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Die Gabel in der falschen Hand

01.06.2006 ·  Schweiz ohne Ski: Zwei frühe Romane von Christoph Geiser

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Was treibt die Schweizer zur Winterszeit ins Hochgebirge? Das Skifahren natürlich, die gute Luft zudem und vielleicht noch die Familientradition, die seit Generationen die sonnigsten Chalets am Fuße des Matterhorns, die geduldigsten Skilehrer und die abenteuerlichsten Pisten kennt. Wer sich dem entzieht, wer gar nach Zermatt fährt, um dort fernab der Skihänge nach den Spuren einer Typhusepidemie zu forschen, die den mondänen Ferienort 1963 heimgesucht hat, der wird es schwer haben, denn er muß das Unverständnis seiner Freunde ertragen.

So ergeht es dem Icherzähler in Christoph Geisers "Grünsee". 1978 war dieser unverkennbar autobiographische Roman des damals knapp dreißigjährigen Autors zum ersten Mal erschienen, nun hat ihn der Ammann Verlag zusammen mit Geisers zweitem Roman, "Brachland" aus dem Jahr 1980, neu herausgebracht.

Beide Romane können unabhängig voneinander gelesen werden, zusammen bilden sie ein beeindruckendes Diptychon. Geiser entwirft darin die Entwicklungsgeschichte eines jungen Mannes; zugleich erzählt er die Geschichte einer verzweigten, hochangesehenen Basler Familie, deren Geschick über Generationen eng mit der Schweizer Politik verbunden ist. Der Großvater des Icherzählers war helvetischer Gesandter im nationalsozialistischen Berlin, und er war es gern, wie er der Familie beteuert. Eine der Großmütter hingegen, "Grandmama russe", kam aus Rußland, weshalb der Icherzähler und sein kleiner Bruder "Vierteljuden" sind, wie es ihnen im Kinderzimmer noch lange nach Kriegsende mit beklemmender Rassen-Arithmetik vorgerechnet wird.

Das Zeitgeschehen bildet freilich nur den Hintergrund für die komplizierten familiären Beziehungen, die sich im feinen Basler Patriziat entfalten. Der Protagonist dieser Romane beschreibt sich ohne jede Ironie als "jungen Herrn aus gutem Hause", und das ist keine Übertreibung. Der Vater ein angesehener Kinderarzt, die Mutter eine reiche Erbin und mäßig begabte Künstlerin, Schauspielerin erst, dann Malerin, der Bruder auf dem Weg zu einer erfolgreichen Karriere, die Familienwohnung voll von Antiquitäten und Kunstgegenständen, das Dienstpersonal immer zur Stelle - wer in diesem Ambiente aufwächst, kann nicht nur altgriechische Verse deklamieren und beherrscht feine Tischmanieren, er müßte sich auch um seine Zukunft keine Sorgen machen.

Doch kann sich der Protagonist nur mit Mühe in diese Traditionen fügen. Der von der Familie vorgezeichneten Berufsperspektive - Arzt oder Jurist - entzieht er sich früh und entdeckt das Schreiben als seine Berufung. Zunächst, im ersten Roman, schlägt er sich als Anzeigenakquisiteur durch und schafft es nicht, seine Chronik der Typhusepidemie zu vollenden; in "Brachland" ist er Kulturredakteur einer kleinen Zeitschrift. Ganz ähnlich ist Christoph Geisers Weg zum Schriftsteller verlaufen.

Wichtiger als diese äußeren Daten sind jedoch die Beobachtungen aus dem privaten Leben. Aus vielen kleinen Details setzt Geiser das Mosaik vom allmählichen Zerfall einer ehemals mächtigen Familie zusammen. Die Ehe der Eltern lockert sich immer mehr, die Großmütter verlieren Stärke und Einfluß, dazu gibt es dunkle Andeutungen über Geisteskrankheiten und rätselhafte Todesfälle in der Verwandtschaft. Der engste Freund des Erzählers, sein bewunderter älterer Cousin, scheint seinem Leben freiwillig ein Ende gesetzt zu haben, der Erzähler trägt seitdem seine Kleidung.

Die Auseinandersetzung mit dem strengen Vater, dem im Alltag unbeholfenen Kinderarzt, dominiert den zweiten Roman. Geiser schildert die zögernde Annäherung des erwachsenen Sohns an seinen Vater, die sich fernab vom Familiensitz in dessen Elsässer Landhaus in ungewohnter Männerzweisamkeit vollzieht. In seinem Nachwort zieht Heinrich Detering zu Recht die Parallele zu den vielen Vaterbüchern, die in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts erschienen, Härtlings "Nachgetragene Liebe" etwa oder Siegfried Gauchs "Vaterspuren". Zugleich hebt er aber hervor, was Geisers Romane von denen seiner Zeitgenossen trennt: Sein Blick umfaßt mehr als die Vater-Sohn-Beziehung, zeichnet er doch ein Sittengemälde des untergehenden Schweizer Großbürgertums.

Vor allem aber durchzieht ein Thema diese beiden frühen Romane, das zum Lebensthema Christoph Geisers werden sollte. Die ersten Hinweise auf das Anderssein des Erzählers bleiben diskret - die heimliche Vorliebe, das Messer beim Essen in die linke, also die "falsche", Hand zu nehmen, seine Fremdheit unter den Mitschülern, seine Abwehr "männlicher" Berufe. Allmählich aber wird deutlicher, warum der Erzähler so gern den Skifahrern und den Badenden auf den Berner Aarewiesen zuschaut, denn seine Blicke gelten "meist dem falschen Geschlecht". Dieses beiläufige Bekenntnis zur Homosexualität vermeidet alles Skandalöse und Voyeuristische; die erotische Entwicklung erscheint als Teil einer umfassenden Persönlichkeitsentfaltung.

Viel drastischer stellte Geiser die eigene Sexualität in den Mittelpunkt seiner folgenden Romane, in denen er die Freuden der Knabenliebe und der gleichgeschlechtlichen Lust schildert. Der Arztsohn spart in diesen Büchern kaum ein anatomisch-physiologisches Detail der Liebe zwischen Männern aus - was ihm, wie nicht anders zu erwarten, je nach Leserkreis breite Zustimmung oder heftigste Kritik eingebracht hat. Angesichts dieser Entwicklung von Geisers OEuvre erscheint die ästhetische Qualität der beiden frühen Romane in neuem Licht, zeigen sie doch, wie meisterlich er hier das Intime mit dem Gesellschaftlichen, das Private mit dem Allgemeinen, dem Verlust der großbürgerlichen Lebensweise, verknüpft.

So gebührt dem Ammann Verlag Dank für die Neuauflage dieser Romane, und Dank gebührt ihm auch für die beigelegte CD-Rom, die Fotos des Autors, Tonaufnahmen und Abbildungen ausgewählter Notizzettel und Manuskriptseiten bereitstellt. Das alles illustriert anschaulich die Entstehung der Romane. Warum die Herausgeber aber darauf verzichtet haben, eine Wanderkarte der Gegend um Zermatt beizufügen, von der in "Grünsee" so viel die Rede ist, bleibt ein Rätsel. So haben die Leser des Romans keine andere Wahl, als selbst mit dem Finger auf der Landkarte die Wanderwege des Ski-Verweigerers rund um das Matterhorn zu verfolgen, um zu entdecken, wie realistisch diese Romane erzählt sind. Die Anstrengung lohnt sich.

SABINE DOERING

Christoph Geiser: "Grünsee. Brachland". Zwei Romane. Mit einem Nachwort von Heinrich Detering. Ammann Verlag, Zürich 2006. 540 S., mit CD-Rom, geb., 21,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.06.2006, Nr. 126 / Seite 38
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