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Veröffentlicht: 21.03.2007, 12:00 Uhr

Der Tag, an dem ich Amerika sitzen ließ

In der Höhle des Löwen: Mohsin Hamid fühlt sich in den Fundamentalismus ein / Von Hubert Spiegel

Ein amerikanischer Traum, ein Traum für alle Anti-Terror-Fachleute dieser Welt: Ein intelligenter junger Verdächtiger aus der islamischen Welt schildert in schönster Offenheit sein Leben, seine Gedanken, seine Beweggründe und verhehlt nicht einmal, was er am 11. September 2001 empfunden hat: "Ich schaltete den Fernseher an und hielt das, was ich da sah, erst für einen Film. Doch als ich weiterschaute, wurde mir klar, dass es keine Filmszenen waren, sondern die Nachrichten. Ich sah mit an, wie einer - und danach der andere - der Zwillingstürme des World Trade Center in New York einstürzte. Und dann lächelte ich. Ja, so abscheulich es auch klingen mag, meine erste Reaktion war eine bemerkenswerte Freude."

So werden Geständnisse eingeleitet. Aber für den Amerikaner, der dem jungen Pakistani lauscht, gleicht der Traum einem Albtraum. Denn der Ort der Handlung ist keine Hochsicherheitszelle in Guantánamo, sondern ein Straßencafé an einem Marktplatz in Bangalore. Mit dieser raffinierten Umkehrung der klassischen Verhörsituation eröffnet Mohsin Hamid seinen bemerkenswerten Roman "Der Fundamentalist, der keiner sein wollte".

Der junge Pakistaner spricht den namenlos bleibenden Amerikaner an, lädt ihn ein und erzählt ungefragt seine Lebensgeschichte, die nach und nach bedrohliche Züge für den Zuhörer annimmt. Der sanfte Druck, der hier ausgeübt wird und jederzeit in nackte Gewalt umschlagen könnte, geht nicht vom Amerikaner aus, sondern vom Pakistaner. Nicht der Verdächtige schweigt, sondern der Verdächtigende, nicht der Sicherheitsbeamte hat den Fang gemacht und bestimmt nun den Verlauf des weiteren Geschehens, sondern der vermeintliche Terrorist hat alle Fäden in der Hand. So scheint es zumindest.

Die Rahmenhandlung taugt für einen Thriller, der im Katz-und-Maus-Spiel zwischen dem Ermittler und seinem Gegner nach und nach das ganze Geschehen enthüllt. Aber Hamid hat in seinem zweiten Roman ganz anderes im Sinn: Er schildert, wie ein westlich orientierter, glänzend ausgebildeter junger Muslim unter dem Eindruck des Attentats und seiner Folgen in eine Identitätskrise gerät, an deren Ende er nicht mehr der ist, der er zu sein glaubte, und auch nicht der, der er hatte werden wollen. Der Fundamentalist, der keiner sein wollte, kehrt zurück zu den Wurzeln, von denen er gar nicht gewusst hatte, wie stark sie ihn mit seiner Heimat, ihrer Kultur und Religion verbinden.

Hamid erzählt in seinem zweiten Roman eine Geschichte, die auffällige Parallelen zu seiner eigenen Biographie aufweist. Aufgewachsen in Lahore in Pakistan, wo er 1971 geboren wurde, studierte Hamid Jura an den amerikanischen Elite-Universitäten Harvard und Princeton und arbeitete bei einer Consulting-Firma in New York. Im Jahr 2000 erschien sein erster Roman "Nachtschmetterlinge", der ausgezeichnet, für den PEN/Hemingway Award nominiert und von der "New York Times" zu einem der bedeutendsten Büchern des Jahres 2000 gewählt wurde. Dem zweiten Werk des mittlerweile in London lebenden Schriftstellers dürften solche Ehren in Amerika kaum widerfahren.

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