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Veröffentlicht: 18.11.2008, 12:00 Uhr

Der vergessene Bruder

Alle Welt sprach von seinem Bruder Fritz, dem Verfasser der Antikriegstrilogie "Ein Geschlecht"; niemand kannte ihn: Friedrich Franz von Unruh, den acht Jahre jüngeren Bruder, der, schwerverwundet dem Ersten Weltkrieg entronnen, während der Weimarer Republik auch Schriftsteller wurde. Und so ist es ...

Alle Welt sprach von seinem Bruder Fritz, dem Verfasser der Antikriegstrilogie "Ein Geschlecht"; niemand kannte ihn: Friedrich Franz von Unruh, den acht Jahre jüngeren Bruder, der, schwerverwundet dem Ersten Weltkrieg entronnen, während der Weimarer Republik auch Schriftsteller wurde. Und so ist es bis heute geblieben: Während Fritz einen festen Platz in der Literaturgeschichte hat, ist Friedrich Franz so gut wie vergessen. Dem versucht eine in Freiburg ansässige "Friedrich Franz von Unruh Gedächtnisstiftung" entgegenzuwirken, in deren Auftrag eine umfassende Werkausgabe geschaffen wurde.

Der Generalssohn Friedrich Franz von Unruh wurde 1893 in Berlin geboren, kam 1911 als Leutnant nach Karlsruhe, zog nach dem Ersten Weltkrieg nach Freiburg und lebte vom Frühjahr 1937 bis zu seinem Tod im Mai 1986 in dem südlich von Freiburg gelegenen Ort Merzhausen. So erklärt sich, dass die "Gedächtnisstiftung" ihren Sitz in Freiburg hat. Ein glücklicher Umstand, denn in den zwei Freiburger Gelehrten, dem Germanisten Günter Schnitzler und dem Historiker Ulrich Herbert, fanden die Herausgeber jenen Rat, der bei diesem Autor und diesem Werk mehr als in anderen Fällen vonnöten war.

Warum dies so ist, wird durch einen kurzen Blick auf die schriftstellerische Vita ersichtlich: Unruh, der ein glühender Nationalist war und zeitlebens an die kulturelle Sendung des deutschen Volkes glaubte, wurde einer größeren Öffentlichkeit durch eine neunteilige Artikelserie über den Nationalsozialismus bekannt, die von Heinrich Simon, dem Herausgeber der "Frankfurter Zeitung", in Auftrag gegeben worden war und Ende Februar 1931 erschien. Man liest diese Artikel, die im sechsten Band der Werkausgabe gut vierzig Seiten umfassen, heute mit angehaltenem Atem: Sie basieren auf umsichtigen Literatur- und Feldstudien und enthalten eine komplette und sprachlich schlagende Entlarvung des "Hitlerismus", seiner trüben Ideologie, seines verruchten Führungspersonals und seiner verbrecherischen politischen Pläne. Aber derselbe Unruh machte nach der "Machtergreifung" seinen Frieden mit dem neuen Regime, sah in Hitler einen Friedenspolitiker und im Nationalsozialismus die zeitgemäße Erscheinungsform der deutschen Sendung. Dass er seine Karriere als kulturpolitischer Journalist, die bei seiner Begabung wohl glanzvoll verlaufen wäre, nicht fortsetzen konnte, nahm er hin, verlegte sich aufs Schreiben von Novellen und erzielte mit Titeln wie "Verlorener Posten" (1935), "Die Heimkehr" (1938), "Der innere Befehl" (1939) und "Der Verräter" (1941) einigen Erfolg. So gestaltete sich das "Dritte Reich" für Unruh als gute Zeit. Die Verbrechen, die er 1931 vorausgesehen hatte, nahm er nun nicht mehr wahr. Er wurde indes kein Nationalsozialist, sondern modelte sich die politische Lage so zurecht, dass sie zu seinem Kultur-Nationalismus passte.

Als nach dem Krieg die Bilder aus den Konzentrationslagern publik wurden, zeigte sich Unruh überrascht und erschüttert, erging sich wieder in Verurteilungen des Nationalsozialismus und trat allen entgegen, die die NS-Verbrechen verleugnen oder verniedlichen wollten. Allerdings ließ sein Kultur-Nationalismus es nicht zu, diese Verbrechen als singulär gelten zu lassen, und so kam er zu jenen vergleichenden Betrachtungsweisen, die ablenkend und apologetisch wirken, obwohl sie nicht auf Verdrängung oder Verleugnung aus sind, sondern der historischen Gerechtigkeit dienen wollen. Die Folge war, dass Unruh mit seinen zeitkritischen Schriften wie mit seinen Erzählungen bald nur noch in nationalistisch-konservativen und antimodernistischen Kreisen gelesen wurde, darüber verbitterte und zu immer schrilleren Verwerfungen der jungen bundesrepublikanischen Gesellschaft überging.

Auch als Dichter kam er ins Abseits, obwohl er ein "Novellist" nicht nur mit Leib und Seele, sondern auch von Rang war. Dies zeigte sich am deutlichsten an der 1952 publizierten Novelle "Tresckow". Sie handelt von der 1867 spielenden Tragödie eines über alle Maßen rechts- und verantwortungsbewussten preußischen Offiziers, erfüllt das Gattungsmuster auf bezwingende Weise, hat in Geschehen und Erzählton geradezu Kleistsches Format und wurde von Carl Zuckmayer als eine "meisterhafte Novelle" gerühmt. In der Tat kann man ihr Anerkennung nicht versagen. Zugleich spürt man aber, dass so 1952 nicht mehr geschrieben werden konnte. Die Zeit war über den Klassizisten Friedrich Franz von Unruh hinweggegangen. Zudem hatte er übersehen, dass die preußischen Tugenden durch all das, was nach 1867 kam, fast restlos diskreditiert worden waren und dass seine Erinnerung an diese Tugenden nur Skepsis und Widerstand hervorrufen konnten.

Dass Unruhs Werke jetzt in einer umfassenden Werkausgabe vorliegen, ist trotz alledem zu begrüßen. Für die Rekonstruktion der deutschen Literatur- und Mentalitätsgeschichte zwischen dem Ersten Weltkrieg und der Wiedervereinigung sind Lebensgang, literarische Werke und zeitkritische Schriften, so fragwürdig sie in vielem sein mögen, sehr aufschlussreich. Die akribischen Herausgeberkommentare von Leander Hotaki und eine vorzüglich instruierende, im Urteil bedachte biographische Studie von Sarah Reuß sind in vielfacher Weise hilfreich.

HELMUTH KIESEL

Friedrich Franz von Unruh: "Werke". Kritische Werkausgabe, hrsg. von Leander Hotaki. Rombach Verlag, Freiburg, Berlin, Wien 2007. 6 Bde. in 7 Teilbdn., 3031 S., geb., 398,- [Euro].

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