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Die Bibel in Bildern von Quint Buchholz : Im Schutz der Bücher und der Tiere

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Bild: Verlag

Wo Vertrauen wächst: Mit seinen Bildern hat der Maler Quint Buchholz aus dem Buch der Bücher ein Buch der Wunder gemacht.

          Unser Kinderglaube, das vertrauensvolle Händefalten und Bitten am Abend, das ist lange schon verloren. Eine diffuse Sehnsucht ist geblieben, und die Hoffnung, das Händefalten möge doch nutzen, wird stärker, wenn man älter wird. Die Geschichten der Bibel sind noch im Kopf, aber nicht mehr so ganz sicher – ein Kainsmal, das brandmarkt doch einen Mörder, oder? O nein. Gott gibt Kain das Mal, um ihn zu schützen, um ihm ein gewaltfreies Leben zu ermöglichen.

          Das hatten wir vergessen. Und Noah, Abraham, Lot, haben die alle Gottes Befehlen sofort gehorcht? Keineswegs. Es gab eine Menge Widerstand und Unglauben. Und eine Menge Zumutungen von Gott an den geplagten Menschen und die geschundene Erde. Vieles davon versteht man kaum, und dann kommen plötzlich die Bilder von Quint Buchholz zu diesen bekanntesten Geschichten aus Altem und Neuem Testament, und unsere Sehnsucht, unsere Träume, unsere Angst, unsere Verzagtheit und Verlorenheit werden aufgefangen in Bildern, die voller Geheimnis, Trost, Frieden sind.

          Aus dem Nebel aus Verzweiflung

          Vieles ist nicht sofort zu verstehen, doch in diesen Bildern ist alles enthalten, was uns quält und in schlimmen Träumen heimsucht. Aber: es ist aufgelöst, der Schrecken ist genommen. Alle Fragen, so viel Verständnis und keine einzige aufdringliche Antwort. Schon das Titelbild: Noah sitzt mit Hut hochkonzentriert in seinem winzigen Boot, den Blick auf die Erde gerichtet, die er zu retten hat. Sie liegt als zarte Kugel vor ihm. Jeder von uns sitzt da, bange.

          Es ziehen sich Motive durch die Bilder, wie sich die Motive durch das Buch der Bücher ziehen: Himmel, Wasser, Erde, Feuer, Luft. Der Mensch, fast immer allein, die Tiere, immer in der Nähe. Die Bäume, schützend. Die Bücher, als Trost (man kann sich bei Regen darunterlegen) und als Verwirrung (sie bilden den Turmbau zu Babel, aber obendrauf: ein Licht!), als einziges Gepäck, als Koffer beim Weg durch die Welt. Die wild aufgescheuchten Vögel beim Untergang von Sodom und Gomorra, die den wurzellos gewordenen Menschen umschwirren, fliegen hundert Seiten später zum Dankgesang des Psalms 148 ruhig über einen dunklen Himmel. Die Verlorenheit des Mose, das ausgesetzte, weinende Kind im Bastkörbchen, gefährlich nah am Flussufer – bei Buchholz ist es ein Kinderwagen auf einem Stein, umgeben von Meer – aber eine winzige Treppe führt ins Wasser. Wer war hier, wer kommt hier? Das müssen wir uns selbst erzählen. Liest man das Nachwort des Malers, erfährt man, dass er oft lange still vor dem Blatt sitzt, bis das Bild zu ihm kommt. Genau das drücken diese Bilder aus, genauso wirken sie: Aus dem Nebel aus Verzweiflung, auf der langen Schleifspur unserer Enttäuschungen und Verletzungen erscheint ein Bild und nimmt uns an die Hand: So könnte es gewesen sein, und: es wird nicht böse ausgehen.

          In jedem Bild von Quint Buchholz ist Hoffnung. Nicht alle Leitern oder Türen verheißen Sicherheit, aber die Bücher, die Natur, die Tiere schützen. Wir können uns diesen Bildern anvertrauen. Wir sehen die Zartheit des jungen David, die schon schwindende Kraft des Samson, die Hand furchtsam im Nacken, und immer ist da der weite, ruhige Himmel. Sorgt euch nicht!, sagt Matthäus, und was sehen wir? Einen Mann mit Zylinder auf einem Einrad, hoch oben auf Drähten zwischen Masten fährt er, die Hände erhoben. Der Mond schützt ihn: er ist einer, der sich nicht sorgt. Ein paar Seiten weiter: Jesus kommt im Sturm über den See gegangen zu Menschen im Boot, die Angst haben, und er ruft: Fürchtet euch nicht! Was sehen wir? Einen Jungen, der ein Seil an einen Dachfirst gespannt hat, und er geht auf dem Seil, während er es noch selbst vorn mit den Händen weiter aufrollt, über dem Abgrund, es ist nicht befestigt, und er geht doch sicher.

          Wir schaffen es

          Wir halten den Atem an. Sollte das Unmögliche möglich sein, sollte es Schutz und Hilfe geben, die wir nicht sehen, denen wir aber vertrauen dürfen?

          Diese Bilder haben eine magische Kraft. Sie geben verlorenes Vertrauen zurück, wie die alten Märchen. Nie sind sie Illustrationen, immer drücken sie das Innerste der Geschichte aus, etwa bei der Erzählung vom verlorenen Sohn: ein Hotel, ein offenes Fenster, es schneit. Er wird da drin im Zimmer sitzen, es ist kalt und still wie der Tod. Aber das Fenster ist offen. Noch? Schon? Es ist offen, man kann atmen. Das Gleichnis vom Sämann: Er sät, und die Vögel picken die Körner auf, ein Teil der Saat fiel auf Felsen, verdorrte, ein Teil fiel in Dornen, wurde überwuchert, und ein kleiner Teil, sehr klein, ging auf und brachte Saat. All die Mühe, für so wenig . . . Was sehen wir? Einen Mann, der Licht gesät hat – oben der Mond, unten auf dem Feldweg: Licht. Dem Pharao hat geträumt von sieben fetten und sieben mageren Jahren, nun muss er handeln, Vorkehrungen treffen. Wir sehen einen Mann in elegantem Anzug, hinten sein gewaltiges Schloss. Er steht tief im Sumpf bei den friedlich grasenden Kühen, er denkt nach. Das Bild sagt: Er wird es schaffen. Und wir wissen: Wir schaffen es auch. Es gibt immer erst mal sieben magere Jahre. Aber dann. . .

          Quint Buchholz macht mit seinen Zauberbildern, die unser Herz tief berühren, aus dem Buch der Bücher das Buch der Wunder. Es ist ein stilles Buch, das zu uns spricht, mehr als alles, was ich in den letzten Jahren gesehen oder gelesen habe. Mir ist, als würde ich hier etwas lange Verlorenes wiederfinden. Ich tauche, wie Walter Benjamin es beschreibt, über und über mit Glück beschneit aus diesem Buch wieder auf, dankbar.

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