Home
http://www.faz.net/-gr4-ua60
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Der perfekte Roman

 ·  Zum Teufel mit der Zivilisation: David Mitchells Pazifik-Phantasie

Artikel Lesermeinungen (0)

Im November des Jahres 1849 schifft sich Adam Ewing in Sidney auf einem Dreimaster ein, der ihn zurück nach San Francisco bringen soll. Nachdem er mit eigenen Augen gesehen hat, wie der "weiße Mann" in den Kolonien das "Evangelium der Peitsche" verbreitet, vertraut der amerikanische Notar seinem "Pacifiktagebuch" nun seine Zweifel an den Segnungen der "Civilisation" an. Als er einen Maori entdeckt, der sich als blinder Passagier an Bord geschlichen hat, bekommt er Gelegenheit, seine Menschlichkeit auch praktisch unter Beweis zu stellen. Bevor wir allerdings mehr über die zarte Freundschaft zwischen dem "Wilden" und dem amerikanischen Liberalen erfahren, brechen die Aufzeichnungen mitten im Satz ab. Ohne Punkt. Ohne Komma.

Dieser kleine Kunstgriff am Anfang von David Mitchells Roman "Der Wolkenatlas" zeigte bereits vor der Veröffentlichung der englischen Originalausgabe Wirkung. Als einer der Programmdirektoren bei Random House die Fahnen zu Gesicht bekam, soll er sie an dieser Stelle zur Seite gelegt haben, weil er glaubte, eine unvollständige Kopie in den Händen zu halten. Und tatsächlich erschließt sich die literarische Absicht hinter dem vermeintlichen Fehler erst im nächsten Abschnitt. Auf den Reisebericht folgt eine Reihe von Briefen, in denen ein angehender Komponist namens Robert Frobisher im Jahre 1931 über seine Arbeit als Privatsekretär in Belgien berichtet - und das "verstümmelte" Tagebuch eines Reisenden aus dem neunzehnten Jahrhundert erwähnt, das er im Haus seines Arbeitgebers entdeckt hat. "Ich möchte, dass Du eine vollständige Ausgabe für mich ausfindig machst", schreibt er einem Freund, und dieser Brief taucht gut vierzig Jahre später in einem kalifornischen Hotelzimmer zwischen den Seiten einer Gideonbibel wieder auf.

Nach diesem Muster reiht David Mitchell, der sich bereits in seinen ersten beiden Romanen "Ghostwritten" (englisch 1999) und "Chaos" (deutsch 2004) extrem experimentierfreudig gezeigt hatte, insgesamt sechs Erzählungen aneinander. An das Tagebuch und den Briefroman schließt sich ein packender Siebziger-Jahre-Thriller mit rasanten Verfolgungsjagden an - der "zu Beginn des 21. Jahrhunderts" in Form eines Manuskripts auf dem Schreibtisch eines abgehalfterten Londoner Verlegers landet. Anschließend finden wir uns in einem bedrückenden Science-Fiction-Szenario wieder, in dem eine "Konzernokratie" über ein Heer von geklonten Sklaven herrscht, und in der letzten Episode erfahren wir in einer degenerierten Sprache vom schrecklichen Ende dieser "brave new world", in der "die Alten den Himmel aufrissen un (sic!) die Meere überlaufen ließen, die Erde mit irren Atoms vergifteten un mit faulen Samen rummurksten".

Kultur und Barbarei sind in diesem Roman nur durch einen schmalen Grat voneinander getrennt. Mit dem Wort Gottes haben die Missionare auch die Pocken in die Tropen getragen, ein belgischer Soldatenfriedhof illustriert die Erkenntnis, dass die "Krankheit Krieg nie geheilt werden wird", und von der zynischen Bemerkung eines kalifornischen Unternehmers über den "Aus-Knopf", der sich "in jedem Gewissen versteckt", ist es nur noch ein Katzensprung zum totalitären Konsumstaat und der gestammelten Erkenntnis, "dass der Hunger von den Menschen die Zivlesion nich bloß geborn sondern sie auch getötet hat".

Kein Wunder, dass ausgerechnet Edward Gibbons "Verfall und Untergang des Römischen Reiches" mehrmals Erwähnung findet, unter anderem "als ständige Toilettenlektüre" besagten Londoner Verlegers. Von ihm, einem ausgewiesenen Experten im Zuschussgeschäft, werden wir auch darüber belehrt, dass solche heutzutage nicht gerade originellen Betrachtungen einem Werk keinen Abbruch tun. "Zwischen Aristophanes und Andrew Android-Webber" habe es schließlich "alles schon hunderttausendmal gegeben", stellt er achselzuckend fest, als er einen Blick auf das Romanmanuskript wirft, in dem er später selbst eine nicht unwichtige Rolle spielen wird. In der Literatur gehe es nicht um das "Was", sondern um das "Wie".

In dieser Hinsicht ist "Der Wolkenatlas" wohl wirklich bemerkenswert. Die einzelnen Episoden sind nicht nur über die Buch-im-Buch-Konstruktion miteinander verbunden, sondern brechen wie das "Pacifiktagebuch" alle mit einem Cliffhanger ab, um später souverän der Reihe nach zu Ende geführt zu werden. Die Zwischenräume dieser raffinierten Romanarchitektur hat David Mitchell darüber hinaus mit literarischen Anspielungen gefüllt. Robert Frobishers mütterliche Geliebte trägt den Namen Jokaste, die Heldin des kalifornischen Krimis heißt Luisa Rey und erinnert an Thornton Wilders ebenfalls in Episoden gestalteten Roman "Die Brücke von San Luis Rey", und wenn die "reinblütigen" Schergen der "Konzernokratie" eine "Duplikantin" in einem Verhör fragen, ob sie und ihre geklonten Schwestern "genauso träumen wie wir", ist das ein mehr als offensichtlicher Verweis auf Philip K. Dicks berühmte Erzählung "Do Androids Dream of Electric Sheep?"

Gegen so ein übertrieben filigranes Gewebe aus Zitaten und intertextuellen Querverweisen ließe sich eine Menge Einwände vorbringen; aber David Mitchell war so freundlich, auch die Kritik bereits zum Teil seines "künstlichen Puzzles" zu machen. "Rückblenden, vorausgreifende Andeutungen und raffinierte Kunstgriffe" seien abzulehnen; sie gehören "wie Examensarbeiten über die Postmoderne und Chaostheorie in die achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts". Angesichts derart entwaffnender Ironie und charmanter Selbstbezüglichkeit bleibt eigentlich nur noch die wortlose Kapitulation. Dieser durch und durch perfekte Roman braucht keinen Rezensenten. Vielleicht braucht er nicht einmal einen Leser.

KOLJA MENSING

David Mitchell: "Der Wolkenatlas". Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Volker Oldenburg. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2006. 667 S., geb., 24,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.03.2007, Nr. 51 / Seite 36
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren (0) Merken Drucken
Weitere Empfehlungen
Colm Tóibín im Gespräch Marias Erfahrung, in all ihrer traumatischen Rohheit

Der irische Schriftsteller Colm Tóibín erzählt in seinem jüngsten Buch „Marias Testament“ die Passionsgeschichte aus der Sicht der Mutter Jesu. Eine Provokation? Oder eine Revolution? Mehr

18.04.2014, 11:58 Uhr | Feuilleton
Philippinen Männer lassen sich an Karfreitag kreuzigen

Zum Todestag Jesu treiben jedes Jahr Katholiken auf den Philippinen ihre Selbstgeißelung auf die Spitze. Sie lassen sich kreuzigen. Mehr

18.04.2014, 09:53 Uhr | Politik
Michael Chabons Roman „Telegraph Avenue“ Was von Brokeland übrig bleibt

Eine solche Verbindung von Musik- und Sozialgeschichte hat es noch nicht gegeben: Michael Chabon hat einen grotesk komischen, dabei wirklichkeitssatten Amerika-Roman geschrieben. Mehr

04.04.2014, 16:47 Uhr | Feuilleton

01.03.2007, 12:00 Uhr

Weitersagen