlaubt die Reduktion auf die wenigen Impulse, die ein Menschenleben ausmachen.

Im Zuge der Wiederentdeckung Márais ist nun ein weiterer Roman in überarbeiteter Übersetzung neu aufgelegt worden. "Die Gräfin von Parma" (1940) ist ein leichteres Stück, gesättigt mit Raffinesse, Sinnesreichtum und Esprit. Erzählt wird eine Episode aus dem Leben Giacomo Casanovas, der, den Bleikammern Venedigs entflohen, gen Norden zieht und in Bozen Zwischenstation macht. Der Aufenthalt ist in Casanovas Lebensbericht vermerkt, nimmt jedoch wenig Raum ein. Márai läßt ihn durch eine fiktive Begegnung zur Zäsur werden: In Bozen nämlich residiert der Graf von Parma, verheiratet mit der bezaubernden Francesca, deren Hand er sich einst im Duell mit dem berühmtesten aller Liebhaber sicherte.

Mittlerweile ist er alt und trachtet nur danach, sich Francesca zu erhalten. Um einem Treuebruch der jungen Gräfin zuvorzukommen, schlägt er Casanova einen Pakt vor, der das Recht auf eine Nacht, das Leben und viel Gold zugesteht. Die Konstellation nimmt bekannte Elemente auf: Wieder begegnet dem Leser ein Greis, der auf seinen existentiellen Widersacher wartet und mit der Sprach- und Gedankenwucht einer Dostojewski-Figur seine Sicht des Lebens entfaltet.

Casanova ist kein Adonis, dafür aber einer, "der ganz und gar Mann war, nur das und nichts anderes". Der Verführer, Falschspieler und Haudegen ist ganz dem Genuß des Lebens hingegeben; wo er auch hinkommt, bringt sein ruchloser Charme den Lauf der Dinge zum Tanzen. Er ist ein Schmarotzer, lebt auf Kredit und setzt wie ein Katalysator verborgene Brennwerte frei: "Man schlief und lächelte im Traum; wo er hinkam, wurden die Fenster und Türen zur Nachtzeit sorgfältiger verschlossen, und hinter den verschlossenen Fensterläden warnten die Ehemänner ihre Frauen. Es war, als ob Gefühle, die gestern noch Asche und Glut waren, nun aufloderten." Lächeln und Gefährdung gehen Hand in Hand. Mit wunderbar beiläufiger Anschaulichkeit setzt Márai einen Lebensstil in Szene, der sich multiplen Passionen hingibt und die Treulosigkeit zum Prinzip erhebt. Um Casanova wird eine frivole Welt der aufgeklärten Sinnlichkeit zum Leben erweckt.

Márai läßt Casanova auf die Vierzig zugehen, eine signifikante Abweichung von der Biographie (zur Zeit der Flucht aus den Bleikammern war er tatsächlich erst 32 Jahre alt). So leidet auch er an den ersten Zipperlein und muß einsehen, daß sein Körper der Endlichkeit ausgeliefert ist. Trotzdem bejaht der Autor in dieser Figur eine der Offenheit des Lebens vertrauende Haltung, die aus der Vielfalt schöpft und in ihr den Kern eines zu schreibenden Werkes findet. Durch die Autorschaft Casanovas fließt zudem eine spielerische Reflexion auf das Schreiben ein.

Francesca kommt schließlich als Mann verkleidet, um sich zu holen, wen sie begehrt; sie bietet Casanova einen anderen Vertrag an, einen ungewöhnlichen Bund fürs Leben. So findet die dritte Figur in dieser Konstellation zur Sprache und der Liebesreigen zu seiner Auflösung. Diese Frauenstimme ist erfrischend, der Wechsel vom Objekt zum Subjekt der Begierde bietet einen Perspektivenwechsel, der in "Glut" aufgrund der Erzählstruktur fehlen mußte. Márais seltsam altertümlich, fast bombastisch wirkenden Monologe verlieren so nicht an Bedeutung, gewinnen aber im Wechselspiel die Leichtigkeit eines Maskenballs. Und so hat es eine heitere Folgerichtigkeit, wenn am Ende dieses venezianischen Romans das Lachen eines abgefallenen Mönches sardonisch die verlassenen Räume durchhallt.

NIKLAS BENDER

Sándor Márai: "Die Gräfin von Parma". Roman. Aus dem Ungarischen übersetzt von Renée von Stipsicz-Gariboldi, überarbeitet von Hanna Siehr. Piper Verlag, München 2002. 242 S., br., 12,- [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.03.2003, Nr. 71 / Seite 34

 
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Veröffentlicht: 25.03.2003, 12:00 Uhr