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: Der perfekte Roman

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Es gibt Romane, die auf merkwürdige Weise zu gut funktionieren, die so perfekt sind wie das perfekte Verbrechen. Sie haben keine Schlupflöcher oder Unregelmäßigkeiten. Sie sind makellos durchkonstruiert. Ihre Rechnungen gehen auf. Was sollte man ihnen also vorwerfen?Harald Martenstein, Kolumnist in der "Zeit" und im "Tagesspiegel", hat so einen Roman geschrieben.

          Es gibt Romane, die auf merkwürdige Weise zu gut funktionieren, die so perfekt sind wie das perfekte Verbrechen. Sie haben keine Schlupflöcher oder Unregelmäßigkeiten. Sie sind makellos durchkonstruiert. Ihre Rechnungen gehen auf. Was sollte man ihnen also vorwerfen?

          Harald Martenstein, Kolumnist in der "Zeit" und im "Tagesspiegel", hat so einen Roman geschrieben. "Heimweg" heißt er, es ist Martensteins Literaturdebüt, und - um das gleich vorweg zu sagen, den Verdacht also gar nicht erst aufkommen zu lassen - es ist kein sogenannter Journalistenroman, keine Verlängerung der Kolumne ins Reich der Fiktion, in der der Autor dem Ich-Erzähler so sehr zum Verwechseln ähnlich wäre, dass man den Aufdruck "Roman" auf dem Buchcover für einen Irrtum hielte oder für einen bloßen Verkaufsgag. Hier spricht nicht Martenstein, sondern ein schwer zu verortendes Ich, dessen Konturen absichtsvoll im Unklaren gelassen werden; ein nebulöses Gespinst, das sich erzählend selbst reflektiert: "Ich bin nur ein Kind, obwohl ich schon lange auf der Welt bin. Es ist das erste Mal, dass ich eine Geschichte aufschreibe. Ich habe keine Erfahrung mit so etwas", sagt dieses Ich, um das Geschichtenerzählen dann schon mal vorsichtshalber als einzigen Betrug zu brandmarken: "Ich meine - man kennt als Erzähler das Ende, tut aber so, als ob man es nicht kennt. Man könnte alles ganz schnell erzählen und sich viel Zeit sparen, aber nein, man erzählt es ganz langsam."

          Das ist selbstironisch und in der distanzierten Zurückgenommenheit sicher auch witzig, wie überhaupt Harald Martenstein viel Humor hat beim Erzählen, vor allem wenn er Menschen beschreibt, die er entlarvt, ohne sie je zu denunzieren. Das ist seine Stärke. Dass ein Erzähler, wenn er mit dem Erzählen beginnt, allerdings immer schon das Ende kennt; dass er nichts anderes betreibt als eine Art Zeitverzögerung, indem er den Leser im Dunkeln tappen lässt oder ihn unterhaltsam austrickst, ist natürlich eine hehre Behauptung. Romane leben gar nicht unbedingt vom Triumph der Schlusspointe. Oft sind sie groß, gerade weil ihre Erzähler sich im eigenen Geflecht verirren, weil sie selbst sich im Dunkeln vortasten und wider Willen dort auch bleiben. Tasten ist ja das Allerbeste. Bei Martenstein dagegen läuft alles auf eine Pointe am Schluss hinaus, so wie man es von Krimis kennt oder von Witzen. "Heimweg" ist aber kein Krimi, und es ist auch kein Witz.

          Es beginnt mit einer Schusswunde. Josef, der Großvater des Erzählers, kommt aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück nach Hause. Er ist topfit verglichen mit dem, was sonst noch aus dem Zug steigt. Überleben, das ist die überragende Leistung, die er vollbracht hat, er hat sich qualifiziert beim härtesten Spiel der Welt. Denn genauso hat er den Krieg die ganze Zeit gesehen: als seine einzige realistische Aufstiegschance, als Möglichkeit, etwas für seinen sozialen Status zu tun. Er war Bahnbeamter vor dem Krieg, Offizier wollte er werden, seiner Frau zuliebe, der Schönheitstänzerin. Ein Offizier und eine Schönheitstänzerin, diese Vorstellung gefiel ihm.

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