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Roman von Marion Poschmann : Jeder wird dieses Buch zweimal lesen

Oh Kieferninseln, oh ihr Kiefenninseln, oh Kieferinseln: Die Bucht von Matsushima, wie Katsushika Hokusai sie aus der Vogelsicht darstellte. Bild: Hokusai Museum of Art/Verlag

Deutsch-japanische Gesellschaft: Marion Poschmanns Roman „Die Kieferninseln“ führt zwei Verzweifelte hinreißend komisch zusammen – und die Autorin auf die Buchpreis-Shortlist.

          Drei von sechs Finalisten des diesjährigen deutschen Buchpreises stammen aus dem Suhrkamp Verlag, und der schmalste dieser Romane ist der schönste: Marion Poschmanns „Die Kieferninseln“. Wie die 1969 geborene Schriftstellerin, die vor allem für ihre Lyrik bekannt ist, aber immer wieder beachtliche Prosawerke einschiebt – schon „Die Sonnenposition“ stand vor vier Jahren auf der Shortlist zum Buchpreis –, hier zwei Männer durch Japan reisen lässt, das hat Qualitäten, die man in der deutschsprachigen Literatur in dieser Kombination nicht häufig findet: Weltläufigkeit, Virtuosität und vor allem Witz.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Ja, „Die Kieferninseln“ ist vor allem ein immens komisches Buch. Dabei könnte man sich die Grundkonstellation kaum trauriger vorstellen. Der eine Mann, ein deutscher Kulturwissenschaftler namens Gilbert Silvester (derzeitiges Spezial-, aber auch akademisches Notstandsgebiet: Bartforschung, „gesponsert von der nordrhein-westfälischen Filmindustrie sowie zu kleineren Teilen von einer feministischen Organisation in Düsseldorf und der jüdischen Gemeinde der Stadt Köln“), hat gerade die Flucht angetreten vor dem Verdacht, seine Frau betrüge ihn. Dafür gibt es zwar außer einem Traum kein Indiz, aber den im Leben bereits vielfach gescheiterten Herrn treibt es so weit weg, wie er es sich nur vorstellen kann: mit dem nächsten Flieger nach Japan („alles in allem bartlose Personen“). Dort trifft er im spätsommerlichen Tokio zufällig den Studenten Yosa Tamagotchi, der sich gerade aus Prüfungsangst umbringen will. Der dünne Ziegenbart des jungen Mannes lässt ihn dem Deutschen sympathisch erscheinen, jenem macht die unverhoffte Begegnung jedoch einen Strich durch die suizidale Rechnung, weil Silvester die neue Aufgabe seines Lebens nun darin sieht, das von Tamagotchi zu erhalten.

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          Gemeinsam brechen beide zu einer Pilgerreise auf Leben und Tod auf, mit zwei Büchern als Leitfäden im Gepäck: „Das vollständige Selbstmordhandbuch“ mit Empfehlungen attraktiver Suizidplätze und Bashos berühmtes, vor mehr als dreihundert Jahren entstandenes Reisebuch „Auf schmalen Pfaden ins Hinterland“. Getrennt lesen, vereint reisen: Beider Interessen treffen sich in der Bucht von Matsushima. Sie gilt wegen ihrer kiefernbestandenen kleinen Inseln (matsushima bedeutet Kieferninsel) traditionell als einer der drei schönsten Orte in Japan – eine Sage will wissen, dass Basho dort vor lauter Begeisterung nur ein Lobgestammel als Haiku einfiel: „Matsushima ya, Aha Matsushima ya, Matsushima ya“ –, und was wäre für Tamagotchi passender, als sich dort zu entleiben statt auf einer profanen Bahnlinie in der Metropole? „Diese Klippe, mit Kiefern bestanden, war von zernagender Schönheit, und man musste den richtigen Moment erwischen, in dem die Sonne in einem genau festgelegten Winkel auf den Felsen fiel.“ Dann fällt man selbst. So akkurat, wie Tamagotchi die Voraussetzungen für einen gelungenen Freitod analysiert, hat Silvester sich noch nicht einmal mit Bärten befasst. Kein Wunder, dass er erst spät bemerkt, dass Yamagotchi eine Bartattrappe trägt.

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