Home
http://www.faz.net/-gr4-45j0
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Der schwarze Strand des Alls

Im Auge des Fernsehzyklopen: Martin Pages alberner Debütroman

Der siebenundzwanzigjährige Franzose Martin Page hat ein durch und durch albernes Buch geschrieben, das aber trotzdem keinen Spaß macht. Sein Debütroman handelt von einem jungen Mann, den der eigene IQ verdrießt. Dank überdurchschnittlicher Intelligenz ist Antoine allzu skrupulös, kontaktscheu und orientierungslos. Um seinen Sorgen und Gedanken zu entkommen, entschließt er sich zu radikalen Kuren. Aber weder Alkoholikertum noch Selbstmord wollen ihm glücken. Schließlich gestattet ihm eine Glücksdroge, als erfolgreicher Börsenhändler für eine Weile die reine Oberflächlichkeit zu leben. Ein plötzlich auftauchender Schutzengel und ein paar treue Freunde befreien ihn aus seinem existentiellen Experiment, und zum Happy-End trifft er auch noch ein geneigtes weibliches Wesen, das unter derselben geistigen Brillanz zu leiden hat wie er. Die absurde Handlung liefert jede Menge Slapstick-Szenen: Da ist das halbe Glas Bier, das den unschuldigen Jüngling ins Delirium tremens versetzt, die Selbstmörder-Gesellschaft, in der von tragikomisch mißglückten Suizidversuchen berichtet wird, und die Computertastatur, über die Antoine nur seinen Kaffee verschütten muß, um ein phantastisches Wertpapiergeschäft zu machen.

Das literarische Kalkül, die Welt durch eine von der Norm abweichende Eigenschaft in ein völlig neues Licht zu versetzen, scheitert bei Page durch einen Mangel an Konsequenz. Die Außenseiterposition seines Helden wird behauptet, aber nicht gestaltet. So gilt Antoine zwar als einsam, schließt jedoch schnell Bekanntschaft und besitzt eine vielköpfige Entourage. Die Menschen, denen er auf seiner Donquichottiade begegnet, sind flache Stichwortgeber, denen Abnormitäten verleihen sollen, was ihnen an Charakter fehlt: Da ist ein von innen leuchtender Analphabet, eine durch Bandagen vollständig mumifizierte Frau, ein Kraftprotz, der Pages Protagonisten täglich auf dem Arm in seine Wohnung trägt, und Antoines Onkel und Tante, die mit eingebildeten Krankheiten ihr Leben im Hospital verbringen. Bis auf einige sehr hübsche Partien verleiden zusätzlich gewundene Wendungen und ein angestrengter Humor die Lektüre. Da heißt es etwa von einem Abend daheim: "Der Mond sonnte sich ostentativ auf dem schwarzsandigen Strand des Alls. Antoine versuchte, sich im Auge des Fernsehzyklopen zu hypnotisieren." "Antoine oder Die Idiotie" ist eine Farce, die den Leser zum Lachen verdonnern will. Leider fehlt der Blitz, der den Witz erst zündet.

INGEBORG HARMS.

Martin Page: "Antoine oder Die Idiotie". Roman. Aus dem Französischen übersetzt von Moshe Kahn. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2002. 135 S., geb., 13,50 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.01.2003, Nr. 19 / Seite 34

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Thomas Mann und die Kunst Die Liebe hinter dem gnadenlosen Röntgenblick

Thomas Mann, als Schriftsteller und Musikliebhaber genial, war als Kunstkenner allenfalls bürgerlicher Durchschnitt. So lautet das gängige Urteil. Zwei Lübecker Museen beweisen nun das Gegenteil. Mehr

14.09.2014, 17:09 Uhr | Feuilleton
Ende des Schmuddeltourismus

Eimer saufen am Strand, Party machen und alles vergessen. Damit soll es auf Mallorca nun vorbei sein. Sangria trinken außerhalb von Gaststätten und Bars ist in der Hauptstadt der Mittelmeerinsel ab sofort verboten. Und auch Touristen, die mit entblößten Oberkörpern durch die Straßen laufen, müssen sich warm anziehen. Palma will sein Image aufpolieren. Mehr

12.06.2014, 06:27 Uhr | Gesellschaft
Karriere So wird man CFO

Numbercruncher, Stratege und Kommunikator – ein CFO muss heute alles gleichzeitig sein. Doch wie wird man zum Tausendsassa? Manche Stationen dürfen im Lebenslauf nicht fehlen, wie unsere Auswertung zeigt. Mehr

16.09.2014, 10:10 Uhr | Finanzen
Tornado fegt durch Kleinstadt

Nördlich von Sacramento versetzte ein dort selten vorkommender Tornado die Einwohner in Angst und Schrecken. Bei einigen Häusern wurden Dächer abgedeckt. Mehr

28.03.2014, 21:49 Uhr | Gesellschaft
Formel 1 Ein halber Meter macht den Unterschied

Im Kampf der Sternfahrer hat der Brite die Nasenspitze vorne. Hamilton startet von der Pole Position aus in den Großen Preis von Singapur. Rosberg hat knapp das Nachsehen. Sein erster Kommentar? Verdammt! Mehr

20.09.2014, 16:37 Uhr | Sport
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 23.01.2003, 12:00 Uhr