Home
http://www.faz.net/-gr4-ua30
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Der Tag, an dem ich Amerika sitzen ließ

In der Höhle des Löwen: Mohsin Hamid fühlt sich in den Fundamentalismus ein / Von Hubert Spiegel

Ein amerikanischer Traum, ein Traum für alle Anti-Terror-Fachleute dieser Welt: Ein intelligenter junger Verdächtiger aus der islamischen Welt schildert in schönster Offenheit sein Leben, seine Gedanken, seine Beweggründe und verhehlt nicht einmal, was er am 11. September 2001 empfunden hat: "Ich schaltete den Fernseher an und hielt das, was ich da sah, erst für einen Film. Doch als ich weiterschaute, wurde mir klar, dass es keine Filmszenen waren, sondern die Nachrichten. Ich sah mit an, wie einer - und danach der andere - der Zwillingstürme des World Trade Center in New York einstürzte. Und dann lächelte ich. Ja, so abscheulich es auch klingen mag, meine erste Reaktion war eine bemerkenswerte Freude."

So werden Geständnisse eingeleitet. Aber für den Amerikaner, der dem jungen Pakistani lauscht, gleicht der Traum einem Albtraum. Denn der Ort der Handlung ist keine Hochsicherheitszelle in Guantánamo, sondern ein Straßencafé an einem Marktplatz in Bangalore. Mit dieser raffinierten Umkehrung der klassischen Verhörsituation eröffnet Mohsin Hamid seinen bemerkenswerten Roman "Der Fundamentalist, der keiner sein wollte".

Der junge Pakistaner spricht den namenlos bleibenden Amerikaner an, lädt ihn ein und erzählt ungefragt seine Lebensgeschichte, die nach und nach bedrohliche Züge für den Zuhörer annimmt. Der sanfte Druck, der hier ausgeübt wird und jederzeit in nackte Gewalt umschlagen könnte, geht nicht vom Amerikaner aus, sondern vom Pakistaner. Nicht der Verdächtige schweigt, sondern der Verdächtigende, nicht der Sicherheitsbeamte hat den Fang gemacht und bestimmt nun den Verlauf des weiteren Geschehens, sondern der vermeintliche Terrorist hat alle Fäden in der Hand. So scheint es zumindest.

Die Rahmenhandlung taugt für einen Thriller, der im Katz-und-Maus-Spiel zwischen dem Ermittler und seinem Gegner nach und nach das ganze Geschehen enthüllt. Aber Hamid hat in seinem zweiten Roman ganz anderes im Sinn: Er schildert, wie ein westlich orientierter, glänzend ausgebildeter junger Muslim unter dem Eindruck des Attentats und seiner Folgen in eine Identitätskrise gerät, an deren Ende er nicht mehr der ist, der er zu sein glaubte, und auch nicht der, der er hatte werden wollen. Der Fundamentalist, der keiner sein wollte, kehrt zurück zu den Wurzeln, von denen er gar nicht gewusst hatte, wie stark sie ihn mit seiner Heimat, ihrer Kultur und Religion verbinden.

Hamid erzählt in seinem zweiten Roman eine Geschichte, die auffällige Parallelen zu seiner eigenen Biographie aufweist. Aufgewachsen in Lahore in Pakistan, wo er 1971 geboren wurde, studierte Hamid Jura an den amerikanischen Elite-Universitäten Harvard und Princeton und arbeitete bei einer Consulting-Firma in New York. Im Jahr 2000 erschien sein erster Roman "Nachtschmetterlinge", der ausgezeichnet, für den PEN/Hemingway Award nominiert und von der "New York Times" zu einem der bedeutendsten Büchern des Jahres 2000 gewählt wurde. Dem zweiten Werk des mittlerweile in London lebenden Schriftstellers dürften solche Ehren in Amerika kaum widerfahren.

Sein Held mit dem sprechenden Namen Changez schlägt eine ähnliche Wall-Street-Karriere ein und gehört zu den aussichtsreichsten und bestens entlohnten Nachwuchskräften einer exclusiven Beratungsfirma in New York. Changez ist jung, glänzend ausgebildet, materiell gut versorgt und mehr als bereit, im melting pot Amerika das Leben zu führen, das für ihn und seinesgleichen vorgesehen ist. Aber dann geschieht das Attentat, und nach und nach muss Changez sich eingestehen, dass seine erste, unwillkürliche Reaktion kein Zufall war. Bislang, so konnte und durfte Changez glauben, hatten seine Herkunft, seine Hautfarbe und seine Religion keine nennenswerte Rolle gespielt. Jetzt, nach dem Attentat, macht ihn sein bloßes Äußeres verdächtig, denn er gilt zumindest als potentieller Sympathisant. Gewohnt, sich mit amerikanischen Augen zu sehen, nimmt er sich als Fremden wahr, bevor er die Welt fortan mit Augen anschaut, die auch nicht die seinen sind.

Was er nun sieht, ist die Armut seiner Heimat, die nicht nur hinter den amerikanischen Lebensstandard weit zurückfällt, sondern auch mit vermeintlichen Metropolen der "Dritten Welt" längst nicht mehr mithalten kann. Das große Trauma vieler islamischer Länder, das in dem gewaltigen Kontrast zwischen ihrer glorreichen Vergangenheit und einer bescheidenen bis armseligen Gegenwart liegt, macht plötzlich auch Changez zu schaffen: Dass er Amerika seine Karriere verdankt, zählt nichts mehr angesichts der Armut und der Demütigungen, die seine Glaubensbrüder erfahren müssen.

Geschickt und mit großem Einfühlungsvermögen schildert Hamid diesen Prozess, der natürlich längst abgeschlossen ist, als Changez und sein amerikanischer Gast sich im Kaffeehaus in Pakistan gegenübersitzen. Der entscheidende Kunstgriff des Romans liegt aber nicht in seiner psychologischen Genauigkeit, sondern in seiner erzählerischen Konstruktion, denn Hamid hat seinen Roman als Monolog angelegt: Nur Changez spricht, nur seine Stimme können wir hören, und die spärlichen Reaktionen des Amerikaners können wir nur wahrnehmen, wenn Changez sie aufgreift und kommentiert, etwa wenn er seinem Gast versichert, dass der Stromausfall im Lokal ihn ebensowenig beunruhigen müsse wie die düsteren Blicke des Kellners.

Was die Starrheit dieser Konstruktion an Nachteilen mit sich bringt, wird mehr als aufgewogen durch ihre Vorteile. Sie liegen in der Intensität und feinen Ironie, mit der Changez sein Leben erzählt und in der Spannung, die mit der unklaren Zweierkonstellation zwischen ihm und dem Amerikaner verbunden ist: Jeder hält den anderen für eine Bedrohung. Ist Changez ein Terrorist und der Amerikaner ein von der CIA geschickter Killer, der ihn liquidieren soll? Hamid verrät es uns nicht, sondern zeigt uns auf eindrucksvolle Weise, wie die Anschläge vom 11. September auch den Unbeteiligten dazu zwingen können, Partei zu ergreifen und sich einzugestehen, zu welcher Seite er gehört.

Die Erzählkonstruktion verschärft diese Wirkung noch, als wolle der Autor uns damit zu verstehen geben, dass wir in der Regel ja doch immer nur eine Seite anhören, nur die halbe Geschichte und bestenfalls die halbe Wahrheit kennen. Das gilt auch für die Liebesgeschichte zwischen Changez und einer mondänen Ostküstenschönheit. Dass sie unglücklich verlaufen muss, ist schon am Vornamen der geliebten Frau zu erkennen. Denn Erica, so sieht es Changez, ist wie ihre Heimat Amerika reich und schön, aber innerlich leer und zerstört, unfähig, irgendjemanden zu lieben, nicht einmal sich selbst. So ist der Fundamentalist, der keiner sein wollte, als Liebhaber doppelt unglücklich.

Mohsin Hamid: "Der Fundamentalist, der keiner sein wollte". Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Eike Schönfeldt. Verlag Hoffmann & Campe, Hamburg 2007. 190 S., geb., 17,95 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.03.2007, Nr. 68 / Seite L5

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Dschihadisten enthaupten Foley Alarmierte Briten

Die Briten sind schockiert. Ein Landsmann hat den amerikanischen Journalisten James Foley exekutiert. Premierminister Cameron fürchtet, dass hunderte Dschihadisten mit britischem Pass in die Heimat zurückkehren könnten. Mehr

21.08.2014, 18:15 Uhr | Aktuell
„Die geliebten Schwestern“ Dominik Graf hofft auf Oscar-Nominierung

Der Kinofilm „Die geliebten Schwestern“ von Regisseur Dominik Graf geht als deutscher Beitrag in das Rennen um eine Oscar-Nominierung für den besten nicht-englischen Film. Die Liebesgeschichte setzte sich gegen 16 andere deutsche Beiträge durch. Mehr

27.08.2014, 21:06 Uhr | Feuilleton
Hannover Mörder von Dano könnte auch der von Jenisa sein

Vor sieben Jahren verschwand das Mädchen Jenisa, unter Mordverdacht stand schon damals Ibrahim B. Jetzt sieht es so aus, als könnte er doch noch überführt werden. In der Zwischenzeit konnte er jedoch ein weiteres Kind töten. Mehr

02.09.2014, 16:02 Uhr | Gesellschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 21.03.2007, 12:00 Uhr