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Nachlass von Siegfried Lenz : Das grausam-lächerliche Abenteuer

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Historischer Rahmen für Siegfried Lenz: Im Sommer 1944 brach die Heeresgruppe Mitte an der Ostfront unter dem Ansturm der Roten Armee zusammen. Bild: SZ Photo

Erinnerungen, schwer wie Zuckersäcke: Im meisterlichen Roman „Der Überläufer“ schildert Siegfried Lenz den Krieg an der Ostfront. Erst jetzt erscheint das 1952 geschriebene Buch aus dem Nachlass.

          Der Lektor hat immer recht, schrieb augenzwinkernd einmal Stephen King, wohl wissend, dass ein erfolgreicher Autor die Kritik seines ersten Lesers nicht nur souverän ertragen, sondern auch schadlos abweisen kann. Zu Beginn einer literarischen Karriere aber ist das Verhältnis zwischen Autor und Lektor heikel. Dem Ideal zufolge stellt der Lektor seine Fähigkeiten selbstlos in den Dienst der Absicht des Autors, in Wahrheit hat er mit dem Verlagsvertrag im Rücken genügend Macht, bewusst oder unbewusst eigene ästhetische oder gar weltanschauliche Vorstellungen zur Geltung zu bringen. Nicht selten führt das zu Konflikten, manchmal zum Desaster.

          So im Fall des jungen Siegfried Lenz. Nach der positiven Resonanz auf seinen Erstling „Es waren Habichte in der Luft“ hatte Lenz 1951 bei Hoffmann und Campe einen Vertrag über einen weiteren Roman unterzeichnet, der zunächst den Titel „Da gibt’s ein Wiedersehen“ trug. Bereits im November wurde das Buch in einer Sammelbesprechung von Texten über den Ostkrieg von Paul Hühnerfeld lobend erwähnt. Als Lektor wurde Lenz der promovierte Germanist Otto Görner zugewiesen. Auch der zeigte sich zunächst beeindruckt von der Geschichte, die „den Leser im Genick packt“. Nach einem Gespräch im Verlag übersandte er Änderungsvorschläge, „das Technische und Handwerkliche“ betreffend. Lenz ging sogleich an die Überarbeitung und legte das Manuskript im Januar 1952 abermals vor, nun mit dem Titel „Der Überläufer“.

          Eine ziemlich dubiose Figur

          In einem Gutachten für den Verlag, dessen Inhalt Görner dem Schriftsteller in Briefform mitteilte, änderte der Lektor seine Bewertung grundlegend. In einem unangenehm autoritären Ton und gespickt mit Vorwürfen stellte er das Erscheinen des Romans in der vorliegenden Form grundsätzlich in Frage. Ein Roman mit diesem Titel „hätte 1946 erscheinen können. Heute will es bekanntlich keiner mehr gewesen sein . . . Sie können sich maßlos schaden, da helfen Ihnen auch Ihre guten Beziehungen zu Presse und Funk nicht.“ Entsprechend forderte er substantielle Änderungen beim Stoff und bei der Figurenkonstellation, die auf eine Entschärfung der Überläufer-Problematik hinausliefen. Schließlich wird dem jungen Autor in einer merkwürdig linkischen Formulierung gar gedroht: „Erwägen Sie nicht etwa eine wütende Geste zu machen und ein neues Buch schreiben zu wollen.“

          Der Verlag wusste vermutlich damals und weiß es offenbar bis heute nicht, dass Otto Görner eine ziemlich dubiose Figur war. Er hatte in Leipzig bei dem Nazi-Volkskundler André Jolles studiert, seine akademische Karriere war aber an der Habilitation gescheitert. Görner trat der SS bei und diente dem Regime unter anderem im Heimatwerk. Nach dem Krieg setzte er sich in den Westen ab und schlug sich mit freier Tätigkeit für Verlage durch.

          die Landschaft als Projektionsraum des Menschlichen

          Der Antwortbrief zeigt den jungen Siegfried Lenz schon als den feinen Menschen, als der er zeitlebens wahrgenommen wurde. Er bedankt sich für die Bemühungen, weist aber die Unterstellungen Görners wie auch dessen Vorschläge zur Umarbeitung in sachlichem Ton entschieden zurück. An der Figur seines Helden habe er bereits zu viel geändert. Jedoch bezeichnet er den Text dann selbst als missglückt und schließt: „Vielleicht werde ich Ihnen in zwei oder drei Jahren ein neues Manuskript zeigen dürfen, ein Manuskript, das besser und ein wenig reifer ist.“ Das geschah nicht, jedoch hat Lenz den Text der überarbeiteten Fassung zeitlebens aufbewahrt. Er fand sich in den Materialien, die der Schriftsteller kurz vor seinem Tod 2014 dem Literaturarchiv in Marbach übergeben hatte.

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