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Gert Loschütz: „Ein schönes Paar“. Roman. Verlag Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2018. 236 S., geb., 22,– Euro. Bild: Schöffling

Roman von Gert Loschütz : Was manifestiert sich da?

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In der Stille: „Ein schönes Paar“ von Gert Loschütz erzählt von einer deutschen Liebe.

          Gert Loschütz gehört zu den zurückhaltenden, stillen Schriftstellern unseres Landes. Er schreibt schon lange, wurde einst zur Gruppe 47 eingeladen; er schreibt vielfältig, Gedichte, Novellen, Hörspiele, Bühnenstücke und Romane. Und damit lässt er sich Zeit. Nach sieben Jahren Pause ist nun ein neuer Roman erschienen, mit dem verheißungsvollen Titel „Ein schönes Paar“. Nur, der Titel ist irreführend, denn dieses Paar lebt seit mehr als vierzig Jahren getrennt, ohne sich scheiden zu lassen. Sie beide, Herta und Georg, sterben kurz hintereinander, und der Sohn Philipp begibt sich anhand von Fotos, Besuchen in der alten Ost-Heimat, geleitet durch Erzählungen seines Vaters und durch Kinderträume auf die Spuren der merkwürdigen Liebesgeschichte seiner Eltern im Spannungsfeld zwischen Ost und West.

          1939 lernen die Eltern sich noch vor dem Krieg kennen, in einer Kleinstadt bei Potsdam, der „Ackerbürgerstadt“; 1942 heiraten sie; nach dem Krieg wird ihr Sohn Philipp geboren. Bei einem Westbesuch begeht Georg die Unvorsichtigkeit, Kontakt zu den „feindlichen“ Bonner Behörden aufzunehmen. Nun ist er im Visier der DDR-Staatssicherheit. Ein Jahr nach dem Ungarn-Aufstand flieht die Familie in den Westen, nach Tautenburg, die „Schieferstadt“ im Hessischen. In der DDR droht Georg eine Anklage wegen Hochverrats. Die Flucht und der Neuanfang sollen durch eine wertvolle Ost-Kamera finanziert werden, denn ihr Ostgeld ist im Westen nichts wert, aber das teure Stück ist im Westen wertlos, niemand will die Kamera kaufen, und damit beginnt das Unglück. Nach vielen Verwicklungen wird Georg von seinem Arbeitgeber mit einer Falschaussage angezeigt und kommt ins Gefängnis.

          Der Sohn spürt, dass mit seiner Mutter etwas nicht stimmt, er verfolgt sie abends und stellt fest, dass die Mutter es mit dem Unternehmer treibt. Warum, das bleibt rätselhaft, unklar, ob der Unternehmer sie erpresst oder ob sie umgekehrt durch sexuelle Willfährigkeit den Unternehmer bewegen will, die Anzeige zurückzuziehen. Der Knabe platzt in das geheime Rendezvous und deckt die Ungeheuerlichkeit auf. Ohne jede Aussprache, lautlos, verlässt Herta die Wohnung, sie bleibt zunächst am Ort in einem möblierten Zimmer, wo der Sohn sie noch besuchen kann. Es beginnt eine gespenstische Zeit: „Es war ein Totentanz . . . Dieses Festhalten, Loslassen, Heranziehen, Abstoßen war wie ein Totentanz, und der Weg zwischen Wohnung und Friedhof war die Bühne, auf der er ausgeführt wurde.“ Eines Tages verschwindet Herta aus dem Ort, keiner weiß wohin. In Abständen erhält der Sohn Postkarten von seiner Mutter, ohne Absender, nur mit der lapidaren Frage versehen: „Wie geht es Dir?“ Der Sohn zieht mehrfach um, woher die Mutter immer seine neue Adresse weiß, auch das bleibt ein Rätsel.

          Erzählt wird diese Lebensgeschichte durch einen auktorialen Erzähler und aus der Ich-Perspektive des Sohnes. Die Orte, Ost und West, verschränken sich ineinander, Vergangenheit und Gegenwart mischen sich fast unmerklich. Loschütz springt vor und zurück, parallelisiert Ereignisse. Schicht für Schicht entblättert der Sohn bei seiner Spurensuche Einzelheiten aus dem Leben der Eltern. Was Herta und Georg jedoch denken und fühlen, bleibt im Dunklen. Aussparungen sind ein Merkmal des Autors; Hohlräume, Leerstellen öffnen für die Phantasie des Lesers breiten Raum.

          Die Flucht aus dem Osten in den sicheren Westen hat der Familie kein Glück gebracht. Die Kamera, die eigentlich ihren Neuanfang sichern sollte, wird nun zum Verhängnis. Mal schreibt Gert Loschütz in kunstvollen Schachtelsätzen, dann genügt ihm ein Satz mit zwei Worten: „Dabei leise.“ Nichts ist laut in diesem Roman, der voller Geheimnisse steckt, die nicht aufgeklärt werden. Warum lebt diese Liebe zwischen den Eltern weiter? Sie sehen sich nicht, sie sprechen sich nicht, sie versuchen auch keine Kommunikation über den Sohn herzustellen.

          Schließlich kehrt die Mutter zurück in die „Schieferstadt“ Tautenburg, sie wohnen wieder am selben Ort, aber der örtliche Fluss Taute bleibt ihr Grenzfluss. Auch als Herta ins Pflegeheim muss. Beim Tod von Georg erscheint die Mutter, wie sie sagt, „zufällig“, auf dem Friedhof. Von Ferne beobachtet sie das Geschehen, gewandet in ein festliches rotes Kleid, das sie sich selbst genäht hat. Herta überlebt ihren Mann nicht lange, nach ihrem Tod intensiviert Philipp seine Nachforschungen. Er stellt fest, dass sein Vater das Pflegeheim seiner Frau Herta mit Geld bedacht hat, obwohl er jede Verbindung zu ihr vermied. Er erfährt aber noch etwas anderes, die Antwort auf die entscheidende Frage, wie sich die Liebe der beiden manifestiert hat.

          Diese Enthüllung gibt Loschütz erst am Ende seines Romans preis. Es ist ein Charakteristikum seiner Art des Erzählens, immer tiefer und tiefer in den Strudel einer Geschichte einzutauchen und mit subtilen, zarten Andeutungen das Leben der Eltern nachzuzeichnen. Die deutsche Nachkriegsgeschichte hat ihr Leben geprägt und in die Schieflage gebracht, das wird nicht wie in einem politischen Roman beschrieben, sondern ganz vorsichtig poetisch in Szene gesetzt. Ob Herta und Georg wirklich „ein schönes Paar“ sind, das mag jeder für sich entscheiden. Ob der Autor diesen Titel ironisch meint oder nicht, auch dies bleibt ungewiss. Jedenfalls erzählt hier einer, der die deutsche Teilung und den Anspruch auf Liebe und Glück atmosphärisch sehr anschaulich darzustellen versteht.

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