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: Der letzte Mensch auf Erden

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Eines Morgens erwachte Jonas, und ihm gehörte die ganze Welt. Zu diesem Zeitpunkt wußte er das noch nicht, doch als er dann diesen Umstand in seiner ganzen Tragweite begriff, freute es ihn gar nicht mehr. Alles menschliche und tierische Leben war dahin, vergangen in einer Nacht.Jonas ist der einzige Überlebende, doch was oder gar warum er überlebt hat, bleibt auch ihm unklar.

          Eines Morgens erwachte Jonas, und ihm gehörte die ganze Welt. Zu diesem Zeitpunkt wußte er das noch nicht, doch als er dann diesen Umstand in seiner ganzen Tragweite begriff, freute es ihn gar nicht mehr. Alles menschliche und tierische Leben war dahin, vergangen in einer Nacht.

          Jonas ist der einzige Überlebende, doch was oder gar warum er überlebt hat, bleibt auch ihm unklar. Er hat nichts Besonderes an sich, lebt in Wien, einer durchschnittlichen Großstadt, in einem durchschnittlichen Wohnhaus, in einem durchschnittlichen Bezirk (Brigittenau), mag durchschnittliche Musik, ernährt sich durchschnittlich (eher ungesund), genießt unterdurchschnittliche Lektüre. "Er hatte als Kind dagelegen und sich gewünscht, eine Comic-Figur zu sein. Nicht Jonas wollte er sein mit dem Leben, das er hatte, mit dem Körper, in dem er steckte. Sondern Jonas, der zugleich Fred Clever oder Jeff Smart war oder beide oder jedenfalls als Freund mit ihnen in ihrer Wirklichkeit. Mit den Regeln und Naturgesetzen, die in ihrer Welt herrschten . . . Sie hatten viel Spaß. Es mußte lustig sein, sie zu sein. Und sie starben nicht." Keiner seiner durchschnittlichen Nachbarn ist mehr da, nicht einmal irgendwelche leblosen Körper. Das ist nicht ganz richtig, denn später will er es genau wissen und gräbt am Wiener Zentralfriedhof. Zu seiner Beruhigung sind wenigstens die alten Toten noch vorhanden.

          Dieses Szenario liefert den Ausgangspunkt für "Die Arbeit der Nacht". Endzeitvisionen wurden schon öfter gesponnen, für das Wien des beginnenden XXI. Jahrhunderts darf Glavinics Erzählung allerdings Premierenstatus beanspruchen. In diesem seinem fünften Roman (nach dem ersten Erfolg "Carl Haffners Liebe zum Unentschieden", 1998) lotet er nun aus, was es heißt, wirklich allein zu sein. Die Unaufgeregtheit seiner Sprache mißt er der lakonischen Handlung an, die Geschichte plätschert angenehm daher.

          In den ersten Tagen seines unfreiwilligen Eremitendaseins nimmt Jonas noch alles wie einen schlechten Scherz hin, sucht Wohnungen und Arbeitsstätten von Verwandten und Bekannten auf, versucht ebenso erfolglos über Telefon und Internet Kontakt aufzunehmen. Dann beginnt er Dinge zu borgen. Immerhin plagt ihn noch das schlechte Gewissen, doch schiebt er dieses Gefühl beiseite. Wenn niemand mehr da ist, kann man dann von Diebstahl sprechen? Er nimmt sich ein schnelles Auto (und sicherheitshalber eine Pumpgun), fährt über die Grenze nach Bayern, hinterläßt auf dem Weg überall Botschaften (etwa mit Kreide auf Wirtshausschildern: "6. Juli. Jonas"). Doch auch hier findet er niemanden und kehrt nach Wien zurück.

          Seine Freundin Maria war am Tag vor dem bösen Erwachen zu ihrer Schwester nach England gefahren, so werden die Britischen Inseln für einen kurzen Moment zu einem Hoffnungsschimmer, doch auch dieser verglimmt. Wladimir hatte wenigstens seinen Estragon zur Unterhaltung, als sie auf Godot warteten, Jonas jedoch wird selbst die Stimme seiner Freundin verweigert, als er sie anruft - die Mailbox springt nicht an.

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