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Sonntag, 12. Februar 2012
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Der letzte Mensch auf Erden

04.10.2006 ·  Kein Anschluß: Thomas Glavinic erkundet die absolute Einsamkeit / Von Martin Lhotzky

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Eines Morgens erwachte Jonas, und ihm gehörte die ganze Welt. Zu diesem Zeitpunkt wußte er das noch nicht, doch als er dann diesen Umstand in seiner ganzen Tragweite begriff, freute es ihn gar nicht mehr. Alles menschliche und tierische Leben war dahin, vergangen in einer Nacht.

Jonas ist der einzige Überlebende, doch was oder gar warum er überlebt hat, bleibt auch ihm unklar. Er hat nichts Besonderes an sich, lebt in Wien, einer durchschnittlichen Großstadt, in einem durchschnittlichen Wohnhaus, in einem durchschnittlichen Bezirk (Brigittenau), mag durchschnittliche Musik, ernährt sich durchschnittlich (eher ungesund), genießt unterdurchschnittliche Lektüre. "Er hatte als Kind dagelegen und sich gewünscht, eine Comic-Figur zu sein. Nicht Jonas wollte er sein mit dem Leben, das er hatte, mit dem Körper, in dem er steckte. Sondern Jonas, der zugleich Fred Clever oder Jeff Smart war oder beide oder jedenfalls als Freund mit ihnen in ihrer Wirklichkeit. Mit den Regeln und Naturgesetzen, die in ihrer Welt herrschten . . . Sie hatten viel Spaß. Es mußte lustig sein, sie zu sein. Und sie starben nicht." Keiner seiner durchschnittlichen Nachbarn ist mehr da, nicht einmal irgendwelche leblosen Körper. Das ist nicht ganz richtig, denn später will er es genau wissen und gräbt am Wiener Zentralfriedhof. Zu seiner Beruhigung sind wenigstens die alten Toten noch vorhanden.

Dieses Szenario liefert den Ausgangspunkt für "Die Arbeit der Nacht". Endzeitvisionen wurden schon öfter gesponnen, für das Wien des beginnenden XXI. Jahrhunderts darf Glavinics Erzählung allerdings Premierenstatus beanspruchen. In diesem seinem fünften Roman (nach dem ersten Erfolg "Carl Haffners Liebe zum Unentschieden", 1998) lotet er nun aus, was es heißt, wirklich allein zu sein. Die Unaufgeregtheit seiner Sprache mißt er der lakonischen Handlung an, die Geschichte plätschert angenehm daher.

In den ersten Tagen seines unfreiwilligen Eremitendaseins nimmt Jonas noch alles wie einen schlechten Scherz hin, sucht Wohnungen und Arbeitsstätten von Verwandten und Bekannten auf, versucht ebenso erfolglos über Telefon und Internet Kontakt aufzunehmen. Dann beginnt er Dinge zu borgen. Immerhin plagt ihn noch das schlechte Gewissen, doch schiebt er dieses Gefühl beiseite. Wenn niemand mehr da ist, kann man dann von Diebstahl sprechen? Er nimmt sich ein schnelles Auto (und sicherheitshalber eine Pumpgun), fährt über die Grenze nach Bayern, hinterläßt auf dem Weg überall Botschaften (etwa mit Kreide auf Wirtshausschildern: "6. Juli. Jonas"). Doch auch hier findet er niemanden und kehrt nach Wien zurück.

Seine Freundin Maria war am Tag vor dem bösen Erwachen zu ihrer Schwester nach England gefahren, so werden die Britischen Inseln für einen kurzen Moment zu einem Hoffnungsschimmer, doch auch dieser verglimmt. Wladimir hatte wenigstens seinen Estragon zur Unterhaltung, als sie auf Godot warteten, Jonas jedoch wird selbst die Stimme seiner Freundin verweigert, als er sie anruft - die Mailbox springt nicht an.

Etwa nach der Hälfte des Buches ebbt die Spannung ab. Wir wissen, daß Jonas der Letzte seiner Art ist. England mag er noch erreichen, eventuell könnte er nach Asien oder Afrika gelangen, über den großen Teich oder nach Australien realistischerweise nicht. Sollten dort noch Menschen leben, er würde es nicht erfahren. Spätestens ab da wirkt das Buch schon mal wie eine Testreihe. Was könnte man, vor diese Fakten gestellt, noch alles unternehmen? Mit dem Riesenrad fahren, Autorennen mangels Konkurrenz gewinnen oder die Wohnung der Eltern umbauen - na ja, das war's dann doch nicht. Glavinic läßt seinen tragischen Helden auf die Idee verfallen, an zahlreichen Orten Videokameras zu positionieren. Wenn doch noch jemand da ist, bannt er diesen mit viel Glück auf Magnetband, wenn nicht, kann er sich immerhin selbst dabei beobachten, wie er mit dem geliehenen Wagen mit affenartiger Geschwindigkeit in Wien herumflitzt.

Und dann ereignet sich doch etwas. Als Jonas Videoaufnahmen von sich selbst beim Schlafen durchsieht, wird es gruselig, denn sein schlafendes Ich beginnt ein Eigenleben, meist gerade dann, wenn die Aufnahmezeit endet. Mal steckt unvermittelt ein Messer in der Wand, mal erwacht er an Orten, an denen er nicht zur Ruhe gegangen ist. Und nach England will der Schläfer-Jonas, scheint's, auch nicht.

In diesem Teil der Geschichte verbirgt sich einiges an Potential, doch ebendieser Part wird nicht weitergesponnen. Der Roman fällt zurück, fast so wie Jonas auf seiner Reise. Andeutungen unheimlicher Ahnungen des Protagonisten bauen etwas auf, worum sich Glavinic letztendlich drückt. Jonas stellt vielleicht nicht den Typ des literarischen Helden dar, mit dem man mitleben kann oder auch nur will, aber er weckt zumindest Interesse. Hat man sich auf sein Dilemma eingelassen, seine Handlungen akzeptiert, so möchte man doch mehr erfahren, als "Die Arbeit der Nacht" zu geben imstande ist. Es ist schade, daß sich Glavinic nach verheißungsvollem Beginn im Mittelteil so verzettelt, daß für einen phantasievolleren Abgang kein Platz übrigbleibt.

"Schon immer hatte er sich vorgestellt, man könne durch Langsamkeit sterben. Indem man die Ausführung einer alltäglichen Handlung zeitlich dehnte - ins ,Unendliche' oder eben doch Endliche: weil man in diesem Dehnen und Ausdehnen diese Welt verließ." Diese Welt zu verlassen will dem Buch nicht recht gelingen, außer man mutmaßt, daß es sich insgesamt um die letzten Erinnerungen eines Todgeweihten handelt. Dann beträte es die Pfade von Leo Perutz, der in seinem Roman "Zwischen neun und neun" genau solch eine Volte gemeistert hat. Aber darauf deutet in der zahmen Phantasie von Jonas nichts hin.

Am Ende bleibt nach dem furiosen Auftakt Enttäuschung. Aber immerhin sehen wir bestätigt, was wir schon von jeher geahnt haben: Die Technik funktioniert ohne menschliches Zutun besser. Der Strom fließt aus der Steckdose, Wasser aus dem Hahn, selbst die Telefone arbeiten weiter, nur hebt niemand mehr ab.

Thomas Glavinic: "Die Arbeit der Nacht". Roman. Hanser Verlag, München 2006. 395 S., geb., 22,50 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.10.2006, Nr. 230 / Seite L5
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