Jeder Roman hat einen Anfang. Darauf vertraut auch der untrainierteste Leser. Er hat freilich nicht mit László Krasznahorkai gerechnet. Und mit seinem neuen Roman "Im Norden ein Berg, im Süden ein See, im Westen Wege, im Osten ein Fluß". So lang der Titel, so kurz das Buch. Um so kürzer, möchte man sagen, weil ihm der Anfang fehlt. Spätestens bei der zweiten Lektüre springt einem auf Seite 7, wo der Text einsetzt, ein dickes römisches II. entgegen. Nein, es ist kein Versehen beim Druck oder beim Binden. Alles in Ordnung. Und ordentlich laufen die römisch gezählten Kapitel bis zum Schluß - bis Kapitel L.
Aber naturgemäß oder sagen wir lieber: kunstgemäß hat auch dieses Buch einen Anfang. Nämlich einen ersten Satz, der anhebt: "Der Zug lief nicht auf Schienen, sondern auf einer einzigen, immensen Messerschneide" - und dann geht dieser Satz weiter, ein langer, überaus kunstvoll gegliederter Satz, wie er für den virtuosen Stilisten Krasznahorkai typisch ist, ein Satz, in dem sich sogar das Wort "Anfang" findet, und der nach über zwei Seiten eine Exposition geliefert hat, in der ein nicht weiter bezeichneter "Er" sich außerhalb Kyotos im Labyrinth einer menschenleeren Stadtlandschaft bewegt und ans Tor einer buddhistischen Tempelanlage gelangt - auf der Suche nach etwas, das ihn innerhalb der Mauern erwarte.
Damit ist der Leser in der eigentümlichen Wirklichkeit dieses Buches angelangt - vorausgesetzt, er hat die Eingangsmetapher wirklich realisiert, daß der Zug "nicht auf Schienen, sondern auf einer einzigen, immensen Messerschneide" läuft. So nämlich läuft auch die ganze Erzählung: immer auf Messers Schneide zwischen dem absolut Phantastischen und dem absolut Realen. Zwischen Zeit und Zeitlosigkeit, zögernder Gewißheit und plötzlicher Bodenlosigkeit. Diese raffinierte Ambivalenz beginnt mit der Identität des zunächst namenlosen Protagonisten. Erst im vierten Kapitel wird sie ihm zugestanden, so abrupt wie unvermittelt: "Dem Enkel des Prinzen Genji wurde unterwegs schlecht, und er mußte erbrechen. Er war allein gekommen, ohne Begleitung, niemand konnte ihm beistehen."
Der fehlende Beistand muß ihm gewissermaßen vom Leser kommen. Der darf vom namenlosen Enkel auf den berühmten "Leuchtenden Prinzen" schließen. Man kennt ihn aus dem Roman der Hofdame Murasaki Shikibu, die in der Heian-Zeit, also um 1000, ihren Roman vom Prinzen Genji und seinen Liebesabenteuern schrieb. Der Enkel dieses Prinzen ist somit unser Protagonist. Er ist mit einem modernen Zug gekommen - auf welcher Zeitschiene auch immer.
Seine Geschichte hat, um es dürr auszudrücken, offensichtlich nichts mit unseren abendländischen Vorstellungen von Zeit zu tun. Aber natürlich kann sie auch in ihrem fernöstlichen buddhistischen Gewand nicht verleugnen, daß ein westlicher Autor ihr Verfasser ist. Eben László Krasznahorkai, dem wir einige großartige Romane verdanken. So den "Satanstango", ein Pandämonium, das um Erlösung, Opfer, Auferstehung kreist. Oder die "Melancholie des Widerstands", ein post- und antitotalitäres Werk, das jegliche Ästhetik des Widerstands und damit alle politische Utopie ad absurdum führt. Gegen allzu naheliegende politische Deutungen seiner Arbeit hat Krasznahorkai einmal gesagt, er beschäftige sich ausschließlich mit Literatur: "Es kann nur so sein, daß ich schreibe. Schreiben ist für mich Sklaverei. Nachts träume ich davon." Jetzt, in seinem neuen Buch hat er nicht bloß vom Schreiben geträumt, sondern den Traum oder doch das Traumhafte zum Vehikel seiner Produktion gemacht.
Krasznahorkais kleiner Roman gehört in die Gattung der Sucher-Romane. Sein Enkel des Prinzen Genji ist nicht bloß ein Nachkomme des Frauen suchenden Leuchtenden Prinzen aus der Heian-Zeit, er ist ein quester hero wie Parzival, Faust oder Hans Castorp - freilich einer, dem der Weg offenbar wichtiger ist als das Ziel.
Dieser Weg - um ihn schnöde zu raffen - führt ihn traumhaft, von Erschöpfungen unterbrochen durch die Ringe einer buddhistischen Tempelanlage, die sich als verlassen und völlig menschenleer erweist; führt ihn zu einem geschnitzten Buddha, der seit tausend Jahren diesen von der Welt abgekehrten traurigen Blick hat; führt ihn in die Sutren-Speicher, wo die heiligen Schriften aufbewahrt werden; führt ihn in die Mitte des Heiligtums, das eine verkleinerte Kopie seiner selbst in sich birgt; führt ihn endlich zu dem am innigsten Gesuchten, nämlich zu einem kleinen Garten, der nichts mehr ist als ein Moosteppich mit acht Hinokizypressen. Sein Anblick läßt alle Sprache verstummen. Was aber bloß für den Protagonisten gilt, nicht für den Autor, der für die sprachlos machende Wirkung des Gartens eine Seite wunderbarer Prosa findet.
Was den Enkel des Prinzen Genji angeht, so erweist er sich als ein später Vertreter der überfeinerten Heian-Zeit. Er ähnelt ein wenig dem Fürsten in Leopold von Andrians Büchlein von 1895 - nur daß er (wenn diese Verkürzung erlaubt ist) nicht den "Garten der Erkenntnis" sucht, sondern die Erkenntnis des Gartens. Und daß zwischen beiden Texten die Erfahrung eines Jahrhunderts grausamster Verbrechen liegt.
Der geschnitzte Buddha wendet seinen Blick ab, doch sein Blickfeld ist groß und allumfassend. Er weiß, was da auf drei Seiten um ihn herumliegt: "Diese miese Welt." Das ist einmal Klartext in diesem überaus künstlichen Capriccio, dem es um die Verschmelzung von Zeit und Zeitlosigkeit geht.
László Krasznahorkai hat es geschrieben, weil er selbst ein Enkel des Prinzen Genji ist. Vom Enkel sagt er nämlich, die Götter hätten dem Blick des Enkels all das eingegeben, "was der einstige weltberühmte Held vom Wesen des Schönen gewußt und so oft beweint hatte, da es immer wieder verfiel, verging, verloren war". Der Dichter ruft es wieder auf, beschwört es in seiner Abwesenheit, als Leerstelle. Als Traum, als Capriccio, geschrieben auf Messers Schneide. Und - vergessen wir es nicht - kongenial übersetzt von Christina Viragh.
Krasznahorkais Held bleibt namenlos. Er ist nur Enkel eines anderen, böseren Fin de siècle. Und da am Anfang - im Zweiten Kapitel - von Zug und Bahnhof die Rede ist, sehen wir am Schluß den Enkel des Prinzen an der Station auf den Keihan-Zug warten, "im hellblauen Kimono, reglos, in gerader Haltung". Der Zug kommt auch, "aber niemand stieg aus, niemand stieg ein", und so fährt er weiter. Und wo ist unser Held? Wir haben ihn aus den Augen verloren, aber nicht dramatisch, wie Hans Castorp im Dampf der Schlacht. Er hat bloß das Rollbild verlassen, das László Krasznahorkai so fein und zauberisch gemalt hat.
HARALD HARTUNG
László Krasznahorkai: "Im Norden ein Berg, im Süden ein See, im Westen Wege, im Osten ein Fluß". Roman. Aus dem Ungarischen übersetzt von Christina Viragh. Ammann Verlag, Zürich 2005. 154 S., geb., 18,90 [Euro].