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Der wütende Schmetterling

Wie man Betrübnis fernhält: Dichtermärchen in einem Band

Wer sich zu Weihnachten einen Harem wünscht, sollte noch einmal im stillen mit sich zu Rate gehen. Die Sache hat Vorteile, die Sache hat Nachteile. Das will erwogen sein. Auch empfiehlt sich dringend die Lektüre einschlägiger Fachliteratur. Zunächst einmal sei, was die Kunst des Wünschens im allgemeinen und den Haremswunsch im besonderen betrifft, ein Text von Vladimir Nabokov empfohlen. Er trägt den Titel "Märchen" und berichtet von einem Mann, der so scheu ist, daß er keine der zahlreichen Frauen, die er auf der Straße, im Bus oder im Café mit Genuß und Wohlwollen betrachtet, anzusprechen wagt. Nur im Geiste fügt er die eine und andere und dann noch diese und jene seinem imaginären Harem hinzu. Als ihn eines Tages der Teufel in Gestalt einer imposanten älteren Dame anspricht, wird sein Wunsch Wirklichkeit. Frau Ott, wie der Teufel sich nennt, will dem Schüchternen zu Diensten sein und ihm all jene Schönheiten zuführen, die er im Laufe eines Tages begehrt. Daß die Sache mehr als einen Haken hat, versteht sich von selbst.

Was dem scheuen Edwin unter Umständen, die hier nicht verraten werden, erspart blieb, war für den mächtigen Herrscher Sulaiman ibn Daud sein täglich Brot. Tausend Frauen bedeuten neben allerlei Annehmlichkeiten eben auch ein gewisses Ausmaß an Betrübnis. Vor allem bedeuten sie Lärm und Gezänk. Wie Sulaiman, also König Salomo, der Sohn König Davids, mit Hilfe zweier Schmetterlinge und einer seiner Frauen, der weisen und allerschönsten Bilqis, seine 999 anderen Gemahlinnen zur Räson bringt, erzählt Rudyard Kipling in "Der Schmetterling, der aufstampfte", einer Geschichte, die auch dem größten Optimisten deutlich machen dürfte, daß es nicht reicht, so außergewöhnlich weise wie König Salomo zu sein, wenn man einen Harem in Schach zu halten hat. Man benötigt dazu zumindest noch einen magischen Ring, mit dessen Hilfe man über vier mächtige Dschinns gebieten kann, sowie eine weise Hauptfrau und einen Schmetterling, der so heftig mit seinem linken Fuß aufzustampfen vermag, daß nicht nur die Schmetterlingsfrau erzittert, sondern der gesamte Palast mitsamt der Palastgärten vom Antlitz der Erde verschwindet und alle 999 Haremsdamen in Furcht und Schrecken versetzt werden, was für eine gewisse Zeit eine gewisse Demut zur Folge hat, die wiederum eine gewisse Ruhe verheißt, also die Abwesenheit von Betrübnis.

Beide Haremsgeschichten finden sich in einer außergewöhnlichen Anthologie, die jetzt im Insel Verlag erschienen ist. In schönstes dunkelblaues Leinen gehüllt, versammelt der Band "Die Märchen der Dichter", wie der Untertitel verkündet. Es handelt sich also um eine Sammlung sogenannter Kunst- oder Dichtermärchen, der ersten ihrer Art, wie der Herausgeber Hans-Joachim Simm nicht ohne berechtigten Stolz in seinem Vorwort anmerkt. Dreiundachtzig Autoren sind hier vertreten, von dem 1141 im südkaukasischen Gandje geborenen Nizami bis zu den Zeitgenossen Nagib Machfus, Philip K. Dick und Stanislaw Lem reicht die Palette. Sie umfaßt also ein gutes Jahrtausend, wenn wir einen ägyptischen Schreiber der Pharaonenzeit, Homer und Apuleius einmal außen vor lassen wollen. Neben den erwartbaren Klassikern des Genres wie Hans Christian Andersen, Oscar Wilde, Wilhelm Hauff, Selma Lagerlöf oder Clemens Brentano findet sich manche Entdeckung und Überraschung, etwa "Fünf Märchen" von Zbigniew Herbert, die "Märchen zu je drei Zeilen" von Günter Bruno Fuchs oder ein "Wintermärchen" von Thomas Bernhard. "Viktor Halbnarr" ist eine aberwitzige Bernhardiade, eine Variante der Legende vom Heiligen Christopherus aus dem Geist der Vermischten Meldungen, wie sie der ehemalige Gerichtsreporter Bernhard gerne las und oft verarbeitete.

Manches Märchen ist aus einem größeren Textzusammenhang genommen, wie etwa Büchners "Es war einmal ein arm Kind", jener Abgrund auf kaum fünfzig Zeilen, ein erratischer Block aus dem "Woyzeck". Andere Texte, wie etwa "Spiegel und Maske" von Jorge Luis Borges, wird man nicht ohne weiteres der Gattung zurechnen wollen. Für die Brüder Grimm war das Märchen zunächst ganz allgemein jede "kunde, nachricht, die der genauen beglaubigung entbehrt, ein bloszes weiter getragenes gerücht". Sie definierten es in ihrem Wörterbuch aber auch als "eine mit dichterischer phantasie entworfene erzählung". Damit ist dem Herausgeber freie Hand gegeben. Material zu dieser Diskussion liefert Simms instruktives Nachwort; den direkten Vergleich mit dem Volksmärchen erlaubt der Band "Zauber und Wunder. Die Märchen der Welt", der jetzt ebenfalls im Insel Verlag erschienen ist: Volksmärchen aus 111 Ländern und Regionen, in der gleichen prachtvollen Ausstattung, nur ist diesmal das Leinen leuchtend rot.

Wer sich zu Weihnachten einen Harem wünscht, kommt an Nabokov und Kipling nicht vorbei. Aber das ist wohl eher ein Spezialfall. Für alle anderen gilt: Wer noch einen Wunsch frei oder noch einen Wunsch zu erfüllen hat, der greife zu den "Märchen der Dichter". Etwas Besseres als den Tod finden wir überall. Das wissen wir von den Bremer Stadtmusikanten. Eine bessere Märchenanthologie jedoch werden wir kaum irgendwo finden.

"Zauberreich der Phantasie. Die Märchen der Dichter" / "Zauber und Wunder. Die Märchen der Welt". Herausgegeben von Hans-Joachim Simm. Insel Verlag, Frankfurt am Main 2003. Je Band 870 S., geb., 24,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.12.2003, Nr. 296 / Seite 46

 
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Veröffentlicht: 20.12.2003, 12:00 Uhr