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Veröffentlicht: 19.04.2005, 12:00 Uhr

Der Koffer der Hoffnung

Eleonora Hummels Roman über Deutsche in Rußland

Eleonora Hummel wurde 1970 in Kasachstan geboren. Dort lebte sie zehn Jahre lang mit ihrer Familie. Dann packte die Familie ihre Koffer und zog in den Nordkaukasus - nicht, um dort Wurzeln zu schlagen. Denn nach zwei Jahren packte die Familie wieder ihre Koffer und zog nach Dresden. Dort lebt die Schriftstellerin, die schon ein paar Preise gewonnen hat und auch im Jahr 2001 das Stipendium des fünften Klagenfurter Literaturkurses erhielt. Ihr schmaler Roman ist autobiographisch: Ein Mädchen, elf, zwölf Jahre alt, lebt mit ihrer älteren Schwester, ihrem älteren Bruder und ihren Eltern, der Vater ist Schneider, die Mutter arbeitet in einer Fabrik in der Sowjetunion, die Männer in den Krieg nach Afghanistan schickt. Das Mädchen heißt Alina und weiter: Schmidt. Eleonora Hummel erzählt die Geschichte von Rußlanddeutschen, die ihre Koffer packen und in den Norden ziehen - aber nicht, um dort Wurzeln zu schlagen. Nach Jahren des Wartens erhalten sie hier oben endlich die Genehmigung, nach Deutschland umzusiedeln. Die Familie steigt in den Zug und landet in Ost-Berlin. Dort endet die Geschichte.

Die enge Gegenwart hat eine dunkle Vergangenheit. Die Vergangenheit hat einen vertrauten Namen: Großvater. Alina geht wochentags in die Schule und sonntags zu den Großeltern. Dort liegt der Großvater auf dem Sofa, schweigt und raucht eine Zigarette nach der anderen. Das Radio ist angeschaltet. Der Großvater hört, was er nicht hören darf: die Stimme Amerikas. Der Großvater macht sich keine Sorgen mehr um seine Gesundheit. Alina geht mit ihm zum Angeln. Sie fragt, sie bringt ihn zum Reden. Und der Großvater erzählt. Alina erfährt, daß der Großvater lange Jahre in sibirischen Arbeitslagern verbringen mußte, und sie erfährt schließlich auch, daß ihr lieber Großvater nicht ihr Großvater ist, sondern der Bruder ihres Großvaters, der in den vierziger Jahren im Zuge der Deportationen und Kriegsereignisse verschwand. Als der liebe Großvater aus dem Arbeitslager entlassen wurde, das war nach Stalins Tod, ging er ins Dorf zurück und ging zu seiner Schwägerin. Er hatte keine eigene Familie und wurde mit den Jahren einfach: der Großvater.

Eleonora Hummel verschränkt die Erinnerungen des Großvaters an die Leidensgeschichte der deutschstämmigen Familie unter dem russischen Diktator mit der auch unter den Blicken der Behörden nicht kleinzukriegenden Hoffnung des Vaters, nach Deutschland ausreisen zu dürfen. Die Gegenwart des Mädchens besteht aus Ahnungen und Eindrücken. Eleonora Hummel schaut nicht über die Schultern der Gegenwart hinweg. Sie setzt ihre Geschichte ebenfalls aus Einschüben zusammen - Einschüben der Vergangenheit und der Hoffnung. Auf diese Weise entstand: ein floskelloser und anrührender, ein kleiner gelungener Roman.

EBERHARD RATHGEB

Eleonora Hummel: "Die Fische von Berlin". Roman. Steidl Verlag, Göttingen 2005. 223 S., geb. 18,- [Euro].

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