15.07.2007 · Zu seinem zwanzigsten Todestag erscheint "Die Tournee", der letzte, unvollendete Roman von Jörg Fauser
Morgen wird er wieder einmal gefeiert. In Berlin kommen die Freunde und Verehrer des Schriftstellers Jörg Fauser in der Joseph-Roth-Diele zusammen, um gemeinsam festlich seinen Geburtstag zu begehen. 63 Jahre würde Jörg Fauser da werden, wenn die Nacht seiner Geburtstagsfeier vor zwanzig Jahren nicht so schrecklich geendet hätte. Sie hatten im Biergarten des "Hofbräuhauses" gefeiert, Fauser und seine Freunde, waren ins "Schumanns" weitergezogen, hatten getrunken und getrunken. Fausers Frau war schon längst nach Hause gegangen. Irgendwann verließ er die Bar, ging alleine durch die Nacht und - ja und hier beginnt der Mythos, das Rätsel, der Schrecken - "geriet", heißt es an dieser Stelle immer, er "geriet" spaziergehend auf die Autobahn A94 und wurde auf der Höhe der Auffahrt Feldkirchen von einem Lkw erfasst und getötet. Wie er da hingeraten ist, warum, wie einem erfahrenen Großtrinker wie Fauser im Rausch ein so schreckliches Versehen passieren konnte, ob es ein geheimer Todestrieb war, der ihn dorthin führte, ein entschlossener Selbstmord oder einfach Zufall - niemals wird man es erfahren.
Der Mythos lebt, und manchmal droht der Mythos das Werk zu überlagern. Fauser, Cowboy, Kämpfer, Junkie, Trinker, einsamer Tod auf der Autobahn - alles klar. Nichts ist klar. Die Bücher soll man lesen, und wie der Verleger Alexander Wewerka sich in seinem Alexander-Verlag dieses Werkes, des Fauser-Werkes, angenommen hat und seit Jahren Buch um Buch in schöner Ausstattung, schwarz gebunden, mit bunten Bauchbinden, herausbringt, den "Schneemann", die Brando-Biographie, "Rohstoff" und all die anderen Fausers, das ist ganz herrlich und Grund genug, am Fauser-Geburtstag auch mal seinem Verleger herzlich zu gratulieren.
Ja und diese schöne Fauser-Ausgabe wird in diesen Wochen abgeschlossen mit zwei ganz besonderen Bänden. Einmal mit seinen gesammelten Essays und Reportagen, dem ganzen Fauser-Kosmos auf 900 Seiten, in dem man den Weltreisenden, den großen Literaturauskenner und Literatureuphoriker wiederfinden kann. Den großen Verehrer und In-Spuren-Geher, dessen Essays über Hemingway, Fallada und vor allem seinen Lebensschriftsteller Joseph Roth zum Schönsten und Liebevollsten gehören, was über Literatur zu seiner Zeit geschrieben wurde. "Und lese Roths Bücher, wer vergessen hat, dass nur wer menschlich handelt, auch menschlich schreibt."
Ganz am Ende des Bandes steht eine Reportage, wie Jörg Fauser Joschka Fischer, mit dem er aus alten Frankfurter Tagen befreundet war, nach dessen Dienstantritt als hessischer Umweltminister im Minister-Auto durchs Land fuhr. Am Anfang des großen, grünen Aufstiegs, als alles möglich schien und nichts wahrscheinlich und Fischer sich, neben Fauser auf dem Rücksitz seiner ersten Dienstlimousine sitzend, die bange Frage stellte: "Kannst du das überhaupt?", während er in den Vortragssälen aber die Menschen in eine Begeisterung hineinredete. Und Fauser, so in der Stille, zwischen zwei Auftritten: "Zeit, um hinauszustarren in die Nacht. An andere zu denken, die aufbrachen, um diese Republik zu ändern. Freilich - von einer sanften Republik war damals nicht die Rede. Vielleicht sind auch deshalb so viele von ihnen tot oder als Psychowracks versackt oder isoliert am Ende des Weltalls."
Das ist das Personal der Fauser-Welt. Die Wracks hat er in die Literatur hineingeholt, all die abgestürzten Träumer herausgezogen aus dem Dreck in seine Bücher hinein. Wie auch in dieser Fauser-Überraschung: seinem letzten Roman "Die Tournee", den er nicht mehr vollenden konnte und der jetzt, mit Marbacher Literaturarchiv-Akribie, von Jan Bürger und Rainer Weiss aus dem Nachlass herausgegeben wird: Verlorene Menschen auf Tournee durch die Welt. Ist das schön, denkt man beim Lesen, und wieder gibt es Sätze, die man singen möchte oder trommeln, und in manchen Frankfurt-Beschreibungen leuchten die ganzen achtziger Jahre auf einer knappen halben Seite auf. Leider bricht es in der Mitte ab. Am Ende haben wir nur Entwürfe. Aber wie dieser letzte Fauser hier mit höchster Marbacher Genauigkeit zum ersten Mal philologisch ernst genommen wird, was da an Romankonstruktionsplänen am Ende angehängt und erläutert wird, ist wahnsinnig interessant. Das ist jetzt also der Marbach-Fauser. Aus dem Cowboy-Mythos in die Marbach-Schachtel. Aber das ist keine Einsargung, das ist eine Erneuerung und Erweiterung. Der ernste, große Fauser, ernst genommen und groß gemacht. Wurde auch Zeit.
VOLKER WEIDERMANN
Alle Fauser-Bücher sind im Alexander-Verlag erschienen.