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Die ganze Affenbande brüllt

Überflüssige Hassesmüh: Ein Spätwerk von William Burroughs

William Burroughs ist ein Klassiker des hellsichtigen Drogenwahnsinns. 1944 wurde er heroinsüchtig ("Well, I was just bored"); 1956 gelang es ihm, sich von der Sucht zu befreien ("Ich hatte alle interessanten Effekte, die ich brauchte, und ich wünsche mir keine Wiederholung dieser extrem unangenehmen körperlichen Auswirkungen"). Er schrieb nun eine Reihe erstaunlicher, zu Recht legendärer Werke, darunter den trockenen autobiographischen Bericht "Junkie" (1953) und, unter Verwendung der mit Brion Gysin entwickelten Cut-up-Methode, die Phantasmagorien "Naked Lunch" (1959), "Soft Machine" (1961) und "Nova Express" (1964).

Ob der Titel "Naked Lunch" wirklich von Kerouac vorgeschlagen wurde (er "bedeutet genau das, was die Worte sagen: NAKED Lunch: ein regungsloser Augenblick, in dem jeder sieht, was auf dem Ende jeder Gabel steckt") oder ob er auf einem Verleser des im Manuskript blätternden Allen Ginsberg beruht, der statt "naked lust" (Burroughs hatte immer eine Vorliebe für die mehr oder weniger ironisch mitgeschleifte altmodische Phrase) "naked lunch" entzifferte - das wird man nie genau wissen, und diese Ungewißheit markiert ziemlich präzise Burroughs' genialen Umgang mit dem Zufall und dem Abfall der Sprache.

Seine Meisterwerke destillieren aus der Junk-Erfahrung mit stellenweise hoher sprachlicher Virtuosität starke Metaphern für das, was man ansonsten den Spätkapitalismus und den Überwachungsstaat nennt. Diese analytischen Bilder kleben in einer zügellosen Kolportage, wo sarkastisch alle Requisiten des Kriminalromans und der Science-fiction zitiert und mit Burroughs' privater Paranoia gekreuzt werden: "Junk ist das ideale Produkt ... die unüberbietbare Ware. Werbung überflüssig. Der Kunde wird durch eine Kloake kriechen und betteln, daß er's kaufen darf ... Der Junkverkäufer verkauft nicht sein Produkt an den Konsumenten, er verkauft den Konsumenten an das Produkt."

Burroughs' obsessive szenische Umkreisungen von "Kontrolle", "Krankheit", "Begehren" oder "Bedürfnis" (need) beeindrucken immer noch nachhaltig: "Weitermachen im Halbschlaf ... Letzte Nacht bin ich aufgewacht, jemand drückte meine Hand. Es war meine andere Hand ... Schlaf beim Lesen ein, und die Wörter bekommen eine chiffrierte Bedeutung ... Besessen von Codes ... Ein Mann zieht sich eine Serie von Krankheiten zu, die eine Codebotschaft ergeben ..." Das kann alles so halluzinatorisch-unheimlich und so grotesk komisch sein, daß diese frühen Texte und auch noch teilweise einige spätere durchaus mit den nur unappetitlichen und geschmäcklerischen Zügen von Burroughs' privaten Obsessionen fertig werden, etwa den zwanghaft wiederkehrenden Bildern eines homosexuellen Sadismus, den Phantasien von strangulierten Knaben - von Hunderten gleichzeitig strangulierten schönen Knaben.

Ein deutscher Kleinverlag nun hat einen späten Text von Burroughs, der 1991, sechs Jahre vor seinem Tod, als Privatdruck erschienen war, in Übersetzung herausgebracht; eine Geschichte - nennen wir es so - von Captain Mission, einem einer Chronik des 18. Jahrhunderts entliehenen Piraten, im Dschungel von Madagaskar. Der Titel "Ghost of a Chance" ist von komplexer Mehrdeutigkeit - umgangssprachlich heißt diese Redewendung: eine winzige, eine letzte Chance. Es spielt aber auch die Wörtlichkeit des Gespenstischen und des Zufälligen herein: Gespenst einer Möglichkeit, Phantom eines Zufalls. Und es steckt darin als Anspielung eine seltsame Verbeugung vor den Lemuren Madagaskars, die so etwas wie der eigentliche Gegenstand dieses Buches sind: vor den "Gespensteraffen", den von Mission geliebten und beschützten Tieren, deren drohende Ausrottung - hier dreihundert Jahre zurückprojiziert - zur Metapher für die Abscheulichkeit der Menschheit wird.

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