08.11.2007 · Meditationen: Der englische Dichter David Constantine
Konzentration bestimmt die Gedichte von David Constantine; Konzentration als Entgrenzung. Die Gedichte meditieren und nehmen zum Ausgang jenes Bild, Wort und Wissen, denen unsere Aufmerksamkeit herkömmlich gilt. Die Meditation ist widerständig, denn sie möchte im Vorgegebenen dessen anderen Sinn erkennen und verändert zu diesem Zweck die Grammatik des Materials - komplexe Gedankengänge, doch ihr Ziel ist das Konkrete.
Im Prolog zum Zyklus "In Memoriam 8571 Private J. W. Gleave", der des im Ersten Weltkrieg gefallenen Großvaters gedenkt, rückt der Dichter eine Frage in den Mittelpunkt: Was geschah mit dem Toten in der Erinnerung seiner Frau? Die Szene, die der Prolog auskostet, macht das Geschehen zur Versuchsanordnung und diese zur mystischen Realität: Auf dem Hügel schauen Kinder in die Sonne, die der Betrachter nicht direkt, sondern nur auf deren Gesichtern sich spiegeln sieht; doch plötzlich tritt in der Vorstellung des Gedichts der Tote an die Stelle der Sonne: "I saw the father, / Whom no one can rekindle, appear to shine / Over the earth in the eyes of the gazing children. / They cast his face upon my white paper."
Dabei erlaubt die Konzentration keine Ausflüchte; der Zyklus nimmt sich, im Wechsel von Gedicht zu Gedicht, einfache Begebenheiten vor: das Überbringen der Todesnachricht, die jährlichen Novembergedenktage, die Einberufungsliste (die zur Ehrentafel wird, wo es eine solche nicht gibt), die Wörter schließlich, die wie Schrapnelle in der Rede der Witwe steckten, "Remarkable to grandchildren / But to herself accustomed / Like rise and shine and left / Left . . .", wie links, rechts, links, rechts. Das Gedicht wird selbst zum Gedenkstein.
Die Gedichtsammlung "Etwas für die Geister" stellt den großen englischen Lyriker David Constantine, 1944 geboren, erstmals im deutschen Sprachraum vor; die Auswahl ist nach den seit 1980 veröffentlichten Gedichtbänden Constantines gegliedert und erlaubt den Vergleich. Sein Stil hat sich seit den frühen Gedichten - manche wie "Watching for Dolphins" gehören schon zum Kanon - kaum verändert. Keine systematischen Paradoxa, wie sie die Moderne konstituieren, treiben den Dichter an: etwa der Wille, eine absolute Wörtlichkeit zu schaffen, oder es im Medium der Sprache anderen Künsten, der Musik oder dem Tanz, gleichzutun; oder mit der Wissenschaft in Konkurrenz zu treten.
Constantine, Professor für Deutsch in Oxford bis 2000, ist ein university wit, wie er im Buche steht, die englischen movement poets wie Robert Graves zählt er zu seinen Vorbildern. Wie sie möchte er ohne (moderne) Künstlichkeit über Themen eines, besser: seines Lebens schreiben - über den Tod, Gestalten aus der Mythologie, Erotik, über Kunstwerke, den Gelehrten, und er wartet mit den schönsten Einfällen auf. Man denke an den Bibliotheksschlaf des "Local Historian", dessen Wissen sich auf und davon gemacht hat, bis er, wach, wieder den Finger auf die Stelle hält; ironisch heißt es: "All of Cornwall, slipped from his lease / Towards home" ("Entwichen die Gemeinden Cornwalls seinem Lehen / Gen Heimat"). Formale Innovation ist hier kein Kriterium. Selbst wenn die syntaktischen Regeln gedehnt werden, kommt es nicht zu einem idiosynkratischen Sprachsystem, es bleibt beim kommunen Sprechen. Man hat es mit Exerzitien des Schauens zu tun.
Rhetorische Figuren leiten diese Exerzitien an: die Variation, die Steigerung, die Revokation, das Paradox. Zu den raffiniertesten Gedichten zählt gewiss die "Red Figure Vase" ("Rotfigurige Vase"). Von der Schwärze gehen die zehn Zeilen aus, das Wort "Black" bildet den optischen Mittelpunkt, und die sichtbaren schwarzen Flächen der Vase erweitern sich für das Ich, das mit der Geliebten über diese Vase spricht, zu dem Ort für alles, was im Kunstwerk abwesend ist: den Töpfer, die Betrachter, und das Paar selbst, das (noch rot) dargestellt ist, würde sich dorthin zurückziehen: "That done [die Fackel gelöscht] / Were they living they would sleep as we do / Sightless, enfolded warm, on black." ("Danach, / Gesetzt sie lebten, würden sie schlafen, wie wir / Sichtlos, warm eingehüllt, in Schwärze.")
Die Gedichte nehmen sich selbst nicht zum Gegenstand, sofern sie dessen Gestalt annähmen, und auch die Rhetorik wählen sie nicht zu ihrem Sprachgott - diese bleibt ein nützliches, variabel gebrauchtes Mittel, um die poetische Energie zu bündeln. Aber woher kommen die Gedichte dann? Was ist der Grund der Kreativität? Diese Fragen beschäftigen Constantine durchaus: Das Titelgedicht "Etwas für die Geister" ("Something for the Ghosts") gibt eine Antwort, die im Dunkel jener Vase schon vorbereitet wird.
Auch die Geister leben jenseits der Tast- und Riechsinne ("My grasp of your black hair, the rain in it, / The smell of the rain that I breathed in after / For days"), doch das Gedicht will sie, die nicht gewandt sprechen und nur mit Lautfragmenten ("bits of sound") jemandem Gestalt geben können, ehren. Die Wörter wirkten, einmal ausgesprochen, leicht wie im Schneegestöber, "Leichter als Luft", wie Hans Magnus Enzensbergers Gedichtband heißt, den Constantine ins Englische übersetzt hat. Da, im irregulär Geisterhaften, stellten sich die richtigen Fragen: "Who were you and who did you think I was?" Darauf antwortet die ordnende Meditation.
CHRISTOPH KÖNIG.
David Constantine: "Etwas für die Geister". Gedichte. Zweisprachige Ausgabe. Aus dem Englischen übersetzt von Johanna Dehnerdt und Hauke Hückstädt. Wallstein Verlag, Göttingen 2007. 192 S., geb., 19,- [Euro].