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Roman von Marion Poschmann : Jeder wird dieses Buch zweimal lesen

Marion Poschmann: „Die Kieferninseln“. Roman.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2017.
167 S., geb., 20,– €

Trotzdem fühlt sich der Deutsche dem Japaner überlegen, auch bei der Wahl potentieller Sterbeorte: „Es sei hier zu laut, teilte er Yosa diktatorisch mit. Man höre den Straßenlärm, die reinste Zumutung. Das Licht sei außerdem stechend, er habe etwas Gedämpftes erwartet, eine triste Umgebung aus reinem Grau, das alles aufzuschlucken in der Lage sei, so weich, dass man sich selbst kaum noch empfinde. Dieser Ort hingegen sei voller unangenehmer Reize. Er rieche nicht gut, ob Yosa das nicht aufgefallen sei. Toilettensteine, Glasreiniger, Geschirrspülmittel. Künstliche Duftstoffe, dazu in viel zu starker Konzentration, selbst ihm, der in dieser Kultur nicht aufgewachsen sei, erscheine das unjapanisch, einfach nicht dezent genug.“ Um die Dezenz von Gilbert Silvester ist es erkennbar nicht gut bestellt. Wörtliche Dialoge zwischen den beiden Männern gibt es kaum im Buch, das meiste erfolgt wie bei der eben zitierten Litanei des Deutschen in indirekter Rede.

Zur eigenen Kultur geworden

Marion Poschmann hat eine wunderbare Sprache für „Die Kieferninseln“ gefunden, lakonisch und transparent wie ein japanisches Lackkunstwerk, das durch das wiederholte Auftragen und Polieren immer neuer Schichten erst Tiefenwirkung erhält. Die deutsche Schriftstellerin verbrachte 2014 drei Monate in Kyoto und machte dort die typische Erfahrung von Besuchern, die japanische Kunst und Kultur schätzen, aber Sprache und Lebenswirklichkeit noch nicht kennen, dass man sich trotzdem sofort wie zu Hause fühlt. Ihrem Silvester, aus dessen innerer Sicht das ganze Geschehen betrachtet wird, geht es zunächst jedoch anders. Die Fremdheitserfahrung überwiegt, das Land und dessen ästhetische Erfahrungen sträuben sich vor ihm. Als Silvester jedoch mit Tamagotchi in der aberwitzigsten Szene des Romans den Selbstmordwald von Aokigahara (den es wirklich gibt) durchwandert und dort von den Umweltschützern hört, die einmal im Jahr das Gehölz von den Knochen der Suizidenten reinigen, da entsteht aus Mythos, Naturschönheit und Schrecken auch im Geist des Deutschen das spezifisch japanische Amalgam. Immer mehr leitet uneingestandenes Verständnis seine Handlungen und Worte, Gilbert Silvester wird japanophil.

Das heilt ihn, denn die Ruhe seiner Reise, die nur wenige Tage umfasst, lässt ihn nicht nur zu sich selbst, sondern auch wieder zu seiner Ehe finden. Briefe an die in Deutschland zurückgelassene, fassungslose Gattin durchziehen das Buch, und aus der Erinnerung an eine frühere gemeinsame (gescheiterte) Reise zur Herbstfärbung der Bäume in Nordamerika wird die Vision einer möglichen Wiederholung dieses Versuchs im frühherbstlichen Japan. „Gilbert hatte sich in den vergangenen Tagen daran gewöhnt, dass man einen Ausflug unternahm, um Bäume zu bewundern, eine vollkommen nutzlose Sitte, die aber in der japanischen Kultur tief verwurzelt blieb.“ Sie ist nun auch zu seiner Kultur geworden. Zum Schluss hin entschwebt nicht nur Yosa Tamagotchi wie eine Traumvision am hellen Tag, sondern auch Gilbert Silvester entdeckt eine neue Leichtigkeit. Aber auch sie ist im Kontext dieses verzauberten und bezaubernden Romans zunächst noch nicht mehr als ein Traum, und mit ihm und in ihm entlässt uns Marion Poschmann aus der Handlung.

Danach liest man das Buch sofort noch einmal – und mit Gewinn. Denn nun zeigen sich unter der Oberfläche der schieren Schönheit und Skurrilität das exakte Kompositionsprinzip und die Genauigkeit der Recherche. Jeder wird dieses Buch zweimal lesen. Sonst hat man kein Herz. Und keinen Humor.

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