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: Der leise Stellvertreter

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Riesige Ratten in der Sistina, die Michelangelos Fresken benagen. Kardinäle, die, gefangen im Konklave, darüber hysterisch werden. Ein Kardinal, den man nächtens tot im Bett findet, auf dem Kopf eine Monroe-Perücke, das Gesicht zur Hälfte grell geschminkt: Würde man nur dies zu Roberto Pazzis "Konklave" ...

          Riesige Ratten in der Sistina, die Michelangelos Fresken benagen. Kardinäle, die, gefangen im Konklave, darüber hysterisch werden. Ein Kardinal, den man nächtens tot im Bett findet, auf dem Kopf eine Monroe-Perücke, das Gesicht zur Hälfte grell geschminkt: Würde man nur dies zu Roberto Pazzis "Konklave" notieren, jeder vermutete schundigen Horror oder ein Pamphlet, das Hochhuths "Stellvertreter" schwitzige Schlüssellochperspektiven beifügt. Doch der Roman ist alles andere als das. Er ist eine hinreißend fabulierte, versponnene Geschichte darüber, was Glauben, Macht und Einsamkeit aus Männern machen.

          Eben noch unbeirrbarer Sittenhüter, verfällt besagter Kardinal in seiner Todesnacht der Schönheit eines jungen Schweizer Gardisten. Das geschieht in einer Sauna, die auf Rat des estländischen Kardinals Matis Paide im Vatikan eingebaut worden ist. Wie von ihm prophezeit, löst das gemeinsame nackte Schwitzen nicht nur die Würdeposen, sondern auch den Starrsinn. Mit verheerenden Folgen für den vom Eros Elektrisierten: "Es muß doch einen Weg geben, wie er es durchstehen kann, ohne den Schrecken zu ertragen, den er in den Dampfschwaden gespürt hatte. Es muß doch einen Weg geben, der alles rettet, seine Ehre, seine Begierde. Das ist es also, was die Verstoßenen, die Lasterhaften, die er von der Empfängnis der Sakramente ausgeschlossen hat, erleiden."

          Mit der indirekten Rede wahrt Pazzi die Intimsphäre des Heimgesuchten - obwohl er sie bloßlegt. Diskret und mitfühlend wie jener Sekretär, der dem Toten die Schminke abwischt, geht der Autor mit seinen Protagonisten um. Indem er ihre Ehrenmasken lüftet, schenkt er ihnen Ehre. Was keineswegs todernst geschieht. In "Konklave" jagen sich die Burlesken. Den Ratten folgen, wie der ersten Plage Pharaos, weitere Quälgeister - Skorpione, die göttliche Kunstwerke besudeln, gejagt von Katzen, Hühnern, Eulen, die heimlich, um das Konklave nicht in Verruf zu bringen, herangeschafft werden. Zuletzt - inmitten all der Hektik findet Pazzi Zeit für so kostbare ruhige Worte wie das von der "Lasursteinbläue" des römischen Himmels - verwandelt ein Orkan Rom in eine Dantesche Hölle.

          Fast schon vergessen von der Welt, die des monatelangen Zauderns der Papstwähler überdrüssig ist, werden diese von afrikanischen Glaubensbrüdern in Veitstänze, dann von brasilianischen in Lachkrämpfe versetzt. Doch kaum glaubt man, Pazzi habe sich dem Brantschen Narrenschiff verschrieben, folgt, den streitenden Kardinälen in den Mund gelegt, ätzende Kritik am Zwiespalt des mediterranen und transkontinentalen Katholizismus, am Dünkel derer, die letzterem christlich-europäische Normen und Dogmen aufzwingen. Dabei aber rutscht Pazzi bisweilen direkt in die Langeweile des politisch Korrekten: "Noch müssen durch die langsamen Mühlen der Geschichte unzählige Opfer gehen, die wir gemeinsam mit den Ayatollahs, mit den Rabbinern und sonstigen Hexenmeistern auf Erden hervorbringen."

          Dann kommt Hamlet ins Spiel: "Wie kann einer lächeln und immer wieder lächeln und doch ein Schurke sein?" Das fragt sich Ettore Malvezzi, Kardinal von Turin. Mit ihm, der böse sein, aber nicht böse lächeln kann, wird die Erinnerung wach an jenen "Lächler" Johannes Paul I., der kurz nach seiner Wahl zum Papst starb, ein letztes friedliches Lächeln auf den Lippen, wie es heißt. Was, wenn der Sanfte amtiert hätte? Er hätte vielleicht gehandelt wie Ettore, der Zögerer, zu handeln wünscht. Doch so, wie die Einsamkeit des Konklaves, die ja nur die Steigerung der täglichen Isolation dieser Gottesmänner ist, bei anderen die Ängste, Schwächen und Laster hat ausbrechen lassen, so wachsen bei dem Turiner die Hilflosigkeit und das Erbarmen, bis er nach einem letzten höchsten Schrecken kindlich wird, dem "Heiligen Kollegium" als so verrückt wie heilig erscheinend.

          Da ist Pazzi bei den schönen Legenden des Mittelalters angekommen, deren Helden alle Versuchungen und Fehler des Weltlichen erleiden, ehe sie auf dem Heiligen Stuhl sitzen. Kardinal Paide ist ein solcher. Er läßt an Papst Gregor denken, von dem, in Manns Novelle "Der Erwählte" sublim nacherzählt, ahnungsloser Inzest mit Mutter und Schwester überliefert ist, Mord und Bußen, die ihn zuletzt, mehr Tier denn Mensch, auf einem kahlen Fels inmitten eines Sees klagen und beten ließen, bis Rom rief. Paide über sich selbst: "War es der Teufel, der sich hinter seiner Inschutznahme der Natur und der Sinne versteckte? Was wußte er denn von der Lust und von der Liebe? Er, der immer im Glauben sublimierte, nachdem er dessen blendendes Licht in der Ödnis seiner Insel erkannt hatte, als eine Leidenschaft, die man nicht legitimieren konnte, ihn mit zwanzig Jahren zu der Erkenntnis brachte, daß er seine Schwester Karin nicht wie eine Schwester liebte?"

          Wird der Este Papst? Der Turiner? Oder erstmals ein Afrikaner? Das bleibt bis zuletzt offen. Ebenso versiert führt Pazzi am Ende ein rätselhaftes Zwillingspaar ein, zwei junge Priester, die alles nochmals verblüffend wenden. Doch auch dieser ultimative Kniff dient, wie all die aberwitzigen Szenerien und die launig beschriebenen Mirakel, einem anrührend leisen Plädoyer für Güte, die aus der Sünde wächst. "Wir laufen unserem Bild hinterher, um uns ihm anzugleichen", sagt Ettore einmal. Pazzis Roman rät, diesen unseren Wettlauf zwischen Hase und Igel gelassen zu ertragen.

          Roberto Pazzi: "Konklave". Roman. Aus dem Italienischen übersetzt von Moshe Kahn. Ullstein Verlag, München 2002. 317 S., geb., 22,- [Euro].

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.02.2003, Nr. 45 / Seite 46

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