http://www.faz.net/-gr3-8xp7d
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 11.05.2017, 22:10 Uhr

Roman über Syrien-Flüchtlinge Wellenschlag vom Tod entfernt

Olga Grjasnowa erzählt in ihrem Roman von zwei jungen Leuten, die vor dem Assad-Regime nach Deutschland fliehen. Die Erfahrung der Flucht kennt die Schriftstellerin aus der eigenen Familie genau.

von Wiebke Porombka
© dpa Flucht ist eine Erfahrung, die ihrer Familie vertraut ist: Olga Grjasnowa, 1984 in Baku geboren, lebt heute in Berlin.

Gegen Ende des Romans „Gott ist nicht schüchtern“ gibt es eine Szene, die unspektakulär anmuten könnte nach alldem Grauen, das auf den beinahe dreihundert Seiten zuvor verübt worden ist. Und doch schneidet der Moment ein, denn er macht uns mit unerbittlicher Beiläufigkeit klar, wie nah uns die Geschehnisse sind, von denen Olga Grjasnowa erzählt. Und vor allem auch: wie schnell zu einem anderen Zeitpunkt der Weltgeschichte jeden von uns etwas Ähnliches ereilen könnte.

Amal, eine junge syrische Schauspielerin, die sich an den Demonstrationen gegen das Assad-Regime beteiligt hat, die vom Geheimdienst gefoltert und schikaniert wurde, die ihr letztes Geld an Schlepper gezahlt hat, die beim Untergang eines mit Menschen hoffnungslos überfüllten Frachtschiffes nur mit Glück nicht ertrunken ist, hat es nach Deutschland geschafft. In einem Café teilt sie sich – für mehr reicht das Geld nicht – mit ihrem Freund einen Kaffee, das kleine Mädchen, das die beiden als ihre Tochter ausgeben, tatsächlich aber seine Mutter durch das Schiffsunglück verloren hat, trinkt eine heiße Milch. Amal beobachtet die Frauen, die auf der Straße vorbeigehen: schaut auf deren Kleidung, Frisuren, registriert, wer in Eile ist, wer die Zeit hat, vor Schaufenstern stehen zu bleiben – so wie sie das vor ein paar Monaten noch in Damaskus getan hat. Plötzlich durchfährt sie die Erkenntnis, dass sie nicht mehr Teil dieses alltäglichen Miteinanders ist, dass diese Frauen sie nicht mehr als eine von ihnen wahrnehmen, als eine Frau, deren Attraktivität oder Sympathie abgewogen wird.

Der Heimat und der Familie beraubt

Amal, die bis zum Ausbruch der Revolution ein privilegiertes, vom Vater finanziertes Leben geführt hat, ist nicht nur deshalb herausgefallen aus der Gesellschaft, weil sie die neue Sprache noch nicht beherrscht. Die Flucht hat sie der Heimat beraubt, der Nähe zu Familie und Freunden. Aber auch ein wesentlicher Teil der Identität wurde ihr genommen, der Lebensstil, die selbstverständliche Souveränität, mit der sie sich bisher durch ihr Leben bewegt hat. Ihr biographischer Hintergrund, ihre Karriere als Schauspielerin, ist nicht mehr zu erkennen für die Passanten. Sie sehen, wenn überhaupt, nur eine von zahllosen Flüchtlingen, erschöpft, gezeichnet von den Strapazen, verunsichert, in zusammengewürfelter gespendeter Kleidung.

Mehr zum Thema

Bei dem Protagonisten des zweiten Handlungsstrangs im Roman, dessen Geschichte nur durch eine flüchtige Begegnung zu Anfang und eine etwas intensivere gegen Ende mit der Amals verzahnt ist, handelt es sich um einen jungen Mann, der mitten aus einem arrivierten Leben herausgerissen wird. Noch dazu aus einem, das er längst in Europa führt: Hammoudi, syrischer Herkunft, lebt als Arzt in Paris. Um seinen Pass zu verlängern, reist er nach Syrien. Was eigentlich eine kurze Formalie bedeutet, die er mit dem Besuch bei der Familie in seinem Heimatort Deir az-Zour verbinden will, wird zum Dauerzustand. Bürokratische Willkür hindert Hammoudi daran, das Land wieder zu verlassen. Seine Pariser Freundin wird zusehends ungehalten, irgendwann bricht der Kontakt ab. Aber da ist Hammoudi ohnehin schon längst in die syrische Revolution verstrickt. Olga Grjasnowas Sprache ist schnell und hart, als würde sie sich verbieten, das Grausame durch Rührseligkeit zu verwässern, als sollte es klirrend und klar für sich stehen.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite