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: Die Dichterin aus der Avenue Montaigne: Marlene Dietrichs "Nachtgedanken"

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Eine Greisin im Bett, nachts. Sie hat Tabletten genommen, getrunken, doch der Schlaf kommt nicht. Auf dem Nachttisch, neben dem Telefon, liegt ein schmaler Notizblock. Sie nimmt einen Stift zur Hand und schreibt: "When / My heart / Stands / Still / It will / Be heard / All over/ The world / And after ...

          Eine Greisin im Bett, nachts. Sie hat Tabletten genommen, getrunken, doch der Schlaf kommt nicht. Auf dem Nachttisch, neben dem Telefon, liegt ein schmaler Notizblock. Sie nimmt einen Stift zur Hand und schreibt: "When / My heart / Stands / Still / It will / Be heard / All over/ The world / And after / Two days / It will / Be / Forgotten" - Wenn mein Herz nicht mehr schlägt, wird es in aller Welt gehört, und nach zwei Tagen ist es vergessen. So gehen die Jahre hin: Telefon, Tabletten, Alkohol, Briefe aus der Ferne. Und eines Tages im Mai 1992 hört das Herz der Greisin auf zu schlagen, und ihr Tod wird in aller Welt vernommen. Aber was sie geahnt und geschrieben hat, geschieht nicht. Sie wird nicht vergessen, nach zwei Tagen nicht und auch noch nicht nach dreizehn Jahren.

          Marlene Dietrich, das Kino-Gesicht des zwanzigsten Jahrhunderts, hat keine Gedichtsammlung hinterlassen, auch wenn der üppig aufgemachte Band, den ihre Tochter Maria Riva aus ihrem in Berlin gehüteten Nachlaß nun zusammengestellt hat, mit seinem Zeilenumbruch diesen Irrtum nährt. Aber man muß nur genau hinhören bei diesen "Nachtgedanken", um zu erkennen, was sie in Wahrheit sind - Songtexte. "It's a lonely / Afternoon / And I see / Geraniums bloomin' / And there's / Not a single / Human / In view. / And I know / One place that's quiet / Where there's / No-one passing / By it / 12 Avenue Montaigne / Apartment 4 G Two."

          Noch viel länger, als sie Schauspielerin war, ein halbes Jahrhundert lang, hat Marlene Dietrich als Sängerin und Entertainerin auf der Bühne gestanden. Sie hatte den Rhythmus und den Ton der Chansons im Blut, als sie in ihrer Pariser Matratzengruft auf ihr Leben zurückblickte: "Ich wünschte / Ich wäre Heine / Um Dir / Zu sagen / Du bist / Die Eine / Die mir / Am Herzen liegt." Das schrieb sie, ausnahmsweise auf deutsch, für ihre Tochter Maria, aber wenn man Frau Riva heute über Frau Dietrich sprechen hört (oder ihre Biographie "Meine Mutter Marlene" liest), bekommt man Zweifel, ob sie es auch so gemeint hat. Aufrichtiger wirkt die Notiz über "die Ernte . . . Die ich / Dir hinterlassen hab' / Vor Jahren" und zu deren Früchten auch dieses Buch gehört. Es schadet dem Mythos der Diva nicht, aber es enthüllt auch nichts Neues; eher gehört es zu jenen Opfergaben, die man von Zeit zu Zeit in den Tempel trägt, damit die Flamme dort drinnen nicht erlischt.

          Den vier Dutzend Zettelversen, von denen man zwei als Faksimile lesen darf, hat Maria Riva knapp ebenso viele Fotos von Personen zugeordnet, deren Leben sich mit dem ihrer Mutter gekreuzt und über die sich die Diva gelegentlich geäußert hat; und weil sich unter Marlenes verstreuten Bekenntnissen auch eine Liebeserklärung an Rilke fand, den sie nie getroffen, und ein Albumblatt für Ronald Reagan, dem sie ein paarmal ins Weiße Haus telegrafiert hat, sind nun auch Rilke und Reagan in dem Buch, gemeinsam mit einem Passus zum Thema "Jugend" und einem über "Politisches Engagement". Es ist ein schwatzhaftes und auf rührende Weise pompöses Bändchen, eins von denen, die man nicht kauft, um sie zu lesen, sondern, um sie zu haben. Trotzdem lohnt es sich, darin zu blättern, etwa um diese vergiftete Perle über die "Hollywood Academy Awards" nicht zu verpassen: "Oscar always / Needs a star / Walkin' / Talkin' - there you are! / If you're dead - / That we dread!" Man möchte es gesungen hören, am liebsten von Marlene Dietrich.

          ANDREAS KILB.

          Marlene Dietrich: "Nachtgedanken". Aus dem Amerikanischen übersetzt von Reiner Pfleiderer. C. Bertelsmann Verlag, München 2005. 190 S., Abb., 20,- [Euro].

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