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Der schwarze Strand des Alls

Im Auge des Fernsehzyklopen: Martin Pages alberner Debütroman

Der siebenundzwanzigjährige Franzose Martin Page hat ein durch und durch albernes Buch geschrieben, das aber trotzdem keinen Spaß macht. Sein Debütroman handelt von einem jungen Mann, den der eigene IQ verdrießt. Dank überdurchschnittlicher Intelligenz ist Antoine allzu skrupulös, kontaktscheu und orientierungslos. Um seinen Sorgen und Gedanken zu entkommen, entschließt er sich zu radikalen Kuren. Aber weder Alkoholikertum noch Selbstmord wollen ihm glücken. Schließlich gestattet ihm eine Glücksdroge, als erfolgreicher Börsenhändler für eine Weile die reine Oberflächlichkeit zu leben. Ein plötzlich auftauchender Schutzengel und ein paar treue Freunde befreien ihn aus seinem existentiellen Experiment, und zum Happy-End trifft er auch noch ein geneigtes weibliches Wesen, das unter derselben geistigen Brillanz zu leiden hat wie er. Die absurde Handlung liefert jede Menge Slapstick-Szenen: Da ist das halbe Glas Bier, das den unschuldigen Jüngling ins Delirium tremens versetzt, die Selbstmörder-Gesellschaft, in der von tragikomisch mißglückten Suizidversuchen berichtet wird, und die Computertastatur, über die Antoine nur seinen Kaffee verschütten muß, um ein phantastisches Wertpapiergeschäft zu machen.

Das literarische Kalkül, die Welt durch eine von der Norm abweichende Eigenschaft in ein völlig neues Licht zu versetzen, scheitert bei Page durch einen Mangel an Konsequenz. Die Außenseiterposition seines Helden wird behauptet, aber nicht gestaltet. So gilt Antoine zwar als einsam, schließt jedoch schnell Bekanntschaft und besitzt eine vielköpfige Entourage. Die Menschen, denen er auf seiner Donquichottiade begegnet, sind flache Stichwortgeber, denen Abnormitäten verleihen sollen, was ihnen an Charakter fehlt: Da ist ein von innen leuchtender Analphabet, eine durch Bandagen vollständig mumifizierte Frau, ein Kraftprotz, der Pages Protagonisten täglich auf dem Arm in seine Wohnung trägt, und Antoines Onkel und Tante, die mit eingebildeten Krankheiten ihr Leben im Hospital verbringen. Bis auf einige sehr hübsche Partien verleiden zusätzlich gewundene Wendungen und ein angestrengter Humor die Lektüre. Da heißt es etwa von einem Abend daheim: "Der Mond sonnte sich ostentativ auf dem schwarzsandigen Strand des Alls. Antoine versuchte, sich im Auge des Fernsehzyklopen zu hypnotisieren." "Antoine oder Die Idiotie" ist eine Farce, die den Leser zum Lachen verdonnern will. Leider fehlt der Blitz, der den Witz erst zündet.

INGEBORG HARMS.

Martin Page: "Antoine oder Die Idiotie". Roman. Aus dem Französischen übersetzt von Moshe Kahn. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2002. 135 S., geb., 13,50 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.01.2003, Nr. 19 / Seite 34

 
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Veröffentlicht: 23.01.2003, 12:00 Uhr