Maria Cecilia Barbettas Roman "Änderungsschneiderei Los Milagros" ist ein ambitioniertes literarisches Experiment. Es treibt ein Verwirrspiel, bei dem der sinnsüchtige Leser nur selten die Oberhand gewinnt. Die Erzählung verliert sich immer mehr in magisch-mythologischen Suberzählungen, in Träumen und Phantasien. Barbetta hat ihren ersten Roman auf Deutsch geschrieben, obwohl das für sie eine Zweitsprache ist. Sie hat eine diebische Freude an der poetischen Dimension der Worte, an blumiger und pathetischer Rede, putzigen Metaphern und Mehrdeutigkeiten, die zu Pannen im Verstehen führen. Bei Barbetta führen sie direkt ins Handlungsdickicht. Es beginnt mit der Textmetapher. Indem sie die Erzählung um eine Schneiderwerkstatt kreisen lässt, macht sie die Arbeit mit Textilien zum Thema und die Damen, die bei Tante Milagros mit der Abänderung eines alten Hochzeitskleids beschäftigt sind, zu ihren Kolleginnen. Dass sich die scheinbare Unordnung des Buches vor den Augen der Eingeweihten genauso auflösen wird wie die der Werkstatt Los Milagros, verheißt uns die Erzählerin: "bald hat man hinter dem Wirrwarr und dem Durcheinander ein allumfassendes Prinzip erkannt, dem sich sowohl Werkzeuge als auch Materialien unterwerfen, und nanu, man hebt den unsichtbaren Faden auf, welcher, einer außergewöhnlichen Logik folgend, sie allesamt der Reihe nach auffädelt".
Es gibt allerdings noch ein anderes Modell aus dem Textilbereich, das dem Roman als Vorlage gedient haben könnte. Das herzliche Verhältnis zwischen der jungen Schneiderin Mariana und ihrer Kundin Analía verschlechtert sich gegen Ende dramatisch. Das nimmt Einfluss auf Analías Hochzeitskleidherrichtung: "Dem Menschenauge entziehen sich die winzigen Löcher der Nadelstiche, die in der Zahl wohl ausreichen, um jeden gar zu glücklichen Frauenkörper zu bestürmen, um jeden unvorbereiteten Frauenleib in ein abgrundtiefes Schmerzenstal stürzen zu lassen." Mariana spricht von abertausend auf der Unterseite des Kleides versteckten Knoten und Kanälen, die den Versuch, es wieder auszuziehen, zur Hölle machen müssen. Dafür, dass eher dieses verhexte Festgewand das Muster für den Roman abgibt, spricht die Metaphernmigräne die sich beim Lesen bald einstellt: Nur weil ein Kleid in einem Modejournal einen Ausschnitt in U-Form hat, müssen wir uns mit Mariana an das U von Umarmung, an Umgangsformen und an bestimmte Männer erinnern, die Frauen umgarnen, umkreisen, umschwärmen, umschlingen und umklammern.
Der Rückblick auf eine Schlachtereiszene ihrer Kindheit, bei der ein geköpftes Huhn anschließend gerupft wurde, verbindet sich für Mariana mit den "blutjungen" Erinnerungen an ihre "Enthaarung vor einigen Wochen". Die lockeren Scherze, mit denen ein paar junge Männer Analía im Vorbeigehen bedenken, kommen ihr wie eine "Koketterie mit gummibandartigen Demarkationslinien" vor. Eine Konditorei ist "eine erlesene Blume in der Stadt", ein Kissen ähnelt "einer plattgefahrenen Anchovis-Pizza", die Todesgrimasse ihres Vaters bleibt Mariana im Gedächtnis, so "wie manch hartnäckige Nudeln an der Innenwand des Kessels kleben"; eine Haschischzigarette ist ein "Flug-Zeug", und Mutter und Tochter sind "ein Herz und eine Seele, eine Rose und eine Laube, die umeinander ranken wie ein verschnörkelter Satz in einem Poesiealbum".
Tatsächlich macht der Roman den Eindruck eines solchen Albums, in dem aufgespießte, präparierte und gepresste Exemplare der deutschen Sprache einen Ehrenplatz erhalten. Barbettas Freude an der Farbigkeit des Kommunizierens lässt sie auch mit dem Jargon liebäugeln. Der ist bekanntlich schwer fixierbar und verliert schnell an Frische und Glanz. Sehr offensichtlich ist der Wille zum Kuriositätenkabinett in den bunten Abbildungen, die jedem Kapitel hinzugefügt sind und die den Stoff mit weiteren Sinnschichten unterfüttern. Zudem spielt die Autorin mit typographischen Piktogrammen, übt sich in Lautmalerei, streut Handschriften, Rezepte, mathematische Formeln, französische Modetexte, Radiovorträge, Wetterberichte und Produktschilder ein. Auch werden immer wieder sprachliche Fehlleistungen und Spielereien zu magischen Handlungskorrespondenzen ausgeweitet. Marianas Geliebter Gerardo liest den Schriftzug einer Bar spiegelverkehrt und kommt dabei auf "rabbit". Schon hat er rote Augen und einen flauschigen weißen Pullover an und verschwindet am Ende des Kapitels in einem dunklen Tunnel wie Alice mit dem Kaninchen in Lewis Carrolls Wunderland. Die beiden Heldinnen begegnen sich in Pünktchenröcken, und wenig später versinkt Mariana in einer mythologischen Phantasterei mit magischen Fliegenpilzen und Opferpriestern unter pilzartigen Hüten. Und weil die Erzählerin Textsorten so zusammenassoziiert wie ein Flickschneider seine Versatzstücke, mündet die Szene in einen Sachtext über Opferriten der Maya.
Lange hält man die Hoffnung aufrecht, irgendwo in den Stoffschichten fände sich die Lösung für eine Handlung, die uns mit kriminologischen Motiven alarmiert. Analías nie auftauchender Verlobter Roberto soll eine Prostituierte, wenn nicht gar Analías Cousine umgebracht haben, vermuten die Klatschzirkel in Schneiderei und Frisiersalon. Mariana kommt aufgrund von Schriftproben zu dem Ergebnis, dass es sich bei Roberto um niemand anderen als ihren Liebhaber Gerardo handelt. Doch als Gerardo dieser Analía dann einmal begegnet, kennen sie sich nicht. Auch ein in Nordamerika lebender Onkel spielt eine Rolle als Doppelgänger - doch von wem genau? Gerardo? Roberto? Apropos Doppelgänger: Mariana findet gegen Ende des Buches heraus, dass ihr und Analías vollständige Namen Anagramme bilden. Handelt es sich bei den Frauen also um eine Person? Das letzte Kapitel legt es nahe, denn es nimmt die Anfangsszene des Buches wieder auf, nur dass für Mariana jetzt Analía gesetzt wird. Schließt sich damit ein Kreis? Ein Möbius-Band, würde die Autorin sagen, weist uns Mariana doch schon früh auf "paradoxe Mechanismen an der Schnittstelle zwischen Geometrie und Philosophie" hin. Auch in dem argentinischen Film "Moebius", den Gustavo Mosquera R. im Stil des magischen Realismus drehte und der möglicherweise für Barbetta eine Inspiration war, mündet die Schluss- in die Anfangsszene. Doch auf einem Möbius-Band wären an jeder Stelle die Verhältnisse klar und einfach, das Wunder der vierten Dimension ergäbe sich erst aus dem Ganzen der von außen betrachteten Figur.
Barbetta setzt ganz auf das Wunder, ohne uns zunächst die Kontinuität auf der Oberfläche des Möbius-Bands zu beweisen. Nicht einmal die Charakterzeichnung kann als Wegmarkierung dienen. Dass die Schneiderin Mariana Logarithmen wälzt und sich über "paradoxe Mechanismen an der Schnittstelle zwischen Geometrie und Philosophie" Gedanken macht, ergibt erst Sinn, wenn sie in Wahrheit Analía ist. Denn warum sollte eine derart gebildete junge Frau ihre Tage ohne Ehrgeiz und Karriereaussicht bei den Los Milagros verbringen? Auch dass sie sich am Ende ins Rachepathos einer griechischen Megäre steigert und ihren ja doch untreuen Geliebten mit hyperbolischen Treueschwüren bedenkt, obwohl ihre Beziehung zuvor bereits beidseitig abgekühlt war, trägt nicht gerade zur Plausibilität der Figur bei.
Doch es geht bei Maria Cecilia Barbetta eben nicht um Identitäten, sondern um Differenzen, Verfremdungen, plötzliche Ähnlichkeiten, darum, dass man in einem anderen Kleid auch ein anderer wird. Die Formspiele des Romans wollen dem Leser eine größere Freiheit einräumen, ihn zum Träumen und Rätseln animieren, wobei er sich die Logik der Dinge selbst zusammensetzen kann. Nur erzeugt "Änderungsschneiderei Los Milagros" schließlich den gegenteiligen Effekt. In mutmaßlich traditionelleren Romanen schafft die Logik der Handlung jenes Vertrauen, das den Leser dazu animiert, seine Erfahrungen in den literarischen Stoff zu investieren: Seine Phantasie wird geweckt, wo klar ist, worum es geht. Doch es ist gerade diese imaginative Dimension der Wortsprache, die Barbetta kontrollieren möchte. Sie sagt nicht einfach Konditorei und überlässt uns den damit beschworenen Assoziationen, sondern zählt auf einer ganzen Seite jede Leckerei in den Auslagen auf, als würde eine Kamera in Zeitlupe darüberfahren. Als Mariana ihre Kundin mit Stoffproben für Schleier und Schleppe besucht, wird sie mit dem Satz "Hast du sie dabei?" begrüßt. "Was glaubst du?", ist die Antwort, gefolgt von einer minutiösen Schilderung: "Wenngleich es im Eingangsbereich der Wohnung ziemlich eng ist, vollbringt Analía eine großzügige Bewegung mit der linken Hand. Sie zeichnet von unten rechts nach oben links eine Kurve in die Luft, die einladende Geste lässt an Fanfaren und Vorstellung denken, auch wenn außer den beiden niemand zu Hause ist." Was im Film ein zauberhafter Moment sein könnte, führt in der Prosa zur Verrenkung der Einbildungskraft, die genötigt wird, etwas ganz genauso, von unten rechts nach oben links, wie die Erzählerin vorzustellen und sich dann dasselbe dabei zu denken.
So führt Maria Cecilia Barbetta unser Sinnbedürfnis am kurzen Gängelband ihrer Assoziationen, zerrt uns, wie es ihr gefällt, von einem Metatext in den nächsten. Gerne begleiten wir nach solchen Strapazen Mariana zur Akupunkturbehandlung ihrer berufsbedingten Verspannungen. Doch schon werden wir aufs Neue, diesmal interlinear, in ein Bußgebet und die Legende des Heiligen Sebastian verstrickt. Auch hier denken wir gehorsam den Gedanken, den die Textanordnung uns über vier Seiten zu denken gibt: Diese katholische junge Frau bestraft sich für ihre sexuellen Wünsche und ist doch eine Heilige der Liebe, der physischer Schmerz nichts anhaben kann.
Kurz und gut, man sollte Barbettas Buch nicht als Roman diskutieren. "Los Milagros" ist ein Werk der Bildenden Kunst, eine Textcollage, und erobert Neuland für kulturelle Cross-over-Experimente. Barbettas Musen sind nicht die Schicksal webenden Parzen, sondern die Immen, die ihren Blütenstaub aus allen Himmelsrichtungen zusammentragen, und Homers Penelope, die das Leichentuch für Laertes unermüdlich wieder auftrennt. Sie ist ja auch eine Königin und keine kleine Schneiderin, die ein Gewand abliefern muss, wenn man des Königs neue Kleider bei ihr bestellt. Der Kundennähe, erklärt Marianas Tante Milagros, werde "besondere Bedeutung beigemessen". Das ist in diesem Buch die einzige Analogie, die nirgendwo hinführt.
Maria Cecilia Barbetta: "Änderungsschneiderei Los Milagros". Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2008. 330 S., geb., 19,90 [Euro].