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: Der war immer modern

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Sein Leben hätte glanzvoll verlaufen können, doch endete es in Bitterkeit. 1929 war Alfred Döblin für seinen eben erschienenen Roman "Berlin Alexanderplatz" zum Nobelpreis vorgeschlagen worden; erhalten hat ihn Thomas Mann. 1933 musste er als jüdischer und linker "Asphaltliterat" noch in der Nacht des ...

          Sein Leben hätte glanzvoll verlaufen können, doch endete es in Bitterkeit. 1929 war Alfred Döblin für seinen eben erschienenen Roman "Berlin Alexanderplatz" zum Nobelpreis vorgeschlagen worden; erhalten hat ihn Thomas Mann. 1933 musste er als jüdischer und linker "Asphaltliterat" noch in der Nacht des Reichstagsbrands Deutschland verlassen; man hatte ihn vor einer geplanten Verhaftung gewarnt. Es folgten Jahre des Exils, zunächst in Paris, dann, nach einer verstörenden Flucht vor den 1940 einmarschierenden deutschen Truppen, in Kalifornien. Während der Pariser Zeit konnte Döblin im Amsterdamer Querido-Verlag noch zwei großartige Romane publizieren, die "Babylonische Wandrung", seinen eigentlichen Emigrationsroman, und die "Amazonas"-Trilogie, eine "Generalabrechnung mit der europäischen Zivilisation", die in manchem Horkheimers und Adornos "Dialektik der Aufklärung" vorwegnimmt. In Amerika war dergleichen nicht mehr möglich. Döblin schrieb für die Schublade und war auf Almosen angewiesen. Die Wohnungen wurden immer bescheidener, das Leben kärglicher. In der Nähe residierten Thomas Mann und Lion Feuchtwanger, die ihn unterstützten, in luxuriösen Villen.

          Dann die Rückkehr nach Europa. Döblin war 1936 französischer Staatsbürger geworden und hatte von Kriegsbeginn bis zu seiner Flucht aus Paris für das französische Informationsministerium gearbeitet. Gegen Ende des Kriegs meldete er sich für den Einsatz in Deutschland und wurde als Kulturbeauftragter bei der französischen Besatzungsmacht nach Baden-Baden kommandiert, wo er am 9. November 1945 eintraf. Nebenbei versuchte er, die Romane, die er in der zweiten Hälfte der Exilzeit geschrieben hatte, zum Druck zu bringen: das vierbändige Erzählwerk "November 1918" über die "versandete" deutsche Revolution als Voraussetzung für den Aufstieg des Nationalsozialismus und den Nachkriegsroman "Hamlet oder Die lange Nacht nimmt ein Ende". Döblin ging mit Elan ans Werk - und erlebte eine Enttäuschung nach der andern: Ältere Autoren, die während des "Dritten Reichs" in Deutschland geblieben waren, begegneten ihm mit Ressentiment; jüngere betrachteten ihn als einen Vertreter jener älteren Generation, die für das Scheitern der Weimarer Republik verantwortlich war. Die Monatsschrift "Das goldene Tor" konnte bis 1951 erscheinen, aber ihre Ausstrahlung war gering. Die Publikation seiner Werke gestaltete sich schwierig: Die einzelnen Bände des "November"-Romans erschienen nach mehrjähriger Verlagssuche 1948 bis 1950 in relativ kleinen Auflagen. Die Bestseller dieser Jahre waren Thomas Manns "Doktor Faustus" (1947) und Ernst Jüngers "Strahlungen" (1949). Der Hamlet-Roman blieb liegen, bis ihn Hans Mayer und Peter Huchel mit in die DDR nahmen, wo er 1956 in einem katholischen Verlag gedruckt wurde. Über Mainz und noch einmal Paris kam Döblin, der 1905 in Freiburg zum Dr. med. promoviert worden war, nach Emmendingen, wo er, nunmehr ein Pflegefall, am 26. Juni 1957 achtundsiebzigjährig starb. Sein Werk geriet nahezu in Vergessenheit. Das lag nicht an der Qualität seiner Werke. Gewiss, manche sind experimentell ambitioniert und nicht unbedingt massentauglich; auch arbeitete Döblin nicht mit jener gleichbleibenden handwerklichen Sorgfalt, die bei seinem großen Rivalen Thomas Mann zu beobachten ist. Aber das reicht nicht, um zu verstehen, warum solch grandiose Geschichtsromane wie die "Amazonas"- und die "November"-Trilogie bis gegen Ende der siebziger Jahre überhaupt nicht wahrgenommen wurden; auch Günter Grass, der Döblin 1968 als einen Lehrer rühmte, bezog sich nur auf das avantgardistische Frühwerk. Was störte an dem älteren Döblin? Zum einen der Umstand, dass er sich im Herbst 1941, im äußersten Elend angekommen, katholisch hatte taufen lassen; zum andern die Tatsache, dass er schon Ende der zwanziger Jahre, als die intellektuellen Pilgerfahrten nach Moskau einsetzten, vor den menschenverachtenden Zwangsmaßnahmen des Bolschewismus gewarnt hatte. Letzteres führte zum Zerwürfnis mit Brecht und Benjamin. Brecht hatte Döblin einmal als einen seiner geistigen "Väter" bezeichnet; nun verwarf er seine Werke als "Dokumente von Ausweglosigkeit". Benjamin hatte "Berlin Alexanderplatz" 1930, sehr zu Recht, als bahnbrechendes Erzählwerk jenseits der Romankrise bezeichnet; aber in seinem berühmten "Erzähler"-Essay von 1936 erwähnt er Döblin mit keinem Wort mehr, sondern schreibt alles, was er bei Döblin gelernt hat, dem russischen Erzähler Nikolai Leskow (1831 bis 1895) zu. Unvorstellbar, welche Aufmerksamkeit Döblins Werk zuteil geworden wäre, wenn Benjamin über den geredet hätte, der das eigentliche Vorbild für seinen "Erzähler" war: den Verfasser von "Berlin Alexanderplatz".

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