30.03.2003 · Maxim Billers Roman "Esra" darf nicht verboten werden / Von Fritz J. Raddatz
Zwei Personen - offenbar Mutter und Tochter - haben also via Landgericht München I eine einstweilige Verfügung gegen den Roman "Esra" von Maxim Biller erwirkt. Der Verlag darf demzufolge keine weiteren Exemplare verkaufen. Wohlgemerkt: Es geht um einen Roman. Es handelt sich nicht um die Reportage über das Liebesleben eines Torwarts oder die Eskapaden eines alternden Tennisspielers - wir haben es zu tun mit fiktiver Prosa. Damit hat der Fall literarisches Gewicht: Man will einem anerkannten Schriftsteller verbieten, vorgefundenes Material zu verwenden, Menschen darzustellen, die sich wiedererkennen könnten.
Der Vorfall zeugt von geradezu fahrlässiger Unbildung - als sei Dichtung Creatio ex nihilo. Also durfte Robert Musil mit seiner Arnheim-Figur im "Mann ohne Eigenschaften" nicht Walther Rathenau porträtieren, Thomas Mann - lassen wir mal das probate Beispiel Mynheer Peeperkorn: Gerhart Hauptmann beiseite - mit seiner Novelle "Der kleine Herr Friedemann" nicht einen bekannten Kritiker meinen? Das ist Literatur-Fundamentalismus.
Es gibt schlechterdings keinen Prosa-Autor (das Genre Lyrik hat andere Gesetze), der sein Figurenensemble nicht aus dem ihm widerfahrenen Leben genommen hätte. Ob die Anwälte der beiden streitbaren Damen vielleicht mal Goethes "Werther" in der Hand hielten, dem so selbstverständlich eine "wirkliche Person" zugrunde lag wie Max Frischs Erzählung "Montauk", eine nahezu fotografisch exakte Porträtaufnahme jenes rotblonden Gamintyps Lynn, einer Dame, der man in Max Frischs Zürcher Wohnung begegnen konnte (wie auch im Montauk-Film). Maxim Biller hat getreu der kuranten Technik, beim Schreiben über das Schreiben zu reflektieren, in seiner Liebesgeschichte das Thema in einigen Variationen sogar berührt: "Esra hatte von Anfang an zu mir gesagt, ich dürfe nie etwas über sie schreiben." Derlei - auch, wenn es nicht zum Autor, sondern zu seinem fiktiven Helden Adam gesagt wird - zeugt von fast rührender Torheit.
"Les Yeux d'Elsa" sollen also nicht von Louis Aragons Liebe zu Elsa Triolet zeugen? Lilja Brik hätte ihrem Geliebten Majakowski - der gleichzeitig ein Verhältnis mit ihrem Mann hatte - also angemutet, "ich darf nie in Erscheinung treten"? An wen, um Gottes willen, ist denn einer der ergreifendsten Texte der Weltliteratur, Oscar Wildes "De Profundis", gerichtet, wenn nicht an den damals noch höchst lebendigen Lord Douglas? Sie alle, alle hätten also Anwälte bemühen müssen - die Frau, die Günter Grass zum "Butt"-Roman inspirierte (Name und Adresse dem Rezensenten bekannt); Tucholskys flottes "Lottchen", das per Widmung - er nannte ihre Autonummer - "enttarnt" wurde? Man könnte eine Bibliothek so groß wie die von Alexandria füllen mit Büchern, quer durch die Jahrhunderte und Nationen, die ihre Menschen und Handlungen, Leid, Verletzungen und Liebe der Realität entnahmen. Und man muß ein Gehirn so klein wie das einer Maus haben, um als Umworbene zum Kadi zu laufen.
Denn siehe, das ist das Geheimnis, die Authentizität der Kunst: Noch das verzerrteste Bild vom Menschen ist immer eine Liebeserklärung - von André Gides "Robert" bis zu den Bordellhuren, die wir als "Demoiselles d'Avignon" von Picasso kennen. Wer die abgekehrte Trauer nicht erahnt, die sich in den gegrätschten Frauenbildnissen Egon Schieles offenbart, den rasenden Schmerz nicht spürt, mit dem Thea Sternheim in ihren (im Wallstein Verlag hochvorzüglich edierten) Tagebüchern den treulosen Widerling Carl Sternheim entlarvt - der ist, pardon für das harte Wort, ein Kulturbanause.
Nun haben Generationen von Literaturwissenschaftlern herauszufinden gesucht, wer die "wahre" Effi Briest des Fontane-Romans und daß der Major Crampas eigentlich ein Herr von Ardenne war; ob sich denn hinter dem Naphta des "Zauberbergs" wirklich Georg Lukács verberge; welchem schönen Schauspieler die homoerotischen Sonette von Shakespeare galten. Und da finden sich im Jahre 2003 Juristen, die das beliebte deutsche Spiel "Ich zeige Sie an" mitmachen. Es ist das schiere Banausentum.
Nun ist, zugegeben, Maxim Biller kein Fontane noch ein Thomas Mann noch ein Shakespeare; wer ist das schon. Ich habe sogar energische Einwände gegen seine - mag sein: gewollte - sprachliche Saloppheit, so manches ins Banale rutschende Bild. Absichtlich flapsiges Deutsch zu schreiben ist ja noch kein Programm. Mir scheint das schmale Buch keine literarische Preziose. Aber es ist fraglos ein Werk der Literatur. Dagegen juristisch vorzugehen offenbart eine höchst bedenkliche Verwechslung des alltäglichen Intimitätsterrors in privaten TV-Magazinen und Friseurzeitschriften mit der komplizierten Dialektik literarischer Arbeit.
Richtig gelesen ist "Esra" eine Elegie. Wer immer sich "getrefft" fühlen kann - "Der Platen hat Dir aber gut getrefft", sagte Onkel Salomon zu Heinrich Heine -, sollte sich bei dem Schriftsteller Biller bedanken. Das Buch nicht als Geschichte einer Liebe zu lesen, zerronnen und verronnen, entzündet aber alleweil: Wer das mißkennt, der leidet an seelischer Lethargie. Man kann auch anders reagieren. Als der große Louis-Ferdinand Céline, Meister der Rotz- und Kotztiraden, seinen Verleger Gallimard besudelte, verlegte der das Buch sofort. Als der kleine Fritz J. Raddatz in einer seiner Romanfiguren "Dr. Wohltat" - allen Eingeweihten kenntlich - Ledig-Rowohlt frotzelnd abkonterfeit hatte, da kniete der auf der Buchmesse vor dem Autor nieder, sagte: "Darf ich mich vorstellen, mein Name ist Wohltat" - und überreichte ihm die weiße Nelke aus seinem Knopfloch.
Maxim Biller läßt seinen Adam sagen: "Ich will nicht gesagt bekommen, worüber ich schreiben darf und worüber nicht." Recht hat Adam Biller. Und wenn Eva-Esra erwidert: "Ich will es nicht. Ich will mich nicht schämen vor dir. Ich will dir nicht meine Brüste zeigen und später irgendwo lesen, daß ich dir meine Brüste gezeigt habe" - dann hat sie, deren bürgerlichen Namen niemand kennt, unrecht. Es wurde da eine geliebt. Und dessen sollte sich keine schämen. "Erkannt" heißt das wunderschöne biblische Wort, das beides umgreift. Hocherhobenen Hauptes sollte die junge Frau jene Bars der Münchener Snobiety betreten, die im Roman ein wenig zu oft erwähnt werden; das Buch unterm Arm. Und hätte sie dann Glück, und hinter dem Tresen stünde ein smarter Barkeeper, dann könnte der zu ihr sagen "Sie kennen doch gewiß die Max-Liebermann-Anekdote? Als eine Dame der Gesellschaft das von ihr in Auftrag gegebene Öl-Porträt mit düpiertem Flunsch betrachtete, wütete der Maler sie an: ,Ick habe Ihnen, jnädige Frau, ähnlicher jemalen als Se sind.'" Getrost darf man das für die Literatur übernehmen.
Denn merke: "Autobiographie ist's immer", läßt Thomas Mann im "Lotte in Weimar"-Roman den alten Goethe sagen, als dessen Sohn störend ins Arbeitszimmer mit der Frage drängt, ob er an seiner Autobiographie schreibe. "Dichtung und Wahrheit" hieß dann das Buch. Schöner Titel.
Der Verlag Kiepenheuer und Witsch hat sich entschlossen, gegen die einstweilige Verfügung des Landgerichts München Widerspruch einzulegen, die dem Verlag den weiteren Vertrieb des Romans "Esra" und jegliche Werbung für das Buch bis auf weiteres verbietet. Eine Entscheidung des Gerichts wird in wenigen Wochen erwartet.