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: Der Spion, der aus dem Liguster kam

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Der schwere, süßliche, fast obszöne Geruch des Ligusters kann den beißenden Kriegsgestank nicht vertreiben, doch die beiden Jungen, die in der Hecke sitzen und die Straße vor sich beobachten, sind viel zu sehr von ihrer Schnüffelei beansprucht, um auch nur einen der unheilvollen Düfte zu bemerken. Erst ein halbes Jahrhundert später rufen die irritierend aufdringlichen Dünste des Liguster in einem von ihnen Erinnerungen an jenen Jugendsommer wach, und mit der schmerzlichen Reflexion über die Vermeidbarkeit der tragischen Ereignisse von damals erwachen in ihm Bedauern, Reue und Wehmut.

Angefangen hatte alles als ein Spiel, wie zwei Jungs es in einem englischen Kriegssommer eben aushecken mochten. Unbekümmert von den Sorgen der Erwachsenen, folgt der Phantasieplanung einer Untergrundbahn zwischen ihren Häusern die Idee einer Eisenbahn, "die vom Flachland der Blumenbeete" durch das "gefährliche Banditengebiet durch den Küchengarten und weiter hinunter in das wichtige Industrie- und Hafengebiet hinter dem Gurkenbeet führt". Doch noch bevor die erforderlichen elterlichen Genehmigungen eingeholt sind, kommt ein anderes Projekt dazwischen.

Denn plötzlich liegt neben Linde, Liguster und Geißblatt ein Geheimnis in der Luft: "Dann merke ich, daß sich die Atmosphäre um mich herum verändert, als würde die Vergangenheit aus der Luft heraus wieder Gestalt annehmen." Es ist kein ganz klares Bild, das sich im folgenden materialisiert, weil der Mann einen ganz anderen Blick darauf hat als der Junge von damals. "Heute kann ich das so sehen. Aber hat er das damals auch schon so gesehen?" Die Frage treibt Stephens späte Gewissenserforschung an, den Leser die Neugier auf das, was damals geschah.

Es ist der selbstbewußte, draufgängerische Keith, der eines Tages jene Vermutung ausspricht, die zu beweisen Ziel der Zweierbande wird: ",Meine Mutter', sagte er nachdenklich, fast bedauernd, ,ist eine deutsche Spionin.'" Der schüchterne, folgsame, segelohrige Stephen ist überrascht - "gewiß, aber nicht in dem Maß, wie ich es heute wäre". Eher ist er eifersüchtig auf die endlos faszinierende Familie von Keith: Ausgerechnet die ruhige, vornehme Mrs. Hayward soll eine deutsche Spionin sein, deren Mann doch noch jenes Bajonett aufbewahrt, mit dem er im Ersten Weltkrieg fünf Deutsche erstochen hat?

Sogleich machen sie sich daran, die Dame zu observieren, und wie sich herausstellt, hat diese tatsächlich etwas zu verbergen. Die Beschattung durch die beiden Jungen zeitigt fatale Folgen, für die Stephen sich verantwortlich fühlt. Die Scham, Fluch jeder Spionage, kommt hier ebenso eindringlich zum Ausdruck wie die Ohnmacht, den Lauf der Dinge nur verstehen und nicht aufhalten zu können. Der Spion darf nicht eingreifen, er darf nur beobachten. Stephen überwindet schließlich seine Furcht und handelt, doch der Preis, den er für diesen entscheidenden Akt des Erwachsenwerdens bezahlt, ist die Scham, die ihn sein Leben lang nicht verläßt.

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