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: Der Spion, der aus dem Liguster kam

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Der Spion ist literarisch eine heikle Figur, immer auf der Schwelle balancierend, nicht richtig beteiligt am Geschehen, aber auch nicht außerhalb. Vom Film zur glamourösen Lichtgestalt idealisiert, bleibt der Spion im Roman ein Außenseiter, der sich niemandem anvertrauen darf; ein Voyeur weniger ...

          Der Spion ist literarisch eine heikle Figur, immer auf der Schwelle balancierend, nicht richtig beteiligt am Geschehen, aber auch nicht außerhalb. Vom Film zur glamourösen Lichtgestalt idealisiert, bleibt der Spion im Roman ein Außenseiter, der sich niemandem anvertrauen darf; ein Voyeur weniger aus Neigung denn aus Not, der seine eigene Identität, seine Bedürfnisse und Sehnsüchte verleugnen muß, um einem übergeordneten Ziel zu dienen; der sich aufgeben muß, um einer Weltanschauung, einem Land oder einer Organisation zu dienen. Nicht einmal Dank darf er für seinen Einsatz erwarten; so hehr seine Motivation sein mag, so moralisch fragwürdig wirkt seine Tätigkeit auf andere. Nicht nur muß er immun sein gegen den Hautgout des Verbotenen, Unschicklichen, Widerwärtigen, sondern er muß selbst fürchten, ausgekundschaftet, gar enttarnt zu werden. Sein Wissen verschafft ihm keinen Handlungsspielraum; er ist der Zulieferer von Informationen, mit deren Hilfe Entscheidungen von anderen gefällt werden. Und so bekommt der Spion einen geradezu masochistischen Zug. Und trotzdem geht etwas Faszinierendes aus von jenem, der für die Außenwelt immer eine Maske tragen muß, der sich selbst zurückstellt, um seinen Auftrag zu erfüllen. Denn mit der Einmischung des Beobachters gibt er seine Unschuld auf.

          Der englische Schriftsteller Michael Frayn, jahrzehntelang abonniert auf leichtfüßige, humorvoll-philosophische Theaterstücke und Romane an der Schnittstelle von Kunst und Leben, wird mit zunehmendem Alter ernster, politischer, historischer - aber glücklicherweise nicht gravitätisch. Bot sein letzter Roman, "Das verschollene Bild" (1999), noch eine comedy of manners, ein satirisches Sittenbild der anfälligen angelsächsischen Kunstwelt, ein whodunnit ohne Mord, aber mit einem vermeintlichen oder echten Gemälde Pieter Brueghels d. Ä., verrieten die erfolgreich aufgeführten Theaterstücke "Copenhagen" (2001) und "Democracy" (2003), daß der Autor thematisch eine neue Richtung eingeschlagen hat, die aber keine Abkehr, sondern die konsequente Fortführung und Vertiefung seiner früheren Motive verheißt. Frayns Umgang mit Identität und Loyalität, Hysterie und Historie, Fakt und Fiktion ist gewichtiger, existentieller geworden, was das Lesevergnügen nur steigert - zumal für das deutsche Publikum. Denn es scheint, als schlage der Autor zunehmend Kapital aus der Zeit, die er als Korrespondent des "Observer" während der siebziger Jahre in Berlin verbrachte: In "Copenhagen" ging es um ein Treffen zwischen dem deutschen Atomphysiker Werner Heisenberg und seinem dänischen Kollegen Niels Bohr 1941 im besetzten Kopenhagen, und in "Democracy" beschäftigte er sich mit der Brandt-Guillaume-Affäre, die 1974 zum Rücktritt des Bundeskanzlers führte; ein Spiel um Spionage, Identitäten, Freundschaften, Feindschaften und Politik. Auch in seinem neuen, heute erscheinenden Roman "Spionagespiel" geht es vor allem um deutsche Geschichte, allerdings anders, als man zunächst annehmen könnte. Mit dem alternden Erzähler Stephen Wheatley machen wir eine Zeitreise vom Deutschland der Gegenwart in den Süden Englands Anfang der vierziger Jahre.

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