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: Der neue Mann aus Apulien

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Man fragt sich immer, ob es in Italien eigentlich etwas anderes gibt als "Anti-Mafia-Staatsanwälte". Aber das Etikett ist eben auch ein Marketinginstrument, zumal wenn man eine Laufbahn als Schriftsteller einschlägt, wie es der 1961 in Bari geborene und auch heute dort lebende Gianrico Carofiglio erfolgreich getan hat.

          Man fragt sich immer, ob es in Italien eigentlich etwas anderes gibt als "Anti-Mafia-Staatsanwälte". Aber das Etikett ist eben auch ein Marketinginstrument, zumal wenn man eine Laufbahn als Schriftsteller einschlägt, wie es der 1961 in Bari geborene und auch heute dort lebende Gianrico Carofiglio erfolgreich getan hat. Drei Romane um den Rechtsanwalt Guido Guerrieri sind seit 2002 in Italien erschienen, fünf Literaturpreise, zwei Verfilmungen und etliche hunderttausend verkaufte Exemplare später kommt der Autor von heute an auch auf den deutschen Markt. Goldmann liefert zunächst "In freiem Fall" als Hardcover, im April folgt Carofiglios Debüt "Reise in die Nacht" ebendort als Taschenbuch.

          Madonna, was hat die Leon da losgetreten? Eine Schwemme von Italien-Krimis, die oft in Buchform nur nachholen, was dereinst Vico Torriani audiophon schon bewältigte - das gesungene Kochrezept. Carofiglio ist auch nicht mehr der erste Jurist, der ins Krimifach wechselt, aber immerhin hat er so viel Spieltrieb, dass er als Autor die Verteidigung übernimmt. Sein leichtfüßig daherkommender Enddreißiger hat die Ehefrau eingebüßt, vergräbt sich in seinen Fällen, ohne darüber den Genuss zu vergessen. Er führt ein kultiviertes Dasein mit Lyrik, Musik aller Art, gutem Wein und dito Essen. Das Lebensweltliche - Rezepte, Musik- und Buchtipps - spielt eine wichtige Rolle, aber es gewinnt zum Glück nicht die Oberhand.

          Denn die aktuelle Mandantin fordert den ganzen Advokaten: Martina Fumai klagt gegen ihren früheren Lebensgefährten, der sie mit allen Schikanen physischen und psychischen Terrors verfolgt. Da er der Sohn eines hohen Richters ist, will es sich in der überschaubaren Justizwelt der apulischen Hafenstadt niemand mit seinem Vater verderben. Nur Guerrieri traut sich, weil er sich in seiner angenehmen Eitelkeit ohnehin einiges zutraut und weil die Fumai mit einer rätselhaften Begleiterin aufläuft - einer Ordensfrau, die Jeans und Lederjacke trägt und chinesisches Boxen unterrichtet. Der Kasus endet blutig; der Hinweis Spätfolgen von Kindesmissbrauch muss hier genügen.

          Carofiglios eigentliche Stärke ist das Gerichtssaaldrama; in dessen Regelwerk der Finten und Scharaden kennt er sich aus; hier gelingen ihm Dialoge, deren Raffinesse man leicht unterschätzt, weil sie so realistisch daherkommen. Seine miniaturisierten Psychodramen, die sich in Blickwechseln, in den Details der Sitzordnung oder in der Interpretation der Verfahrensregeln manifestieren, überzeugen.

          Und beiläufig gelingen dem Autor auch Nebenfiguren wie die Staatsanwältin Alessandra Mantovani. Eine Venezianerin, die der Liebe wegen nach Bari zog und dann sitzengelassen wurde, kämpft sich als tapferes mittelaltes Mädchen durch eine Karriere, um die andere sie beneiden. Der Schatten der Melancholie fällt auf solche Szenen, wenn Alessandra Guido, den sie auch persönlich schätzt, ohne sich den Luxus weiterer Annäherung zu gestatten, gesteht, dass sie sich nach Palermo versetzen lässt. "Ich fühlte mich wie einer, der zuschaut, wie das Leben verrinnt ... Sie hatte kleine rote Flecken im Gesicht; und Falten, die mir bis dahin nie aufgefallen waren."

          HANNES HINTERMEIER

          Gianrico Carofiglio: "Reise in die Nacht". Roman. Aus dem Italienischen übersetzt von Claudia Schmitt. Goldmann Verlag, München 2007. 223 S., geb., 17,95 [Euro].

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