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: Der Spion, der aus dem Liguster kam

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Verdacht nämlich ist zerstörerischer als Gewißheit. Und da jeder etwas zu verbergen hat, muß jede Spionage Erfolg haben - es kommt nur darauf an, wie man die Ergebnisse interpretiert. Das Spiel beginnt spannend, harmlos und unschuldig. Die beiden Jungen entdecken im Kalender von Mrs. Hayward mysteriöse Kreuzzeichen an Tagen nahe Neumond. Schon ist ihnen klar, daß in den dunkelsten Nächten des Monats deutsche Flugzeuge auf einem nah gelegenen Feld landen müssen. Berauscht von der eigenen Kombinatorik, entwerfen die ungleichen Freunde noch ganz andere wilde Szenarien. Als sie entdecken, daß Keith' Mutter Botschaften in einem geheimen Versteck hinterlegt - erneut findet sich ein "X" vermerkt, im Angelsächsischen auch ein Synonym für den Kuß - weicht ihre Begeisterung allmählich einer uneingestandenen Unruhe über die unerklärliche Verhaltensweise von Mrs. Hayward. Doch die beiden Jungen, noch nicht erfaßt von den Verwirrungen der Pubertät, kommen gar nicht auf die Idee, daß etwas anderes als Politik hinter dem Geheimnis stehen könnte; um diese Idee in Stephens Kopf zu pflanzen, bedarf es des Nachbarmädchens Barbara Berill, der er das Rauchen und die ihm das Küssen beizubringen versucht.

In wechselnder Perspektive erweckt Frayn diese pubertären Sommerwochen zum Leben. Die Kluft zwischen dem Blickwinkel des Mannes und des Knaben tut sich in einem gelegentlichen, distanzierten "er" auf. Es ist die große Stärke des Romans, daß Frayn nicht alles daransetzt, die Perspektive des Jungen durchzuhalten. Der ältere Stephen sorgt sich um das Verhalten des jungen, hält die eigene Sichtweise jedoch nicht unbedingt für überlegen.

Sinnliche Eindrücke wie der Geruch des Ligusters, ein rutschender Strumpf, der Geschmack von Schokoladenkeksen oder der dumpfe Schmerz eines Bajonetts, das sich in die Kehle drückt, bis Blut ins Hemd sickert, überleben im Gedächtnis des Erzählers besser als Gedankengänge, die sich rückblickend oft nicht mehr nachvollziehen lassen. Inmitten einer unausgesprochenen Tragödie aus Liebe, Desertion und Einsamkeit inszeniert Michael Frayn hier ein zart taumelndes Drama. Behutsam nähert er sich der Auflösung der auch für den Leser bis zuletzt nicht eindeutigen Vorgänge.

Doch ist es nicht die englische Geschichte, die dem Roman am Ende eine tragische Pointe verleiht, sondern die deutsche: das Rätsel um Herkunft und Nationalitäten wird schließlich überraschend gelöst. Erste Hinweise gibt Stephen selbst, als er von den mysteriösen, gemiedenen "Juhn", den Juden, spricht.

Frayns "Spionagespiel" ist Krimi, Kriegsgeschichte und Entwicklungsroman in einem. Es ist auch eine Reflexion über das, was wir über andere zu wissen meinen und woher. Der Erzähler ist am Ende so ratlos wie als Kind: "Ein halbes Jahrhundert später, als ich versuche, alles zusammenzufügen, habe ich wirklich keine Ahnung, ob er es begriffen hatte." Aber selbst, wenn man letztlich ohnehin nichts sicher wissen kann, hat man vorher immerhin einen beeindruckenden Roman gelesen.

Michael Frayn: "Das Spionagespiel". Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Matthias Fienbork. Hanser Verlag, München 2004. 223 S., geb., 19,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.02.2004, Nr. 38 / Seite 44

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